Sonntag, 3. Juni 2012

Galerie der Klassiker: Flogging Molly - Within A Mile Of Home

Subjektive Vorbemerkung: Dieses eine Konzert beim Konstanzer Zeltfestival werde ich nie vergessen. Ich war noch in der Ausbildung zum Redakteur und wusste nicht, ob ich es zeitlich überhaupt zum Gig schaffe. Ein paar Kilometer waren es schon bis Konstanz. Auto auf dem Parkplatz in Meersburg abgestellt, zu Fuß auf die Fähre. Es war einer dieser fast schon kitschigen Sonnenuntergänge auf dem Bodensee, den Touristen mit der Kamera so gerne festhalten. Und wenn die Touristen wegschauen, zücken auch Einheimische gern schnell die Knipse für ein Bild. Ich da auch. Es war ein Moment des Urlaubs. Per Bus zum Festivalgelände, über eine eiserne Eisenbahnbrücke, ein gehetzter Blick auf die Uhr, kurzer Sprint zum Zelt - und exakt bei den ersten Tönen der Irish Folk Punks dagewesen. Es war eine Zeit, in der "Within A Mile Of Home" täglich rauf und runter lief. Den Spontan-Akustik-Gig nach dem Konzert hab ich leider nicht mehr mitbekommen. Aber ich war trotzdem selig. Und bereits erwähntes Album musste dann natürlich auch noch auf Vinyl her. Vinyl, so grün wie das Gras in Irland. Es soll sie geben, Menschen, denen Flogging Molly und die Verquickung aus Irish Folk und Punkrock nicht gefallen. Aber was wissen die schon?

Piratenshantys, melancholische Waisen, stampfende Tanzrhythmen für das Guinness-Gelage - "Within A Mile Of Home" hat das alles. Manche sagen, die Pogues hätten das alles ja schon gemacht und überhaupt und sowieso, wer braucht denn sowas heute noch. Aber Leute, das ist doch völlig blödsinniges Elitengetue. Dave King und seine Mannschaft machen Musik, die nicht dem Wunsch entspringt, ein fetter Rockstar zu sein oder möglichst viele Platten zu verkaufen. Das zählt doch letzten Endes.

Dabei ist diese Platte die vielleicht eskapistischste der Band. So viel Seemannsgarn wie hier gesponnen wird. Piraten sind ja schwer angesagt seit Johnny Depp sich von Keith Richards für seinen Jack Sparrow (Captain Jack Sparrow, sorry) hat inspirieren lassen. Lassen wir uns von "Seven Deadly Sins" mit seinem kreiselnden Akkordeon übers Achterdeck peitschen, von "Tobacco Island" auf eine Fahrt womöglich ohne Widerkehr entführen. Schwankschunkeln wir zum drückenden "Queen Annes Revenge", bei dem Bassist Nathan Maxwell das Mikro an sich gerissen hat. Aber es sind auch sehr persönliche Töne, die Flogging Molly hier anstimmen. Beweinen wir mit den LA-Punks den Niedergang eines geliebten Menschen in "Whistles The Wind". Oder das abschließende "Don't Let Me Die", das das Album sentimental ausklingen lässt. Reich instrumentiert ist das alles, mit Verve vorgetragen. Und dann natürlich der Titeltrack: Dave King hat Gesangsstunden bei Metallicas James Hetfield genommen, oder wie lässt sich sonst erklären, dass der Flogging Molly-Fronter ebenfalls diese kaugummi-esken Wortendungen hinrotzt: "...Don't Ever Let Me Down-AAAAH (...) Within A Mile Of Home-AAAH". An jedem verdammten Wort am Ende eines Satzes dieses "AAAAH" hintendran. Noch extremer bei Live-Aufnahmen zu hören.

Ein Album mit Suchtwirkung, das vielleicht keine Doppeldeutigkeit hat und nicht die Verkopftheit anderer Bands. Aber trotzdem - oder gerade deshalb - ist Flogging Mollys viertes Studioalbum so überragend. Für die wuchtige Produktion sorgte Ted Hutt, der auch die aktuellen Alben von The Gaslight Anthem oder den Dropkick Murphys veredelt hat. Darauf ein Guinness. Oder zwei.

"Within A Mile Of Home" von Flogging Molly ist am 14. September bei Side One Dummy erschienen. Mehr: www.floggingmolly.com. Unten noch das Video zu "Seven Deadly Sins".

Ein Interview, das ich vergangenes Jahr mit Flogging Molly geführt habe, findet Ihr hier, einen Konzertbericht  hier. Mehr aus der Sparte Galerie der Klassiker gibt's an dieser Stelle.

Kommentare:

  1. Etwas spätes (WTF, schon wieder 8 Jahre her??? O_O Ich werd alt ...) Review dieser genialen Platte, aber dadurch nicht weniger wahr ;) Außer der Part mit den "Boston-Punks" ... Das würd ich noch schnell auf "L.A." umändern :D

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  2. Hey Markus, normalerweise kommen die Reviews hier ja zeitnah :-)
    In der "Galerie der Klassiker" tauchen einfach Platten auf, die mir viel bedeuten und das ein oder andere Jahr auf dem Buckel haben.
    Aber schon heftig, stimmt, acht Jahre gehen verdammt schnell rum.
    Mit LA hast Du Recht, ist geändert. Bei Irish Folk und Punkrock denkt man automatisch an Boston.
    Du hat übrigens ein schickes Fotoblog! Very nice!

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