Sonntag, 12. August 2012

Sonntags-Matinée: The Flower Kings

Muss mal ein neuer Begriff her, weil Prog eigentlich nicht mehr progressiv ist, sondern schon wieder nostalgisch? Haarspalterei. Die Flower Kings machen auf ihrem aktuellen Album auch das, was sie am besten können: ganz großes Soundkino – in 3D, plus Geruchskino plus Eis vom Eisverkäufer. Enttäuscht geht da niemand nach hause. 


Den ganz imposanten Brocken ganz vornehin: „Numbers“ heißt der Opener auf „Banks of Eden“, dem ersten Album der Band seit fünf Jahren. Das Stück dauert rund 25 Minuten und ist ein Progressive-Rock-Referenzwerk vor dem Herrn. Mehrstimmige Gesänge, vertrackte Drum-Rhythmen, cremige Gitarrenkänge, knackige Bässe und warme Keyboardklänge fahren zusammen Achterbahn, werfen sich ins Kettenkarussell und setzen sich für einen Moment nachdenklich an den Straßenrand. Dazu trägt auch der Text bei, der sich so seine Gedanken macht.

Damit wir uns verstehen: Das hier ist vielleicht nichts für jedermann. Wer aber Spock's Beard am besten fand, als sie noch Neal Morse am Mikro hatten, sich für das Transatlantic-Projekt begeistern kann und auch Bands wie Dream Theater nicht nur als Musiklehrer-Musik empfindet, kann mit den Schweden glücklich werden. Roine Stolt, Jonas Reingold, Tomas Bodin, Hasse Froberg und der deutsche Neuzugang Felix Lehrmann wollten bewusst zurück zu Klängen fernab moderner Plastikemotionen. „We aimed for the classic big warm vinyl-sound of old records by Queen, Genesis, Zeppelin or Deep Purple“, sagt Stolt. Ehrensache, dass man auch mit Equipment aus den 60er- und 70er-Jahren gearbeitet hat.

Weiterhören. Was haben wir denn da, ein Steve-Vai-Cover? Ach nein, es heißt ja „For The Love Of Gold“, nicht „For The Love Of God“. Gute Laune kommt hier im Walzertakt, wenn nicht gerade ein Break das nächste jagt. Progrock türmt sich so gerne auf wie eine Wendeltreppe in schwindelnde Höhen, auch hier ist das so. Temporeicher geht es dann mit „Pandemonium“ zur Sache, während man sich die hymnischen Gitarrenjubilier-Arien für „For Those About To Drown“ aufgehoben hat. „Rising The Imperial“ gibt sich hoffnungsvoll, es geht um Veränderungen, das Album dreht sich auch um die Balance zwischen der Hektik unserer Zeit und dem Streben nach Ruhe und Frieden. Insofern kann man das Album mit seinem antiquiert wirkenden Cover auch als Gegenentwurf sehen, nicht nur zum Plastikpop der Gegenwart, sondern auch zur überbordenden Komplexität. Ironisch, dass das ausgerechnet aus einer Stilistik kommt, die selbst komplexer ist als vieles andere.

Musik für unterm Kopfhörer – und für Staunende, die sich um die Bühne wie um einen Altar versammeln.

„Banks of Eden“ ist bereits am 15. Juni bei Inside Out Music erschienen. Einen Video-Trailer gibt's hier. Die Limited Edition enthält vier Bonustracks und ein Interview. Hier ein Ausschnitt aus "Numbers":


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