Freitag, 25. Mai 2012

Hörtest: The Enemy – Streets In The Sky

Man hat sich lange nicht gesehen. Tanten sagen dann „Was bist Du groß geworden“. Englischlehrer „Du hast aber zugelegt“. Oder Schulfreundinnen von früher: „Du bist ja jetzt so muskulös“. Letzteres trifft es im Fall The Enemy wohl am besten. Gitarren-Gigantomanie. Wir mögen das. 

War das eine herrliche Zeit, als die New Wave of British New Wave über uns hereinbrach wie die Welle über den Surfer. Zugegebenermaßen war ich da noch recht metalmäßig unterwegs und lachte mich erstmal über den Arctic Monkeys-Sound kaputt („I Bet You Look Good On the Dancefloor“). Ein sehr musikbewanderter Freund brachte mir die Single aus dem UK mit, und nach dem heftigen Gitarren-Intro vergraulten mich die drahtigen Gitarren. 2006 ignorierte ich die Monkeys und Maximo Park beim Southside denn auch. Und wie das immer so ist: Kurz darauf verfiel ich beiden und ärgerte mich, dass ich da nicht früher draufgekommen war.

Inzwischen ist der Hype um die Insel wieder abgeebbt. Schade drum. Klar, La Dispute sind toll, aber muss man jeden Trend mitmachen? Vielleicht ist das ein Zeichen fürs Altwerden. Früher habe ich mich über Leute lustig gemacht, die mit ihrem Musikgeschmack irgendwo stehengeblieben sind und auf O-Feten „Summer of 69“ oder „Losing My Religion“ mitgegrölt haben, als sei danach nichts Gutes mehr passiert in der Musik. Und jetzt haben die Strokes einfach mal eine Dekade und mehr auf dem Buckel. Heißer Scheiß? Nimmermehr. Aber ich schweife ab – und wenn ich gute neue Musik entdecke (im Sinne von „kenne ich noch nicht“), ist in meinem Schrank jederzeit Platz. Notfalls muss halt mal wieder ein neuer „Benno“ her. Aber genug der subjektiven Vorrede.

Die Insel bleibt einfach eine Bank in Sachen großartiger Gitarrenrock. The Enemy hatte ich bisher nicht so sehr auf dem Schirm. Da war dieses eine Album mit dem schwarzen Cover und den Lettern wie auf einer Ansagetafel im Bahnhof oder so. „Braucht man nicht“ sagte mir jemand, „zu soft“. Nächstes Mal hör ich selber rein. Aber dann hätten mich The Enemy vielleicht nicht so überrascht wie jetzt. „Gimme The Sign“ trifft einen mit diesen tieftönenden Gitarrenwänden völlig unvorbereitet. Joby J. Ford von The Bronx hat diesen Monstermix besorgt. Nach Luft schnappen, mehr wollen. Der Opener und auch „Bigger Cages (Longer Chains)“ setzen sich mit aufgeblasenen Typen auseinander, die mehr sein wollen, als sie sind. „He's Acting Like He's Tupac But He's Never Ever Seen A Gun“ singt Tom Clarke dann, oder auch von Proleten, die ihre Musklen aufpumpen als sei das alles. Und die vom Label als Fußballhymne gehandelte Single „Saturday“ ist auch nicht gerade FriedeFreudeEierkuchen: „Desperate Breakfast In A Boring Town....There's A Train Tonight We'll Leave When You Wanna Leave“. Die Wut klingt durch - vielleicht nennen sie sich ja deshalb The Enemy. Sehr sympathisch. Diese Ironie in den Texten muss man einfach lieben. Misanthropie kann so schön sein. Und so hart rocken. In Sachen Lyrics können es The Enemy jedenfalls mit den dafür vielgelobten Arctic Monkeys aufnehmen.

 Zu den herrlich rotzigen Klängen von „1-2-3-4“ will man sich einfach nur auf die Tanzfläche stürzen, bei „Like A Dancer“ kniet man wegen der Melodien nieder. Das ist ja beinah schon Glam. Und dann sind gerade mal fünf von zwölf Songs um. Das Gute: Es wird nicht schlechter. Höchstens etwas ruhiger. Aber auch nur kurz. „Get Up And Dance“ ist die Devise. So großkotzig wie Oasis, mit denen sie auch schon aufgetreten sind. Auch für Paul Weller haben sie schon eröffnet. Wem die großartigen Fratellis fehlen, wer die Arctic Monkeys für Album Nummer eins am meisten schätzt – der sollte die 2006 gegründeten The Enemy aus Coventry entdecken. Warten wir mal ab, ob Maximo Park da anno 2012 noch mithalten können. Hab ich das jetzt gerade wirklich gesagt?

Streets In The Sky von The Enemy erscheint am heutigen Freitag (25. Mai) via Cooking Vinyl. Den Song „Gimme the Sign“ kann man sich auf der Internetseite der Band gratis herunterladen. Hier seht Ihr den Clip zu diesem Song: 


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