Montag, 21. Mai 2012

Konzertkritik: Southside Bandcontest der Schwäbischen Zeitung


Wo ist Walter? Auf dem Southside – bald. Beim Bandcontest der Schwäbischen Zeitung hat sich die Band aus Reutlingen das Ticket zum Festival in Neuhausen ob Eck gelöst. Fünf Bands lieferten sich eine Battle um die Gunst von Publikum und Jury. Am Ende reichte es – logo – nur für eine Band. Neue Fans dürften aber alle dazugewonnen haben. So überzeugend wie sie waren. 

Fugitive Dancer.  
Als die Wikileaks-Sache ganz heiß war, gab es auf dem jüngst holprig an die Börse gegangenen Social Network Facebook eine Gruppe, die sich einen völlig skurril witzigen Namen gegeben hatte. „If Interpol Get Their Hands on Julian Assage They Should Make Him Their Bass Player“. Das Profilbild war eine Fotomontage, dass Mitglieder der New Yorker Indie-Rocker Interpol zeigte – und in ihrer Mitte den weißhaarigen Bleichling. Alle hatten eines gemeinsam: Die Vorliebe für dunkle Anzüge und schmale Krawatten. Was das mit dem Southside-Contest zu tun hat? Die erste Band des Abends heißt Fugitive Dancer. Die Band aus Ulm hat ebenfalls ein Faible für schicke Bühnenoutfits, schmale Krawatten – und den flächigen Sound von Interpol, den man in manchen Momenten aus ihrer handwerklich makellos gemachten Musik heraushören kann. Weniger makellos ist ihr Start, da gibt es immer wieder Probleme mit der E-Gitarre. Nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dafür gehen die Leute zu Konzerten. Ohne sowas kann man ja auch gleich CD hören. Opulent und schwelgerisch ist der Sound der Ulmer. Da muss ein Nest sein, oder? Man denke nur an die großartigen Rigna Folk, die vergangenes Jahr im Abdera auf der Bühne standen und zum Southside wollten. Eine weitere Gemeinsamkeit: Es reicht nicht für den Titel. Egal. Keep playing! Ihr seid gut und die Leute wollen Euch hören.

Koloclyphis.
Das gilt auch für Koloclyphis aus Lindau. Da stehen vier Teenager auf der Bühne, der Gitarrist in der Mitte im stilsicheren GWAR-Shirt, der Drummer verkündet das Pennywise-Credo „Fuck Authority“ per Oberbekleidung, der Songschreiber hält sich meist links im Bühnendunkel auf und die Bassistin reißt sich den Posten des Aktivpostens unter den Nagel. „Die hat ihre Jungs ganz gut im Griff“ meint jemand im Publikum, als sie mit ihren charmant-launigen Ansagen das Ganze immer wieder auflockert. Die Gitarren sägen hübsch und es macht Spaß, der Band zuzuschauen und zuzuhören. Alleine wie Daniel Caggegi den Anfang moderiert: „Wir sind Koloclyphis. Der nächste Song heißt...“ Scott Pilgrim anyone? Nice.

Esprin.
Eine Dosis modernen Metal zimmern dann Esprin aus Friedrichshafen zusammen. Experimentierfreudiges wie Tool und Incubus dürfte sich ebenso im Plattenschrank der Band finden wie dicke Riffs von Taproot und Konsorten. Da passiert extrem viel auf der Bühne. Aggressives Shouting, verkopfte Arrangements - und trotzdem voll auf die Zwölf. Das mag in seiner muskelbepackten Männlichkeit nicht (mehr) jedermanns Sache sein, aber live gehen die Häfler mit einem enormen Maß an Druck und Brachialität vor. Erstaunlich, was es an Bands in der Region gibt. Und da denkt man immer, die Zeppelinstadt Friedrichshafen sei in erster Linie Industrie und Bodensee. Nicht ganz.

Walter Subject,
Woher kennt man den Namen Walter Subject? Klarer Fall: The Big Lebowski lässt grüßen. Da droht John Goodman als Walter Sobchak schon mal mit der Welt des Schmerzes, wenn einer beim Bowlen übertritt. Marc Ruff hat durchaus optische Ähnlichkeiten mit dem Bowling-Fanatiker, etwas Mastodon-Style steckt aber auch drin. Und er weiß, wie man ein Publikum auf seine Seite zieht. Mit diesem stoner-infizierten Rock'n'Roll-Gebräu (die Tolle sitzt) bringen die Reutlinger die Leute vor der Bühne ins Schwitzen. Reif für die Festivalbühne, keine Frage.

The Kiss'n'Kills. 
Auch The Kiss'n'Kills machen ihre Sache richtig gut. Der Bläsersatz freut die Ska-Fans, ansonsten fliegt uns ein wohltemperiertes Rock-Brett um die Ohren. Die Ravensburger werfen ähnliche Fragen auf wie Esprin: Sowas gibt’s hier vor Ort? Hossa. Und wo bekommt man Euch sonst so zu Gesicht? Für viele Fans im Publikum wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie die Band gesehen haben. Auch wenn den Pokal eine andere Band mit nach Hause genommen hat. Wie sagt Jack Black in „School of Rock“ so schön: Es geht nicht darum, Nummer eins zu sein. Es geht darum, eine arschtretende Show zu bieten. Das ist allen fünf gelungen.

The Renates.                            Fotos: Daniel Drescher
Ach ja: Während die Jury die Entscheidung fällt, sorgen als Special Guest The Renates für Sound. Die schräg-sympathische Band von der Alb reißen die Grenzen zwischen Pop, Beat und Rock'n'Roll-Gestus ein, haben optisch etwas zu bieten - und sind trotz angeschlagenem Drummer da. Das ist Einsatz. Eine Band, die man unbedingt wieder sehen möchte.

Mehr Fotos vom Bandcontest gibt es hier zu sehen. Tinnitus Attacks gibt's übrigens auch bei Facebook und bei Twitter


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