Freitag, 18. Mai 2012

Hörtest: Hot Water Music – Exister

Da seid Ihr ja endlich. 
Wo wart Ihr denn so lange? 
Ach ja. The Draft. Chuck Ragan solo. Und so weiter. 
Alles gut, alles nötig. Aber endlich wieder Hot Water Music. 

Es ist schon sehr vielsagend, wenn eine Band acht Jahre lang kein neues Album veröffentlicht, aber in der Zwischenzeit nichts an Relevanz verloren hat. Und es ist ja auch offenkundig: Wer sich Bands wie Polar Bear Club, Nothington oder Make Do And Mend anhört, weiß, wo die Einflüsse herkommen. Hot Water Music sind – ist das zu viel gesagt? – Legende. Das wird jeder Tätowierer bestätigen können. Viele haben sie in die Haut geritzt, diese eine Textzeile, die so viel aussagt und so allgemeingültig ist. Live Your Heart And Never Follow. Wer sich daran hält, dem passiert garantiert nicht das, was der Albumtitel andeutet. „Exister“ ist keine englischsprachige Wortneuschöpfung, sondern französisch für „existieren“. geht um jemanden, der einfach da ist, existiert eben, mehr aber auch nicht.

Am Anfang macht sich erst kurz Ernüchterung breit: Die ersten Töne von „Mainline“ sind ok, der Song ist aber kein erstklassiger Opener wie eines „Remedy“ oder „A Flight And A Crash“. Da kommt „Boy, You're Gonna Hurt Someone“ schon besser auf den Punkt mit seinen Rhythmuswechseln. Dann das erste Highlight: „State of Grace“ kennt man schon, aber wie Chuck Ragan bei Zählerstand 0:48 „gooone“ singt und die Töne in die Tiefe zieht, da steht man ungläubig daneben und hebt die Augenbrauen im Takt zur Musik. „Drown In It“ lässt Chris Wollard glänzen, bevor „Drag My Body“ wie ein Chuck-solo-Song daherkommt, den eine Punkrockband covert. Auch das: Makellos. Ein Refrain wie er einem nur ein paar Mal im Leben als Musiker einfällt. „I'm hardly feelin human anymore“, heißt es da. Ja Chuck, das kommt davon, dass Du eine Art Superheld bist, ein Rock'n'Roll-Arbeiter mit Akustikklampfe, ein Bro', der mit seinen Rockbrothers auf Tour geht und das dann Revival Tour nennt. Ein Role Model, das Eigenständigkeit, Verantwortung und Rockbar-Faktor unter einen Hut bringt. Aber ich schweife ab.

Die Vocals, die sich abwechseln, sind natürlich ein wesentlicher Spaßfaktor bei HWM-Platten. Ragan und Wollard müssen fiese Knoten auf den Stimmbändern haben, so rau wie das klingt. Aber auch Jasons Blacks Bass, der elegant dribbelt, voluminös zupackt oder hulk-artig nach vorne prescht, prägt das Ganze. Und George Rebelo ist nicht einfach nur ein Rock-Drummer, sondern spielt Fills und setzt Akzente, die wie die Faust in den Magen passen. Hot Water Music drücken die meiste Zeit aufs Tempo, so auch im Wollard'schen Titelsong, einem extrem muskulösen Stück Musik. Beinah eine Ruhepause ist da „No End Left in Sight“ – kann man das balladesk nennen?

Es ist nicht mehr so rauh wie „No Division“, das ist klar. Aber diese melodiöse Schiene, die die Gainesville-Vier hier beschreiten, steht ihnen gut zu Gesicht – und funktioniert, weil die Band keinen Kompromiss eingeht, sondern einfach die musikalischen Erfahrungen diverser Alleingänge integriert. Die bissige Produktion von Bill Stevenson (Drummer der Descendents) besorgt den Rest. Hot Water Music anno 2012: Gekauft. Eine Bitte allerdings: Lasst uns keine acht Jahre bis zum nächsten Album warten.

„Exister“ von Hot Water Music erscheint am heutigen Freitag, 18. Mai, via Rise Records. Mehr unter http://hotwatermusicdotcom.wordpress.com. Den Song „State of Grace“ konnte man kürzlich bei ZDFneo sehen:

    

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen