Freitag, 5. Oktober 2012

Hörtest: Wintersleep – Hello Hum

Als sie vor ein paar Jahren den Prediger und den Astronauten über Gott diskutieren ließen, wähnte man sich im Indierock-Himmel. Dann hatten die Kanadier von Wintersleep ihre Interpol-Phase. Die ist jetzt abgehakt. „Hello Hum“ zeigt eine Band, die sich ihrer Stärken bewusst ist – und diese voll und ganz ausspielt. 

Haben die das nötig? Ich hatte mir vorgenommen, „New Inheritors“ vor zwei Jahren genauso ins Herz zu schließen wie das Album davor, „Welcome To The Nights Sky“, das zum Beispiel diesen genialen Song „Astronaut“ barg. Aber es ging nicht so Recht, weil einen die Songs immer anrempelten: Hey, wir sind Interpol. Hände hoch. Dabei waren Wintersleep doch schon an dem Punkt angekommen, wo sich sich gefunden hatten. Wenn man „Hello Hum“ hört, kommt es einem vor, als hätten sich die vier Musiker aus Halifax, Nova Scotia, darauf besonnen.

Die Songs sollen auf eine Weise entstanden sein, die die Stimmung des Albums erklären würde: In nächtlichen Sessions seien Demos im Schlafzimmer mit dem Diktiergerät aufgenommen worden, andere Ideen während Soundchecks aufgezeichnet worden sein. In der Tat fühlt sich „Hello Hum“ an wie ein Spaziergang zwischen Traum und Dämmern, ein Trip in die Gefilde, wenn man nicht mehr weiß, ob man gerade Reales erlebt oder sich noch in den eigenen Hirnwindungen befindet. Elegant verweben Wintersleep dabei instrumentale Vielfalt mit elektronischen Sprengseln und weitschweifigem Hang zum Ausufern. Ob schleppende Tempi („Hum“) oder schnellere Nummern wie „Resuscitate“ – souverän und selbstbewusst klingt das, und man kann sich vorstellen, wie das live funktioniert, wie sich die Menschen vor der Bühne zu den Klängen bewegen, staunen, genießen und die Augen schließen, weil die Musik an sich visuell genug ist. „Nothing Is Anything (Without You)“ greift mit Handclaps und Percussion die Stimmung von „Wlecome To The Night Sky“ auf, ohne abzukupfern. Die meisten Songs sind kompakt gehalten, zwischen 2 und vier Minuten lang, nur am Ende darf „Smoke“ sich in die Länge ziehen wie Rauch, der über einer verschneiten Siedling zu sehen ist – und man weiß, jemand ist zuhause. Wintersleep haben sich nochmal neu justiert, dabei aber ihre alte Stärke wiederentdeckt. Freuen wir uns an einem Herbstalbum, das nebelverhangen Lust auf Laubspaziergänge und etwas gepflegte Düsternis macht.

„Hello Hum“ von Wintersleep ist am 21. September bei Affairs of The Heart erschienen. Mehr unter www.wintersleep.com
Hier sehr Ihr noch einen Clip von "In Came the Flood". 

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