Dienstag, 12. Juni 2012

Hörtest: Arjen Anthony Lucassen's Lost In The New Real

Fantasie ist das zweite Bandmitglied auf Arjen Lucassens Soloalbum. Stürzen wir uns in ein Sci-Fi-Konzept, das auch auf der Kinoleinwand funktionieren könnte. 

Weniger als einen Doppeldecker liefert Arjen Anthony Lucassen nichts ab. Der niederländische Prog-Rocker gilt als Perfektionist, als einer, der der Gigantomanie huldigt, dutzende hochkarätige Gastmusiker auf seinen Alben versammelt. Die Liste ist lang, Namen wie Neal Morse (Ex-Spocks Beard), Ken Hensley (Uriah Heep) oder Hansi Kürsch (Blind Guardian) tauchen darauf auf. Rock-Opern wie „Into The Electric Castle“ lieferten der Prog-Gemeinde feinstes Futter für nächtliche Kopfhörer-Sessions. Und immer noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich „Into The Black Hole“ auflege, in dem Iron Maidens Bruce Dickinson eine seiner besten Geangsleistungen ever aufbietet (von Lucassens "Ayreon"-Platte "The Universal Migrator").

Jetzt hat Arjen Lucassen sein zweites richtiges Soloalbum veröffentlicht. Die Zahl der Gastmusiker ist überschaubarer, die meisten Gesangsparts und Musikinstrumente hat der Vengeance-Sänger selbst eingespielt. „Lost In The New Real“ ist – logo – ein Konzeptalbum geworden, das aktuelle Themen mit einer geradezu naiven Begeisterung für Science Fiction zusammenbringt. Cheesy konnte man die bombastischen Erzählungen von Lucassen immer finden, wenn man wollte. Andererseits: Star Wars kann man ja auch genießen, ohne gleich zum Jedi-Tum zu konvertieren. Man kann Star Trek cool finden, ohne gleich eine Philosophie draus zu machen ("Treknicolor" auf dem Cover, sehr schön...). Der Mann, der sich mit 15 Jahren die ersten Gehversuche an der Gitarre wagte, sagt über sein neues Werk: „Ich wuchs in einer Zeit ohne Computer auf und bin absolut verblüfft, wie sehr sich die Welt dank der digitalen Revolution in den vergangenen Jahren verändert hat. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie wird die Welt in ein paar hundert Jahren sein? Wie werden dann die Technologie, Wissenschaft und die Gesellschaft aussehen? Welche Lösung wird man für die derzeitigen massiven gesellschaftlichen und ökologischen Probleme gefunden haben?“

Die Story ist krude und handelt von einem Mann, der kurz vor seinem Tod schockgefrostet wird, weil er an einer tödlichen Krankheit leidet. In der Zukunft kann man dieses Leiden kurieren, er wird also wieder aufgetaut, aber die Welt ist eine komplett andere. Sein psychologischer Berater soll ihm helfen, sich in der verwirrenden neuen Welt zurechtzufinden. Zwischen den Songs hört man immer wieder eine rauchige Stimme, die einzelne Aspekte aufgreift und erklärt. Die Stimme gehört dem Schauspieler Rutger Hauer, den man aus Batman Begins und vielen anderen Filmen kennt. Lucassens Fanboy-Moment: „Er ist nicht nur einer meiner Lieblingsschauspieler, sondern war auch bei meinem Alltime-Lieblings-Sci-Fi-Film dabei: ‚Blade Runner’.“

Mit Metal oder Prog hat das hier nicht viel zu tun, kommt zwar auch vor, aber hier kommen auch Fans von 70er-Jahre- und Classic-Rock auf ihre Kosten. Ein grandioser Ohrwurm zum Beispiel „Pink Beatles In A Purple Zeppelin“, in dem der Holländer sich Gedanken über Einflüsse, Originalität und Eigenständigkeit macht. Genial: Obwohl der Song eigentlich anprangert, dass man ja nichts eigenes mehr machen kann, schafft er trotzdem etwas Eigenes. Auch wenn man die Einflüsse deutlich raushören kann. Lustig folkig wird’s in „When Pigs Fly“, das fröhliche „The E-Police“ dürfte auch Helloween-Fans und Gotthard-Supportern gut reinlaufen. Musikalisch ist „Lost In The New Real“ eine wahre Wundertüte. CD1 enthält dabei die eigentliche Geschichte des Konzepts, CD 2 birgt Songs aus den Aufnahmesessions und ein paar Coverversionen, von – logo – unter anderem Led Zeppelin und Punk Floyd.

Wer mit Metal und Prog sozialisiert ist, sollte Arjen Lucassen eine Chance geben und sich in dieses knallbunte Sci-Fi-Abenteuer stürzen. Es ist ein bisschen wie beim aktuellen Marvel-Movie The Avengers: Sowas sollte man sich immer wieder zu Gemüte führen, damit man vor lauter Ironie und Desillusion nicht das Staunen verlernt. Wäre schade, wenn einem diese Fähigkeit abhanden kommt.

„Lost In The New Real“ ist am 20. April bei Inside Out Music erschienen. 
Mehr: www.arjenlucassen.com
Hier noch ein paar Videos:



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