Sonntag, 2. September 2012

Konzertkritik: Rock Am See 2012


Eine verschmähte Punklegende, ein Frontmann im Duracellhasen-Modus und handfeste Überraschungen: Rock am See 2012 hat alles auf Lager gehabt. Ein subjektiver Blick (in chaotischer Reihenfolge) auf die Bands, die in Konstanz die 27. Auflage des Tagesfestivals bestritten haben.

„Auf Green Day ist geschissen“, skandieren Kraftklub in ihrem Song „Zu Jung“. Das Gros der Konzertgänger dürfte das anders sehen. Allerdings: Die Durchdiedeckegeher aus Chemnitz, die extrem kurzfristig für die Beatsteaks eingesprungen sind, sind so etwas wie der heimliche Headliner des Tages.  Ein Wahnsinnsbild bietet sich einem, wenn man aus etwas Entfernung die Arme von Tausenden in der Luft sieht. Auch wenn die Mischung aus Hives-Gitarren und Sprechgesang nicht jedem gefällt: Felix Brummer zeigt Fronter-Qualitäten, seine Band hält ihm den Rücken frei. Insofern: Hossa. Als Vorband der Beatsteaks in Zürich Anfang 2011 fand ich Kraftklub öde. Der Auftritt in Konstanz rückt die Band in ein sehr viel positiveres Licht. Apropos Beatsteaks: Die sind zwar nicht da, ihr Name fällt aber trotzdem häufiger als der jeder anderen Band, die auftritt. Fast alle Musiker senden ihre Genesungswünsche an Drummer Thomas Götz, der nach einem Unfall auf der Intensivstation liegt, und auch Das Ding-Moderatorin Christiane Falk macht ein paar Fotos von der Menge für die Beatsteaks.

Überzeugend: Itchy Poopzkid. 
Überraschung Nummer zwei für mich: Itchy Poopzkid. Ich weiß, die Jungs haben einen erstklassigen Ruf und spielen so oft live, dass man sie im Grunde schon mindestens drölf mal gesehen haben muss. Trotzdem: Für mich ist es das erste Mal, dass ich das Punkrocktrio sehe. Schwer begeistert, muss ich danach resümieren. Da stimmt ja einfach alles. Songs wie „Why still bother“ gefallen extrem, aber das alleine reicht ja oft nicht. Aber wie Sibbi, Panzer und Max das Publikum zu Circle Pits und anderen Bespaßungsaktionen animieren, kurz mal Instrumente tauschen und mit ihren Ansagen das Unterhaltungsniveau von Die Ärzte anpeilen – das hat was. Vor allem ist die Band ja als erstes dran, weckt die Fans aber sehr gelungen auf. Schöner Moment auch: als die Menge einen Gitarrenkoffer in die Luft stemmt und Sibbi darauf Gitarre zockt. Erinnert mich irgendwie an Asterix-Comics. Majestix, bist Du's?

Das krasse Gegenteil bieten später Angels & Airwaves. Was für ein satter Rockstar, dieser Tom DeLonge. Kommunikation? Fehlanzeige. Der Blink 182-Sänger und seine Musiksöldnertruppe wirken gelangweilt und machen Dienst nach Vorschrift. Dazu kommen die ewig gleichen Gitarrenfiguren, etwas Keyboard-Popanz und Baukasten-Melodien, die es nicht auf Blink-Alben geschafft haben. Wäre Homer Simpson im Publikum gewesen, hätte man seine „Booooooring“-Rufe wohl noch bis in die Schweiz gehört.

Immer wieder ein Vergnügen: Flogginy Molly. 
Wie's richtig geht, zeigen Flogging Molly. Ist ja kein Geheimnis, dass Dave King und seine Irish-Folk-Kapelle die überschäumendsten Live-Momente einschenken kann. Und das tut das Septett in Konstanz auch. Polka-Donnergurgler wie „The Likes of You Again“ wechseln sich mit langsameren Weisen á la „The Power's Out“ oder „Float“ ab. Dann zollen sie noch dem Protestsong-Paten Bob Dylan Tribut mit ihrer Version von „The Times They Are A-Changin'“, die auf dem Chimes Of Freedom-Sampler vertreten war, und entlassen uns mit dem sentimentalen „What's Left Of The Flag“ wieder in den nassgrauen Alltag. Jederzeit wieder.

