Freitag, 27. April 2012

Hörtest: Hey Rosetta - Seeds


Indierock, Streicher, Kanada? Klar, dass da die Arcade-Fire-Vergleiche nicht weit sind. Aber immerhin: Hey Rosetta! begeistern ganz ähnlich wie Win Butler und Regine Chassagne.
O Canada - ich mag Dich. 

Gefühle ohne Kitsch transportieren – Check. Instrumentale Vielfalt auffahren, ohne durch Bombast den Hörer zu erschlagen – Check. Intelligent und zupackend zugleich musizieren – Check. Hey Rosetta! machen auf ihrem neuen Album „Seeds“ vieles richtig. Sie kommen aus dem Land der Weakerthans, aus der Heimat von Captain Kirk, aus dem oft stiefmütterlich behandelten US-Nachbarland. Und das hört man. Wer seine Augen mal eben vom Smartphone oder der Glotze nimmt, die Nadel auf das Vinyl setzt und dann die optischen Rezeptoren schließt, sieht sonnendurchflutete Morgen, schneebedeckte Baumketten, unberührte Natur. Tom Baker ist stimmlich mal nah an  Chris Cornell (Soundgarden), dann eher an Peter Liddle (Dry The River), beides schön nachzuhören in „Yer Spring“ (ja, der Beat am Anfang erinnert an "Rebellion (Lies)").

Produziert hat das Ganze Tony Doogan (u.a. Belle and Sebastian, Mogwai oder Wintersleep). Gut austariert die Mischung aus rockifizierten Zerrgitarren und Streichern, die man so unkitschig auch erstmal hinbekommen muss. Ein Verdienst der Band, ganz klar. Die Songs sonnen sich nicht darin, wie clever sie gemacht sind, sondern zwinkern einem eher zu, wenn man auf ihrer Wellenlänge ist. Wie subtil man Einflüsse verarbeiten und trotzdem etwas Eigenes kreieren kann, zeigt sich permanent. Hier ein wenig Beirut, dort etwas Grizzly Bear, aber nie würde man auf die Idee kommen, sie des Kopierens zu bezichtigen. Dafür ist das Sextett zu souverän, zu wahrhaftig, zu gut. Getrieben wirken sie, niemand zwingt sie Musik zu machen, weder Ego noch Geldbeutel. Trotzdem tun sie's – was für ein verdammtes Glück für uns. Harte Rockmomente, elegisches Zurücknehmen, majestätisches Aufbranden – hier gibt es viel zu sehen, bitte stehenbleiben.

Ihr Herz für große Literatur macht sie noch sympathischer. „Young Glass“ handelt vom Dahindämmern im Auto und auf dem Flughafen, und ist nicht etwa von Fight Club inspiriert, sondern von J.D. Salingers „Franny and Zooey“. Bücher kommen eh viel zu selten in Songs vor.

Keine Platte für den Sommer und das Freibad – eher für Momente zwischen Teekanne, Plattenarchivierung und Schaukelstuhl.

„Seeds“ von Hey Rosetta! erscheint am heutigen Freitag, 27. April, via Unter Schafen Records. Mehr: www.heyrosetta.com. Hier noch das Video zu "Yer Spring": 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen