Sonntag, 17. Juni 2012

Sonntags-Matinée: Scott Kelly, Steve Von Till, Wino – Songs Of Townes Van Zandt

"Ich denke nicht, dass meine Lieder alle so traurig sind. Ich habe ein paar, die nicht traurig sind – die sind nur hoffnungslos." Dieses Zitat wird dem Americana-Riesen Townes Van Zandt zugeschrieben. Wer sich die Songs anhört, die beiden Neurosis-Mucker Scott Kelly und Steve Von Till sowie Doom-Größe Wino gecovert haben, versteht, was er meinte. 

„I welcome the stars with whining guitars“, singt Wino in „Rake“. Es ist ein symptomatischer Satz, der diese Platte ganz gut auf den Punkt bringt. Der Musiker, den man von Bands wie Saint Vitus oder Spirit Caravan kennt, hat sich die Zeile nicht selbst einfallen lassen. Sie stammt von Townes Van Zandt. 1997 starb der amerikanische Country-Barde, der sein Leben lang mit Alkoholismus und Depressionen zu kämpfen hatte. Auf dieser Platte zollen Scott Kelly und Steve Von Till, beide Mitglieder der US-Sludgemetaller Neurosis, sowie Wino dem einflussreichen, aber kommerziell wenig erfolgreichen Van Zandt Tribut. Ein ungewöhnliches Projekt, das durch seine Intensität legitimiert wird. 

Wer Townes Van Zandt bis dahin nicht kannte, stieß vielleicht durch den Soundtrack zum State-Of-The-Art-Film „The Big Lebowski“ darauf. Darauf findet sich das Cover des Rolling-Stones-Songs „Dead Flowers“. Und man konnte den Eindruck haben, dass Van Zandt ein lustig-ironischer Songwriter sei, wenn man sich nur auf diesen Song zurückzog. Das Gegenteil ist der Fall. Kleiner Auszug aus Wikipedia gefällig? Bitteschön: „Er begann mit dem Schnüffeln von Klebstoff, was dazu führte, dass er einmal klinisch für tot erklärt wurde und fast alle seine Vorderzähne verlor. Nachdem er sich – um auszuprobieren, wie es sich anfühlt – aus dem 4. Stock fallen ließ, kam er wegen suizidaler Neigungen für drei Monate in stationäre psychiatrische Behandlung. Bei ihm wurden schizophrene Psychose und Manische Depression diagnostiziert, was die geplante Karriere im Militär zunichte machte. Zudem wurde er einer nicht erst aus heutiger Sicht äußerst fragwürdigen Insulinschocktherapie unterzogen, die wesentliche Teile seiner Kindheitserinnerungen auslöschte.“ Es verwundert also nicht weiter, dass sich Metal-Musiker, die meist ohnehin ein Faible für dunkle Themen haben, Van Zandt widmen. Zudem hat sich das Schubladendenken spätestens seit Johnny Cash so ziemlich erledigt. Auf den Man in Black konnten sich alle einigen. 

Die drei Musiker vertrauen ganz auf die Wirkung ihrer Stimmen und ihrer Akustikgitarren. Hell und obertonreich (da ist doch ein Kapo im Spiel!) perlen die ersten Töne von „If I Needed You“ aus den Boxen. Ein Song wie ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Damit man die Texte in ihrer ganzen Schwere nachempfinden kann, sind die Lyrics im Booklet abgedruckt. Schön, denn das ist längst nicht immer so. Der Song kommt auf sein Skelett reduziert noch mehr auf den Punkt. Wetten, dass Josh T. Pearson nicht bloß eine Platte von Townes Van Zandt im Regal hat? Dann lernen wir den Schutzheiligen der Pokerspieler kennen, „St. John The Gambler“, schon wieder so ein aufbauender Song. Und „Lungs“ erst. Die Düsternis schwappt aus jeder Note der acht Songs, bei denen sich die drei Musiker jeweils abwechseln. 

Keine Frage: Oft wird man diese Platte nicht auflegen. Vielleicht, wenn es einem dreckig geht und man es richtig genießen will. Eine Songsammlung, so karg und hoffnungslos wie die Prärie. Zu solchen Sounds reiten Industrial-Cowboys in den Sonnenuntergang. Nur, dass die Sonne pechschwarz ist – und vielleicht nicht noch einmal aufgehen wird. 

„Songs of Townes Van Zandt“ von Scott Kelly, Steve Von Till & Wino ist am 15. Juni 2012 bei My Proud Mountain erschienen. Einen Eindruck, wie das klingt, bekommt man im folgenden Video:

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