Samstag, 8. September 2012

Konzertkritik: Get Well Soon im Abdera in Biberach


Get Well Soon.
Abdera, Biberach. 
Donnerstag, 6. September 2012.
Text: Daniel Drescher
Fotos: Georg Kliebhan

Zugegeben: Bei Get Well Soon bin ich Fanboy. Sicher schon ein halbes Dutzend Konzerte von Konstantin Gropper und seiner Band gesehen – und wie kaum bei einer anderen Band habe ich sofort nach einem Konzert das Bedürfnis, den Tourkalender durchzuschauen und den nächsten Auftritt in der Gegend ausfindig zu machen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass es so viel zu entdecken gibt im Klangkosmos dieser so speziellen Band, auf Platte ebenso wie wenn das Miniaturorchester um den gebürtigen Erolzheimer auf die Bühne geht.

Opulenter Auftritt: Get Well Soon im Abdera.
                                                            Foto: Georg Kliebhan
Der Auftritt im Biberacher Abdera ist ausverkauft. Ein Heimspiel für den jungen Musiker, der in drei Wochen 30 wird. Nicht ganz selbstverständlich, dass jemand, der mit seiner Musik so viel Beachtung genießt, den Tourauftakt in der früheren Heimat macht. Man könnte es sich auch einfach machen, ein paar Gigs in Großstädten spielen. Das ist offenbar nicht, was Get Well Soon wollen. Gropper verleugnet seine oberschwäbischen Wurzeln nicht, aber er spielt gerne ironisch mit ihnen. Etwa, wenn er auf der Bühne zur Wasserflasche greift und nach einem Blick aufs Etikett das „Dietenbronner“ aufs Korn nimmt: „Kennt Ihr noch so Mineralwasser, in dem so viel Kohlensäure drin war? Da musste man Blut spucken, wenn man es getrunken hat.“ Ironie ist von Anfang an der beste Freund von Get Well Soon, was sich auch in Songtiteln wie „I Sold My Hands For Food So Please Feed Me“ wiederspiegelt. Genau dieser Song eröffnet nach dem „Prologue“ vom neuen Album „The Scarlet Beast O'Seven Heads“ den Abend. Seltsam, genau diesem Song habe ich extrem entgegengefiebert. Wie sich das Stück langsam aufschaukelt, bis es über einem zusammenstürzt wie die Welle über dem Reiter – ein Lieblingsmoment so früh im Set? Kann man nur bringen, wenn man noch genügend davon auf Lager hat. Das ist hier definitiv der Fall. Vom neuen Album kommen eine Handvoll Stücke zur Geltung, der Bandleader stapelt tief und macht einen Wettbewerb daraus, wer mehr Spielfehler zählt. Und wenn schon. Das macht es authentisch, davon lebt Musik doch schließlich. Wer im Abdera steht, will sicher kein Vollplayback, keine Sounds aus der Konserve. Ein bisschen ist das wie mit der sorgsamen Aufmachung der Musiker: Schicke Hemden, am Ende durchgeschwitzt, die Weste legt Drummer Paul Kenny ab. Nach wenigen Minuten hängt Konstantin die sorgsam zurechtgekämmte Haarsträhne ins Gesicht. Energie.

Wuchtiges Drumming: Paul Kenny. Foto: Georg Kliebhan
Die neuen Songs leben nicht nur vom epischen Songwriting, sondern auch von der wuchtigen Live-Darbietung. Für „The Last Days Of Rome“ greift Konstantin Gropper zu einer kleinen E-Mandoline im Gewand des Gibson-Gitarrenmodells „Firebird“, ein nettes Gimmick. Oder „Courage Tiger“: Der Mann am E-Piano wechselt vom Vocoder an, nennen wir es mal, Safri-Duo-Drums, und dann rechtzeitig zum Pianoeinsatz wieder genau dahin. Auffällig auch, mit welcher Wucht Paul Kenny sein Schlagzeug an manchen Stellen vermöbelt. Neue Facetten für Songs, die auf dem Album mit weicheren Sticks gestreichelt werden. Bei aller Verschrobenheit und Vorliebe für obskures Italo-Kino vergisst das neue Werk von Get Well Soon auch die Hits nicht. „Roland I Feel You“ zum Beispiel wird extrem abgefeiert. Und noch ein Lieblingsmoment: Als gegen Ende des Abends „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ ein wahres Trommelfeuer entfacht, wenn Konstantin zwischendurch an die Safri-Drums tritt. Der Song entpuppt sich als ungeheurer Ohrwurm mit seinem Kontrast aus schwelgerischer Melodie und tanzbarem Rhythmus. Fun Fact: Die Samples im Song, eine verzweifelte Frauenstimme, die um Liebe ringt, stammen aus Hitchcocks Psychothriller „Marnie“.

Neben den neuen Songs gibt es natürlich auch viele Stücke von „Vexations“ (2010) und vom Debütalbum „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“, ob die nun „Angry Young Man“, „5 Steps/7 Swords“, „A Burial At Sea“ oder „Lost In The Mountains (Of The Heart)“ (die fulmiante Zugabe) heißen. Der frühe Hit „If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting“ wird übrigens konsequent ignoriert. Vielleicht musste man ihn in den vergangenen Jahren zu oft spielen. Aber eigentlich ist sowas ja ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass man seitdem viele grandiose Songs geschrieben hat.

Mehr Fotos haben meine Kollegen von schwäbische.de
Vielen Dank an Georg Kliebhan, der Tinnitus Attacks Bilder zur Verfügung gestellt hat.Ein großartiger Fotograf, checkt mal seine Internetseite



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