Sonntag, 21. Oktober 2012

Sonntags-Soirée: ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lost Songs


Der Bombast glänzt durch Abwesenheit: Auf ihrem neuen Album „Lost Songs“ werfen die texanischen Indie-Prog-Noise-Experten alle, aber wirklich alle Pomp-Kuschelkissen über Bord und packen ihre Fäuste in massive Boxhandschuhe inklusive Hufeisen. Um sich weiterzuentwickeln, blicken Conrad Keely und Jason Reece zurück auf ihre Frühphase. 

Ganz überraschend kommt diese Rückkehr zur krachigen „Source Tags and Codes“-Gangart freilich nicht. Wer die Band letzthin live gesehen hat, wie etwa beim Auftritt in Dublin 2011, der musste bemerken, wie viel Spaß das Quartett daran hatte, einfach drauf los zu trümmern, die Instrumente zu tauschen, auf Klavier-Intros zu verzichten. Und das Schöne ist ja: Diese Band kann das. Was scheinbar chaotisch wirkt, erfordert extreme Konzentration und Koordination.

Auf ein Intro verzichten Trail of Dead diesmal denn auch, eine knappe Minute lang bauen sie zwar erst kurz Atmosphäre auf, aber dann erwischt einen „Open Doors“ kalt und rennt los. Keelys charakteristische Stimme, die extrem dichte Soundwand, bei der es kein Durchkommen gäbe, wenn man gegen sie anrannte – jap, hier sind wir richtig. Dass die Gesangs-Melodielinie mit einer Handvoll Töne auskommt, tritt völlig in den Hintergrund. Zu groß die Freude, die Band mal wieder richtig losspurten zu hören.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich steht total auf die ausladenden Songkathedralen, auf das Epische, auf die Weite, die „Worlds Apart“ und die beiden Nachfolger so groß machten. Aber es geht eben auch anders. Wie sehr sich Trail Of Dead mit ihrer neu gewonnenen Freiheit wohl fühlen, zeigt auch die Länge der Songs. Alles zwischen drei und fünf Minuten. „Tao Of The Dead“ war großartig mit seinen ausufernden Krautrock-Soundscapes, aber das hier hat auch was. Und das Experimentieren, Solieren und Stimmungen verändern kommt ja auch nicht zu kurz. Eben noch groovt „Pinhole Cameras“ wie Sau, dann nimmt die Band das Tempo und Zerre raus. Vom dynamischen Verwirrspielchen mit laut und leise, hektisch und elegisch, lassen sie nicht ab. Warum auch? Nur weil das Album in Hannover aufgenommen wurde, hat ja niemand ernsthaft erwartet, dass die Scorpions auf einmal eine Rolle spielen würden. Songs herauszuheben, ist hier im Grunde Unsinn. Okay, „Catatonic“ eignet sich ganz gut als Appetizer, darum gibt’s auch ein Video, aber hier geht es nicht um Hitsingles, sondern um Exzellenz auf Albumlänge.

Jetzt muss ich mich bloß noch entscheiden, ob’s zu vorhersehbar wäre, sie damit schon wieder zur Platte des Jahres auf Tinnitus Attacks zu küren. Was will mir der Song „Time And Again“ wohl sagen?

„Lost Songs“ von And You Will Know Us By The Trail Of Dead ist am 19. Oktober via Superball Music erschienen. Neben der regulären CD gibt’s auch eine Limited Edition im 2-CD-Book mit 180 Seiten Text (inklusive vier Bonus-Songs, Exzerpten von „Strange News From Another Planet“ und Illustrationen von Allroundtalent, Sänger und Gitarrist Conrad Keely, sowie "Segued versions" der Songs auf Disc 2). 

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