Donnerstag, 17. Mai 2012

Hörtest: Ben Schadow – Liebe zur Zeit der Automaten

Debüt eines Langzeit-Musikers: Ben Schadow macht nicht erst seit gestern Musik. Aber das hier ist seine Premiere als Solist. Ziemlich gelungen. 

Was dem Orchester die Bratschenspieler, sind dem Pop die Bassisten: Gerne verulkte Musiker, die immer im Schatten des Konzertmeisters oder des Frontsängers stehen werden. Bassisten seien die Typen, die mit Musikern rumhängen, geht ein gängiger Witz. Man muss gar nicht mal unbedingt Lemmy Kilmister (Motörhead), Steve Harris (Iron Maiden) oder Rodrigo Gonzales (Die Ärzte) heißen, um diesen Gag zu pulverisieren. Ben Schadow mag nicht den Bekanntheitsgrad jener Tiefton-Risen haben, aber diesen blöden Witz muss er sich auch nicht anhören. In den Bands von Bernd Begemann und Dirk Darmstädter hat der Hamburger den Viersaiter gezupft, seit den 90ern ist er als Produzent, Komponist, Arrangeur und Texter aktiv. Gerne im Hintergrund, denn Schadow gehört eher zu den stillen Gewässern - auch wenn er auf Fotos aussieht wie der Zwillingsbruder von Joaquin Phoenix in dessen "I'm Still There"-Phase. Obwohl, passt ja.

Jetzt also mal ins Rampenlicht treten und nicht mehr im Halbdunkel der Bühne bleiben. „Liebe zur Zeit der Automaten“ ist das erste Soloalbum des Songpoeten. Im Titel der Platte klingt E.T.A. Hoffmann durch, der sich zum Beispiel in seiner Erzählung „Der Sandmann“ mit den Begriffen beschäftigt. Während der ersten Töne glaubt man noch, in einer Kirche gelandet zu sein, in der die Beach Boys auf der Empore stehen und ihre A-capella-Fantastereien in die Dunkelheit singsummen. Der eigentliche Opener „Ich fall immer auf dieselben Dinge rein“ klingt dann schon viel weltlicher, über einem locker federnden Beat (mit Schellenkranz,yeah!) entspinnt Ben Schadow eine bittersüße Geschichte über Anziehung und Ignoranz, Anhimmeln und Idiotie. Aber wie soll man auch etwas merken, wenn man ein „Herz aus Holz“ hat?

Dann wird abrupt abgebremst und der Trauermarsch „Gnade trägt man in Särgen“ macht Staunen. Kein Wunder, dass Elliott Smith zu den Einflüssen von Schadow zählt. Aus dieser Melancholie sind solche Songs oder auch das melodisch extrem gelungene „Wie leicht es wär einfach zu bleiben“ gemacht, die aus dem musikalische Meer der Mittelmäßigkeit herausragen. Wer die Weakerthans liebt, könnte auch hier schwach werden (sind das die "Night Windows, die John K. Samson besungen hat, auf dem Cover?).

Schadows Texte sind klug, aber nicht effektheischend kryptisch, simpel, aber nicht platt. Schön dabei auch: Schadow ist kein Sangesgott, er klingt eher wie ein Kumpel, der einem bei ein paar Bier sein Leid klagt. Das alltägliche Beklemmungsszenario „Einer aus Stolz, einer aus Scham“ mit Küchenuhr und stummem Telefon dauert nur 1:58 Minuten und gönnt sich kurz vor knapp ein schwelgerisches Fünfzehn-Sekunden-Gitarrensolo, das raussticht, weil die Gitarre sonst nie so von der Leine gelassen wird. "Was wenn es mich wach entdeckt" (siehe Soundcloud-Embed unten) streicht rastlos umher. Morbide muten Zeilen wie „Jetzt lieber sterben/denn eigentlich kann es ja nicht besser werden“ an. Auch den geträumten Tod besingt Ben. Aber wie da Flötenklänge und ein sonniger Gitarrenklang drüberliegen, das ist ein krasser Kontrast.

Das Album klingt mit einer Reprise aus, die wie ein 60er-Jahre Musical mit Jimi Hendrix an der völlig entspannt glockenhellen Gitarre wirkt. Eine halbe Stunde ist vergangen. Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich gut unterhält.

"Liebe zur Zeit der Automaten" von Ben Schadow erscheint am 18. Mai via Tonzone Records. Mehr: www.facebook.com/benschadow



Hier noch die aktuellen Tourdaten:

Tourdaten Zum Albumrelease: Ben Schadow Band plus Pele Caster

22.05. Dresden - Zille
23.05. Hildesheim - VEB Club
24.05. Erfurt - E-Burg , Cafe Duck Dich (open air)
25.05. Berlin - Valentinsstüberl (Neu-Kölln)
26.05. Halle - Brohmers
27.05. Kiel - Prinz Willy
30.05. Hamburg - Zentrale (Spätkonzert, n.d. Theatervorstellung)
01.06. Frankfurt - das Bett
02.06. Mannheim - O-Ton
03.06. Tübingen - tba
04.06. München - 8 Below
05.06. Stuttgart - Zwölfzehn
06.06. Dortmund - Pauluskirche
07.06. Köln - Theater/dieWohngemeinschaft
08.06. Itzehoe - Lauschbar

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen