Montag, 10. September 2012

Hörtest: Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra: Theatre Is Evil

Ob mit den Dresden Dolls, solo oder im Rahmen ambitioniert-experimenteller Projekte: Amanda Palmer macht, was sie will. Diesmal vor allem: viel Theater, einen Sound, der sich mal wieder zwischen alle Stühle setzt – und damit alles richtig. 

„Meine Damen und Härren, wie könnte ich meine Pulsadern aufschneiden, wenn ich nicht zu tanzen aufhören kann?“ Das ist doch mal eine schöne Begrüßung, die uns Amanda Palmer da im Intro von der australischen Varietékünstlerin Meow Meow entgegenrufen lässt. Und dann der Opener „Smile (Picture Or It Didn't Happen): Jetzt ist sie endgültig übergeschnappt, muss man befürchten. Bombast, übersteuert, überdreht. Amanda Palmer fährt ganz schwere Geschütze auf – die kann sie sich auch leisten, dank der millionenschweren Unterstützung, die ihr ihre Fans über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter zur Verfügung gestellt haben. Bevor hier aber die schon anderswo xfach erzählte Geschichte von den 1,2 Millionen Dollar wiedergekäut wird, widmen wir uns lieber der Musik.

Amanda Palmer und ihre Band, bestehend aus Michael McQuilken (Drums), Chad Raines (Gitarre und Synthesizer) sowie Jherek Bischoff (Bass) haben mit Produzent John Congleton (St. Vincent, Murder By Death, Modest Mouse, Xiu Xiu) in Melbourne eine wahre Wundertüte von Album aufgenommen. Von größenwahnsinnigen Pathos-Epen bis zur verträumten Klavierballade reicht das Spektrum. Vieles wirkt dabei so neu, dass eine eigentlich typische Pianoschönheit wie „The Bed Song“ heraussticht, weil er so normal wirkt. Überhaupt haben sich die Perlen auf der B-Seite versteckt. „Masschusetts Avenue“ etwa mit seinen aufgedrehten Schnörkeln. Aber auch „Melody Dean“, das Cure-Keyboard und Trompete bemüht. 80er-Krimes-Pop-Crossover täuscht „Want It Back“ an, „Trout Heart Replica“ verweist auf Captain Beefheart. Und über allem thront die atemlose, manchmal hysterische Stimme von Amanda Fucking Palmer, wie sie sich nun nennt. Pop ist das, postmodern eh, und hemmungslos, weil es aus Dingen, die schon mal da waren, etwas Neues schafft. Und vor allem ist es verdammt eigenständig und seltsam.

Während die Aufnahmen liefen, hat Palmer privat 30 bildende Künstler Kunstwerke schaffen lassen, zu denen sich die Künstler von Palmers Songs inspirieren lassen sollten. Auch die Tour soll bombastisch werden, laut einem Interview mit der Taz hat Palmer die per Kickstarter gesammelte Kohle schon wieder auf den Kopf gehauen. Beim Album war das Geld gut investiert. Wer die Bühnenshow sieht, kann sich dann ein Urteil bilden, ob das dafür auch gilt.

„Theatre Is Evil“ erscheint am 14. September via Cooking Vinyl. Videos auch von den Tourproben gibt’s unter www.youtube.com/user/amandapalmer. Hier noch der Clip zu "Want It Back". Achtung, NSFW! Und wer nackte Frauen nicht ab kann, sollte vielleicht auch wegbleiben.

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