Mittwoch, 26. September 2012

Konzertkritik: La Dispute, Title Fight, Make Do And Mend und Into It. Over It in Zürich

La Dispute, Title Fight, Make Do And Mend
Support: Into It. Over It.
Abart, Zürich. 
Montag, 24. September
Text und Fotos: Daniel Drescher


Die Melodieverliebten, die Experimentellen und die Intellekt-Hardcoreler: Make Do and Mend, Title Fight und La Dispute mache gemeinsame Sache und reißen eine Tour runter, die mit allen Fans von cleveren Hardcore-Klängen das macht, was die Glocke für Pawlows Hund angerichtet hat. Als Support haben die derzeitigen Highflyer Evan Weiss dabei, einen Singer/Songwriter, der alleine mit seiner Akustikgitarre auf der Bühne sitzt und – wen wundert's – Rauschebart und Hornbrille trägt. Dazu das obligatorische Truckerkäppi – fertig ist die Laube. Der Musiker aus Chicago macht seine Sache aber gut und heizt die Besucher im Züricher Club Abart kräftig vor. Schön, wenn man das Gefühl hat, dass hier jeder dem anderen die Butter auf dem Brot gönnt.

Das passiert noch öfter am Abend, etwa wenn James Carroll von Make Do And Mend auf  zupackend-aufrichtige Art die anderen Bands lobt und sich freut, Teil dieser Tour zu sein. Niedlich, wie sich Ned Russin von Title Fight aufgeregt zeigt, das aber so tiefenentspannt sagt, dass man ihm unweigerlich grinsen muss. Und La Dispute haben natürlich auch positive Worte für ihre Tourgefährten übrig. Scheint so, als hätten die Musiker ebenso viel Spaß an dieser genialen menage a trois wie die Zuschauer. Aber der Reihe nach.

Massiv: Make Do And Mend. 
Make Do And Mend sind die Handwerker des Abends. Wären Songs Behausungen (was ja irgendwie passt, weil man sich darin durchaus zuhause fühlen kann), die Band aus Connecticut würde Blockhütten zimmern, die kein Hurrikan auseinander nehmen kann. Songs von „End Measured Mile“ und vom noch relativ neuen „Everything You Ever Loved“ harmonieren im Set prima, erstaunlich auch, wie heftig eine doch ziemlich softe Ballade der Marke „St. Anne“ abgefeiert wird. Es macht verdammt Spaß, zuzuschauen, wie die Konzertgänger vor der Bühne jedes Wort mitsingen. Carroll fungiert dabei nicht nur als charismatischer Sänger, sondern auch als Rhythmusgitarrist, während sein Bruder Matt die Drums mit Vehemnz bearbeitet und Mike O'Toole flirrende Singlenote-Linien aus seiner Telecaster zaubert. Hot Water Music wären stolz, ach was, sind stolz auf diese Band, die weit mehr ist als ein Quartett von Epigonen. Überragend auch: Jordan Dreyer gesellt sich für die Guestvocals bei „Ghostal“ auf die Bühne und verschwindet genauso überraschend wie er aufgetaucht ist. Wahrlich geisterhaft eben.

Laut: Title Fight. 
Eben haben Title Fight ihre neue Platte „Floral Green“ in die Regale gehievt, und die Experimentierfreudigkeit, die sie darauf zelebrieren, strahlen sie auch live auf. Mich erinnert Sänger Ned Russin dabei auch latent an Hunter Hunt-Hendrix, den Fronter der Black-Metal-Band Liturgy. Man möchte wahrscheinlich gar nicht wissen, wie seine Stimmbänder aussehen, wenn er Energiebrocken wie „Shed“ raushaut. Die neuen Songs wie „Head In The Ceiling Fan“ fügen sich bestens ein. Den Gesang teilt sich Ned mit Jamie Rhoden, der ja nun so gar nicht nach Hardcore aussieht, sondern eher wirkt wie der schüchterne Nebensitzer aus dem Geschichtsunterricht. Aber was für ein Organ! Da treten die Adern am Hals hervor, dass man Angst hat, sie könnten gleich platzen. Und James Carroll hat nicht zu viel versprochen: Im Publikum ist die Hölle los. Tanz, Cowboy! Title Fight haben übrigens einen Hit, der nennt sich „27“ und erntet am Ende die wohl euphorischsten Reaktionen.

Brachial und intelligent: La Dispute.
Und dann La Dispute. Die blutjunge Hardcore-Hoffnung aus Michigan hat es heute mit einer extrem textsicheren Meute zu tun. Wahnsinn. Wenn man selbst beim Crowdsurfen noch die Textzeilen mitbrüllen kann, das ist gekonnt. Bei La Dispute ist es diese umwerfende Mischung aus brachialer Kraft und nachdenklichen Fast-schon-Spoken-Word-Parts, die grandios gelingt. Ok, das Intro von „Safer in the Forest“ kommt vergniedelt daher, aber du meine Güte. Wir sind hier ja nicht im Jazzkeller. Die Energie, die Jordan Dreyer freisetzt, ist schier unbegrenzt. Kaum ein scharfes Foto kann man von ihm schießen, ständig ist er in Bewegung, dieser menschliche Flummi.  Natürlich kommen Songs vom letztjährigen famosen „Wildlife“ zum Zuge, aber auch „ältere“ Stücke wie „Andria“ sorgen für Ekstase. Die schönste Verbrüderungsszene zwischen Publikum und Band gibt's am Ende: Bei „Said The King To The River“ begreift die Meute, dass man jetzt nochmal ausrasten muss, Jordan streckt das Mikro in die Menge, der Text sitzt. Zürich, Montagabend: Die Frisur ist im Arsch. Es könnte kaum egaler sein.

Mehr Fotos von der Show gibt's hier. Tinnitus Attacks gibt's übrigens auch auf Facebook und Twitter. Liken, folgen, und auf dem Laufenden bleiben. 

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