Verschmäht: Social Distortion haben's
nicht leicht.
Den undankbarsten Slot haben Social Distortion gezogen. Sie müssen vor Green Day ran – aber viele Fans im ersten Wellenbrecher sind eben wegen Billy Joe & Co. da und besetzen die besten Plätze schon mal. Im wahrsten Sinne des Wortes: So viele Menschen sitzen sehen bei einem Auftritt von Mike Ness und seiner Punkrocktruppe hat man selten. Was ist da los? Arsch hochkriegen, anyone? Hier steht eine Punklegende auf der Bühne! Dem coolsten Pomadenkopf im Musikbiz stinkt's nach einer Weile selbst, er fragt, ob denn jemand gestorben sei. Gut, die Songs von Social Distortion sind vielleicht keine Partyhymnen und etwas altersmilde klingen die Orange County-Rocker inzwischen schon. Aber was hier vor der Bühne passiert, ist echt schwach. Lediglich beim rasanteren „Don't Drag Me Down“ wird’s mal etwas stimmungsvoller. Ansonsten wird dieser Gig sicher nicht als der vor dem besten Publikum in die Bandgeschichte eingehen. Übrigens: Den Namen des Headliners lauthals zu brüllen, wenn gerade noch die Band davor auf der Bühne steht, wird mit Justin Bieber hören nicht unter zehn Jahren bestraft. Die Sitzung ist geschlossen.

Green Day selbst bieten dann überlebensgroßen Stadionrock, der mitreißt, aber auch schon hart an der Grenze zur Karikatur schwankt. Die Zahl der Mitsingspielchen („Heooo“) etwa hätte man zugunsten von mehr Songs auch reduzieren können. Und wenn Billy Joe abwechselnd „Deutschländ! Switzerländ!!“ ins Publikum ruft, fragt man sich, ob „Konstanz“ so schwer auszusprechen wäre. Aber: Green Day machen verdammt nochmal Stimmung. Das können sie schon, und als Headliner sind sie auch goldrichtig hier aufgehoben. Ob Songs neueren Datums wie „Oh Love“ oder olle Kamellen vom „Dookie“-Album – alles dabei, alles gutgelaunt und wuchtig. Und Billy Joe läuft und läut und läuft wie der Duracellhase. Highlights des Gigs: Drei Fans werden auf die Bühne geholt, übernehmen die Instrumente und stehen für ein paar Sekunden im Rampenlicht. Die drei machen ihre Sache gut und sollten eine Band gründen. Wie wahnsinnig klänge das in Interviews: „Wie habt Ihr Euch kennengelernt?“ Antwort: „Green Day haben uns auf die Bühne geholt und dann haben wir gedacht, och, das haben wir echt prima hinbekommen, die Chemie war auch da, wir könnten doch zusammen spielen.“ Die Chemie stimmt auch bei Green Day, die Band, die seit „American Idiot“ ihren zweiten Frühling auskostet, ein eigenes Musical hat und deren Poster vermutlich unzählige Schlafzimmerwände pflastern. Ein wuchtiger Auftritt.

Ach ja, Jupiter Jones waren auch da. Was soll ich sagen? Es gibt wenige Bands, die auf Deutsch singen, mich begeistern und nicht Die Ärzte heißen. Es liegt an mir, nicht an Dir.

Text und Fotos: Daniel Drescher

Mehr Bilder haben meine Kollegen auf schwäbische.de

1 Kommentar:

  1. Super Bericht! Schade was da anscheinend publikumstechnisch bei Social D. abging. Das zeugt wirklich von 0 Manieren!

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