Mittwoch, 2. Mai 2012

Konzertkritik: Pirate Satellite Festival. Tag 1.



Pirate Satellite Festival. Tag 1. 
LKA Longhorn.
Samstag, 28. April 2012.
Text und Fotos: Daniel Drescher.

Cobra Skulls: 


Ein bisschen wirken sie wie aus einer anderen Zeit. Mag an den blondierten Haaren von Devin Peralta liegen. Die Cobra Skulls machen ihre Sache gut, haben aber das Pech, noch früh am Tag zu spielen, während die Hitze draußen heftig ist. Das Publikum ist überschaubar, aber sie schlagen sich wacker. That's Punkrock! Mehr Fotos: hier.

Red City Radio: 


Mal wieder eine Band mehr auf dem Muss-ich-noch-was-von-kaufen-Radar. Red City Radio kommen aus Oklahoma, sehen aus wie Nerds und Sympathiespacken und überzeugen mit ihrem vorpreschenden Punkrock. Gute Melodien und der Eindruck, dass sie etwas bewegen wollen, - so muss das sein. Mehr Fotos: hier.

Atlas Losing Grip: 

Gott ist tot. Tut was Du willst soll das einzige Gesetz sein. Rodrigo Alfaro war mal bei den Satanic Surfers. Und auch bei Atlas Losing Grip liegt ihm die Religionskritik am Herzen. Im Muskelshirt und mit raspelkurzen Haaren sieht er aus wie Jack Shepherd aus J.J. Abrams Geniestreichserie LOST. Seine Gitarrensidekicks könnten auch bei Velvet Revolver spielen (lange blonde Haare) oder bei Mando Diao (braune Haare, Mando Diao-Style). Die Energie, die ATL entfesseln, ist klasse. Obwohl sie auch bloß fünf sind, ist immer was los auf der Bühne. Unverbrauchte Melodien und Alfaros Stimme – eine perfekte Kombination. Mehr Fotos: hier.

Nikola Sarcevic:

„Nicola Sarkozy brauchen wir hier nicht“, sagt der Ansager, der über lustige Verwechslungen sinniert. Der glatzköpfige Schwede darf sonst den Skatecore von Millencolin stimmlich tragen. Akustisch ist er ok und wird auch ordentlich beklatscht, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass eben nicht jeder Punkrocker automatisch auch ein guter Akustik-Songwriter ist. Sympathisch wirkt er aber allemal. Vielleicht ist es auch ungünstig, dass er vor den sehnlichst erwarteten Vieren auftritt, die dann zeigen, wie es richtig geht. Mehr Fotos: hier.



Chuck Ragan, Dave Hause, Tommy Gabel und Dan Adriano – Acoustic Set

Manchem fällt die Kinnlade auf Kniehöhe, als er auf den Zeitplan schaut. Drei Stunden Akustik-Set? Alleine dafür würde man den Preis des Tagestickets bezahlen. Eine Revival-Tour, die sich nicht Revival-Tour nennt. Am Ende werden alle glückselig vor der Bühne stehen, nicht ganz glaubend, was sie gerade gesehen haben. Immer wieder kommen die Musiker in wechselnder Konstellation auf die Bühne, Chuck Ragan und Dave Hause, mal sind sie solo da, dann lockt der bärtige Hüne Jon Gaunt seltsam liebliche Klänge aus seiner Geige, an anderer Stelle übernimmt Joe Ginsberg Gitarre und Gesang. Die Songauswahl lässt keine Wünsche offen. Chuck Ragans (Hot Water Music) erdige Mahnworte wie „Cut 'Em Down“ oder „For Broken Ears“ werden vom kurzen Dylan-Zitat „The Times They Are A-Changin'“ unterbrochen. Dave Hause (The Loved Ones) zollt The Hold Steady Respekt, in dem er kurz „Constructive Summer“ anreißt. Seine Hymne „C'Mon Kid“, in der mancher Jesse Malins „Burning The Bowery“ wiedererkennen will, reißt mit, das folkige „Prague (Revive Me)“ rennt offene Türen ein. Überhaupt Dave Hause: geboren für die Bühne, gesegnet mit einem Charisma. Venen auf Daves Stirn treten hervor, wenn er sich anstrengt – also dauernd. Dagegen wirkt Dan Adriano (Alkaline Trio) wie ein gemütlicher Straßenmusiker, der lieber mit geschlossenen Augen auf der Bühne steht. Tommy Gabel kann da schon eher mithalten. Der Against Me!-Sänger verausgabt sich ähnlich wie Hause beim Singen, was bei angepissten Songs wie „White Crosses“, dem neuen „Black Me Out“ oder dem düsteren „Dead Friends“ ja kein Wunder ist. Beim A-Capella-Song „On The Bow“ stehen dann alle zusammen auf der Bühne. Instrumente braucht es da nicht, dass man in Tränen und Freudetänze gleichzeitig ausbrechen will. Wie schön, dass in dieser Szene Zusammenhalt zählt – und nicht der Futterneid.
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Alkaline Trio: 


Schade. Da wäre mehr drin gewesen, hätte Günther Netzer wohl gesagt. Alkaline Trio leiden an einem breiig abgemischten Sound, der kaum Gesang durchlässt – vor allem wenn man Lärmschutz in den Ohren hat. Bedauerlich. Denn die Band ist gut. Matt Skiba sieht richtig fies aus mit seinem Kajal. Ein bisschen wie Voldemort, fällt mir hinterher auf etlichen Fotos auf. Dafür ist vor allem seine pflegeleichte Frisur – eine Glatze – verantwortlich. Das Trio mit den zuckersüßen Melodien und den bitterbösen Texten spielt ein Set mit Songs von „Good Morning“, „Maybe I'll Catch Fire“ und anderen älteren Alben, vom noch aktuellen „This Addiction“ gibt’s nur den Titelsong und  „Agony & Irony“ wird komplett ignoriert. Trotzdem zündet der Gig so richtig nicht – eben wegen des bereits erwähnten Sounds. Mehr Fotos: hier.

Hot Water Music: 

Die Postcore-Band aus Gainesville reißt dann nochmal das Ruder herum. Hot Water Music schaffen es, die müden Massen nochmal zu mobilisieren, trotz Sommerhitze, Saunafeeling und stundenlangem Stehen. Der Einstieg mit Remedy ist gewohnt abrupt, gleich am Anfang des Sets kommt Alkaline-Sänger Matt Skiba für ein kleines Gastspiel auf die Bühne. Das in zwei Wochen erscheinende Album „Exister“ kommt mit drei Songs zu Ehren, „State of Grace“ und „Drag My Body“ sind mit ihren melodieverliebten Refrains aber auch echte Goldstücke. Gegen Ende kommt Dave Hause auf die Bühne und übernimmt die Vocals bei „Trusty Chords“. Was für eine geborene Rampensau. Während bei Hot Water Music allenfalls Jason Black über die Bühne turnt, zeigt der Loved-Ones-Fronter den Heißwassermusikanten, was Ausrasten heißt. Sehr sympathisch: Hause singt den Song nicht einfach nach, er wirft sich komplett in dieses Stück Musik und macht den Eindruck, dass es ihm jede Menge bedeutet, mit Chuck Ragan und Co. auf der Bühne zu stehen. Völlig verzückt auch die Fans vor der Bühne. Bei „Wayfaerer“ sind alle Arme in der Luft, die „Ooohooos“ werden zigfach mitgesungen. Nur der große Hit fehlt: Kein „It’s hard to know“. Aber vielleicht heißt „Live your heart and never follow“ eben auch, den eigentlich unvermeidlichen Song einfach wegzulassen.
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