Samstag, 15. September 2012

Konzertkritik: The Pogues in Paris


The Pogues.
Support: The Moorings.
Olympia, Paris.
Dienstag, 12. September.
Text und Foto: Daniel Drescher

Und dann schneit es. Als Shane McGowan mit Ella Finer das rührende Duett „Fairytale of New York" anstimmt, stehen sie plötzlich in einem Schauer aus weißem Konfetti. Der Song ist ohnehin das großartigste Weihnachtslied der Welt und zeigt, was gute Musik von Ohrquälern der Marke „Last Christmas" unterscheidet. Am Ende wiegen sie sich im Walzertakt – McGowan schwankt deutlich – und auch harte Pogotänzer, die kurz zuvor noch den Boden im Olympia zum Beben gebracht haben, reiben sich verschämt eine Träne aus dem Auge. Kitsch? Ein klitzekleines bisschen. Aber wer 30 Jahre Bandjubiläum feiert, der darf auch mal die Konfettimaschine anwerfen. Bei „Fiesta", dem letzten Stück des Abends, regnet es im ganzen Saal bunte Papierschnipsel. Einen hab ich mitgenommen.

Their name in lights: Die Pogues rocken Paris.     Foto: Ich
Zwei Abende in Folge ausverkauftes Haus. Die Pogues in Paris. Sie gelten als Pioniere eines Sounds, der Irish Folk mit Rock und Pop-Einflüssen vermengt. Als Vorgänger, Vorfahren, von Bands wie Flogging Molly oder Dropkick Murphys, die diesen Stilmix noch extremer in die Punkrock-Ecke getragen haben. Wenn Flogging Molly die überschäumende Pup-Party sind und die Dropkick Murphys der deftige Barfight – The Pogues sind der besoffene Pubgänger, der auf dem Nachhauseweg erstmals ausrutscht und in der Gosse landet. Die Pogues machen einfach Folk – die Stimmung gleicht aber trotzdem der auf einem Punk-Pogo-Gipfel. Kaum erklingen die ersten Takte von „Streams of Whiskey" und „If I Should Fall From Grace With God", tanzt die Meute. Das Schöne: Man muss keine Tanzschule besucht haben, um hier mitzuhalten. Liegt vielleicht auch am Alkohol, dass es egal ist, ob dieser und jener Move cool aussieht. Sorgsam gestylte Punk-Frisuren oder Rockabella-Ponys halten diese Folkparty nicht lange durch, aber auch hier gilt: egal.

Und während die Fans sich an Gitarre und Banjo, Tin Whistle und Mandoline erfreuen, die sich Arm in Arm eingehakt haben und die große Konzerthalle in ein riesiges Pub verwandeln, stehen alte Männer auf der Bühne, die schon seit Jahrzehnten Musik machen. Manchmal wirkt das niedlich, etwa bei Philip Chevron, der seinen Mantel und die Mütze den ganzen Abend über nicht ablegen wird. Manchmal ist es aber auch irgendwie traurig, Stichwort Shane McGowan nochmal. Der Mann ist erst 54 Jahre alt, schleppt sich aber auf die Bühne als wäre er doppelt so betagt. Jahrelanger übermäßiger Alkoholkonsum hat scheinbar seine Wirkung getan. Mag sein, dass es ihm dieser Tage wieder besser geht als vielleicht vor ein paar Jahren – in Dublin übergab er sich vor zehn Jahren auf der Bühne –, irgendwie stimmt einen der Anblick trotzdem melancholisch. Der Ozzy Osbourne des Irish Folk, zuckt es mir durch den Kopf, als er zwischendurch immer wieder von der Bühne tippelt und mit einem frischen Glas, das mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist, zurückkommt. Die Sonnenbrille nimmt der Kettenraucher irgendwann ab. Die Leute rufen ihm zu, huldigen ihm: „You’re a legend!". Von seinen Ansagen verstehe ich ehrlich gesagt nicht viel – aber es muss was Lustiges sein, denn jedesmal danach kommt diese Ernie & Bert-Lache. Dann übernimmt Spider Stacy für ein paar Songs das Kommando, das poppige „Tuesday Morning" etwa, das für die Pogues das ist, was für The Cure deren „Friday I’m In Love" war: ein veritabler Hit. Eine ungeplante artistische Einlage gibt’s bei „Body Of An American": Akkordeonspieler James Fearnly rutscht aus und landet auf dem Hosenboden. Aber auch das: herzlich egal, wenn die Partywogen so hoch gehen. Happy 30th anniversary!

Auch die Vorband The Moorings passt, wenngleich ihr Folksound sehr traditionell und eng an Vorbildern orientiert daherkommt. Immerhin: Jetzt weiß man immerhin, dass auch Banjo-Spieler derart heftig posen können, dass Mike Ness grün vor Neid würde.

Eine Story von mir anlässlich des 30-Jährigen Bestehens der Pogues lest Ihr voraussichtlich im nächsten SLAM. Dazu hab ich mich in Paris mit Terry Woods unterhalten.

Die komplette Setlist aus Paris:

Streams of Whiskey
If I Should Fall From Grace With God
Broad Majestic Shannon
Greenland Whale 
Pair of Brown Eyes
Tuesday Morning
Kitty 
Sunny Side of the Street
Thousands are Sailing(sung by Shane)
Repeal of the License Laws
Lullaby of London
Body of an American
Young Ned of the Hill
Boys of the County Hell
Dirty Old Town 
Bottle of Smoke
Sickbed of Cuchulan

1st Encore:
Sally MacLenane
Rainy Night in Soho
Irish Rover

2nd Encore:
Star of the County Down
Poor Paddy
Fairytale of NY
Fiesta

Ein paar sehr schöne Bilder vom Konzert gibt's bei dem französischen Magazin Sounds of Violence, das sich britischer Rockmusik verschrieben hat.

Kommentare:

  1. Uh Tinnitus International? Sehr schöner Text - wie immer halt ;)

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  2. Ja, sehr schöner Trip! Wie die Franzosen sagen würden: Merci bien pour les fleurs!

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