Freitag, 16. März 2012

Hörtest: Rocky Votolato - Television of Saints

Nicht ohne meine Akustikgitarre: Der Sprung von Punkrock zu Singer/Songwriter ist nicht so weit. Rocky Votolato hat ihn gewagt – und verdreht uns seit Jahren den Kopf mit schönen Melodien, unaufgeregten Songs und einer Stimme, die sagt: Hört her, wenn Ihr wollt – aber fühlt Euch zu nichts verpflichtet.

Sind das die Fleet Foxes? Die ersten Sekunden von „Television of Saints“ denkt man noch, die falsche Platte aufgelegt zu haben. Aber spätestens beim darauf folgenden „Ghostwriter“, einer entspannten Country-Landpartie, ist klar: Hier singt der Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte – so klingt er jedenfalls. Das war nicht immer so. Bei Waxwing, der Band, die Rocky Votolato mit seinem jüngeren Bruder Cody hatte, durfte auch mal herzhaft ins Mikro geröhrt werden. Die Zeiten sind vorbei. Cody verlängerte sie mit den Blood Brothers, Rocky verlässt sich seit 13 Jahren auf seine Stimme und die Wandergitarre. Und das mit überzeugender Wirkung.

Im Gegensatz zum Vorgänger „True Devotion“ schaltet Votolato hier nochmal einen Gang zurück, rückt Gitarre und Stimme noch mehr in den Vordergrund. Wenn Percussion ertönt, dann sehr zurückhaltend. Das hat etwas von Ryan Adams, der mit „Ashes and Fire“ ebenfalls den Leisetreter-Kurs intensivierte, auch Low Anthem kommen einem zwischendurch in den Sinn – obwohl die natürlich opulent sind gegen die Songskizzen des Amerikaners. Hier wird viel angedeutet, angerissen, und doch könnte manches im Songbook für angehende Gitarristen stehen. Simpel, aber doch gar nicht so einfach nachzuspielen. Das Feeling hat jeder selber in den Fingern.

Wenn Rocky Votolato sich nicht gerade Johnny Cashs Boom-Chicka-Boom-Rhythmus leiht, greift er auch schon mal zur Mundharmonika. Und bleibt doch immer so gelassen wie ein Dartspieler, dem ein vierschrötiger Redneck gerade im Vorbeigehen das Bier aufs Hemd geleert hat – aber weil der nächste Wurf sitzen muss (und es sich um einen Pazifisten handelt), ist ihm das so egal, egaler kann es kaum sein. Ach was ist er schön, der Titelsong, man hat das Gefühl, man möchte sich dazu ans Steuer setzen und ziellos die staubige Straße Tausend Meilen lang geradeaus fahren. Und zwischendurch mal ein Lagerfeuer anzünden und ein paar Akkorde schrammeln. Die Kunst liegt genau darin: Es sieht so einfach aus – und doch werden sich Armadas von Hobby-Gitarristen abmühen, dem Texaner, der so gar nicht nach Texas klingt, nachzueifern in Sachen Ausdruck. Könnte sein, dass sich viele ziemlich strecken müssen.  

"Television of Saints" von Rocky Votolato erscheint am heutigen Freitag (16. März) via Defiance Records. Mehr (inkl. Tourdaten) unter www.rockyvotolato.com 
Hier noch ein Video zum Opener "Little Spring". 

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