Sonntag, 14. Oktober 2012

Sonntags-Matinée: Captain Planet – Treibeis

Erster Gedanke: Die neue Blackmail? Der Opener „Pyro“ mit seinem Intro könnte aus der Ebelhäuser-Riffschmiede stammen. Aber dann setzt der Gesang ein und man weiß: Das hier ist was anderes. 

Vor allem, weil es nicht soooo furchtbar viele Bands gibt, die auf Deutsch singen und dabei weder pathetisch noch betroffen, weder bemüht cool noch aufgesetzt clever wirken. Captain Planet haben das Talent, Texte zu schreiben, die auf den ersten Blick kryptisch wirken, aber doch Sinn ergeben. Ein bisschen wirkt das, als ob man in einen Kopf schauen könnte, Gedankenfetzen abfangen würde, als ob man den Hirnfunk mithören würde. „Der Ostwind und das Eis/Der Schnee und dein Atem/Deine Blase und die Bar/Ihr Rauch und die Nacht/Der Morgen und die Straße/Ihre Blicke und der Bus/Dein Bett und ihr Kissen/Wieder allein, immer allein.“ Es sind Bruchstücke, aber sie wecken Erinnerungen, nachvollziehbar, hier geht es um Identifikation. Am Ende wird aus dem „Wieder allein“ ein „viva allein“, man möchte sich verschämt die Träne aus dem Augenwinkel wischen, aber sie ist festgefroren.

Treibeis ist ein treffender Titel für diese Platte, denn das „Treib-“ kommt auch im „Antreiben“ vor, und das tun die Songs, das Eis steht für die Kälte, die Captain Planet thematisieren, gleich, wo sie einem begegnet. In der Stadt, im Alltag, in der Beziehung, wo auch immer. Das Ganze verpackt in einen Mix aus Indierock und Punkrock, der gefällt. Während die Gitarren rhythmisch und herrlich roh nach vorne drängen und der Bass tänzelt, geben sich die Drums mal dezent vertrackt, mal straight, mal minimalistisch. Und immer diese Text, dass sollte jeder hören: „Dieser Bildschirm ist hinüber/Die Sekunden eingebrannt/Zeigst deine Trauer/Wie der Baum im Winter seine Nester“, heißt es in „Nest“.

Es geht um Ängste, um Selbstzweifel, das ist jetzt nicht überraschend, aber die Art und Weise, wie Sänger und Gitarrist Jan Arne das in Texte gießt, ist groß. „Und ich frag dich:/Wie gehst du nur mit den Niederlagen um?/Und du fragst mich:/Wo üben die, die immer siegen?“, so singt er in „Spielplatz“. Wie kann man nur einen genialen Song so understatement-mäßig "Aus alt mach neu" nennen, wenn er doch so einen weisen Text hat? Die können das.

Es sieht gut aus für die Band aus Hamburg, die jetzt auch den Respekt der Feuilletons genießt, die sich so selbstbewusst nach der neidlich-kitschigen Comicserie aus den 90ern benannt hat. Musik, zu der man in Sturm und Regen zum Hafen läuft und Beweise für eine alte Liebe im Wasser versenkt.

„Treibeis“ von Captain Planet ist am Freitag, 12. Oktober, via Uncle M erschienen. 
Mehr unter www.captain-pla.net. Streamen kann man das Album hier
Den Clip zu „Pyro“ seht Ihr hier. Und als weiteres Goodie: Das Intro zur Serie. Ich hab's gern gesehen.

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