Sonntag, 22. April 2012

Konzertkritik: Anti-Flag in Stuttgart


Anti-Flag. 
Support: Hostage Calm, Insert Coin. 
Universum, Stuttgart, 20. April 2012. 
Text und Fotos: Daniel Drescher

Laut und deutlich: Justin Sane (links) und Chris #2
beim Anti-Flag-Gig in Stuttgart.    Foto: Daniel Drescher
Am Ende sind ein paar verspiegelte Wände im Unversum angelaufen, Kondenswasser perlt auf den Boden. Schuld sind Anti-Flag: Die haben den Laden mit ihren zornigen Punkrock-Protestsongs derartig aufgeheizt, dass höchstens in den hinteren Reihen noch trockene T-Shirts auszumachen sind. Aber wenn sie Hymnen wie „Power To The Peaceful“ oder „Turncoat“ (beide vom 2003er-Meilenstein „The Terror State) abstauben und mit unverminderter Wucht in die Menge donnern, passiert sowas eben. Chris #2 fordert die Menge zum Circle Pit auf – und alle machen mit. Ganz wichtig: „If someone falls down, pick him up.“ Wir sind schließlich alle eine große Familie. Punks, Teilzeitpunks, Konzertgänger aus der Nähe, manche sprechen französisch, manche englisch – Anti-Flag machen alle für ein paar Stunden lang zu Weggefährten. Die Vier aus Pittsburgh nutzen die Intimität des Clubs und machen Druck vom ersten Ton an. Der Sound ist gut, die Lautstärke ohrenbetäubend. Da bleibt auch das Stagediving nicht aus. Chris #2 feuert einen Surfer an: Erst fragt er ihn nach seinem Namen, feiert ihn ab und dann meint er: „Everybody, Nico is your friend!“ Weiter geht’s – die Menge trägt ihn auf Händen.

Eher höflich geht das Publikum mit den Vorbands um: Es wird geklatscht, aber die Ruhrpottler von Insert Coin zum Beispiel reißen mit ihrem betont muskulösen Dicke-Eier-Sound kaum jemand zu Beifallsstürmen hin. Hostage Calm gefallen mit ihrem Punkgebräu, aber alle warten nur auf Justin Sane und Co.

Konzentriert: Pat Thetic verdrischt sein Drumkit.
                                                       Foto: Daniel Drescher 
Anti-Flag haben ihr neues Album „The General Strike“ im Gepäck. Davon kommen aber nur drei Titel zur Geltung: Das krawallige „Broken Bones“ fügt sich zwischen Opener und dem mit neuer Aktualität aufgeladenen Klassiker „Fuck Police Brutality“ nahtlos ein. Der stampfende Groove von „This Is The New Sound“ entfaltet sich mächtig, nachdem Anti-Flag das Intro etwas schneller als auf Platte anstimmen. Pat Thetic an den Drums hat seinen typischen Gesichtsausdruck drauf, eine Mischung aus Konzentriertheit und Anstrengung. Später im Set wendet sich die „Neoliberal Anthem“ gegen Zocker und Zynismus. Auch „For Blood And Empire“ würdigen Justin Sane und Co., der Mitsing-Hit „One Trillion Dollars“ und die beiden Depri-Punkrocker „This Is The End (For You My Friend“ und „Hymn For The Dead“ funktionieren live bestens. Anti-Flag haben eine Phase von Alben hinter sich, die nicht über die volle Länge überzeugen konnten, am deutlichsten verhoben sie sich mit „The Bright Lights Of America“. Aber spätestens mit „The General Strike“ ist alles wieder gut – und die politische Punkszene der US of A hat wieder ein Flaggschiff. Das merkt man auch live – obwohl auch Auftritte wie beim Southside 2009 bärenstark waren.

Anti-Flag waren immer die, die ihren CDs Booklets mit Hintergrund-Infos beigelegt haben, Organisationen wie Amnesty International oder Peta den Rücken stärken. Live tritt das intelligent-fundierte Beiwerk in den Hintergrund, da darf auch mal der Mittelfinger in der Luft sein und Chris ein herzhaftes „Fuck“ herausbrüllen. Und als ziemlich spät im Set dann „Turncoat“ ertönt, jene Anti-George-W-Hymne, sind alle Fäuste in der Luft, von der ersten Reihe bis hinten zum Mischpult. Sie haben ihn nicht aus dem Weißen Haus gerockt, aber sie haben vielen aus der Seele gesprochen und ein wichtiges Statement abgegeben.

„This feels like home, Stuttgart“, ruft Justin Sane der Menge zu. Sei froh, dass Du das Wohnzimmer nicht aufräumen musst, denkt man sich.

Mehr Fotos vom Konzert in Stuttgart findet Ihr hier


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