Freitag, 23. März 2012

Hörtest: I Hate Our Freedom - This Year's Best Disaster

Wer braucht da noch Dentalchirurgie? Man kann auch einfach diese Platte auflegen, ein paar stämmige Freunde einladen und sich vergnügt im Wohnzimmer zu Brei pogen lassen. Und das Lustige daran: Mit diesem Sound würde sogar das Spaß machen. 

Ja ok. Viel einladender sah das Cover der Debütscheibe "Seriously" auch nicht aus - obwohl es einen Eingang zeigte. Das Sternenbanner und die runtergelassenen Jalousien legten aber eher nahe, dass man nicht zu nahe kommen sollte. Im Gegensatz dazu ist "This Year's Best Disaster" ein Graffito, ein Plakat auf einer Mauer, schroff und abweisend. Das scheint die Musik im ersten Moment auch zu sein - allerdings nur im ganz ganz ersten Moment.

Dann hat man - sein eigenes - Blut geleckt, dass einem vom Punch dieses Hakens am Mundwinkel hängt, den der Opener "3am New York City" einem verpasst hat und will mehr. Kein Problem. "Sans Sympathie" arbeitet sich dann vom Kopf in die Magengrube vor, beschwört die Aggression und zeigt, was Post-Hardcore auch für die Hornbrillen-Fraktion so ansprechend macht: Hier hat jemand nicht nur die Muskeln, sondern auch das Hirn gedopt. Wenn das schnelle Intro-Riff von "Cut You In" über einen hinwegjagt, fragt man sich noch, wie man da als Gitarrist keinen Handgelenkskrampf bekommt, dann ist man schon wieder vom Gesang hypnotisiert.

Schon erstaunlich, denn eigentlich hat das Notensystem ja nur eine begrenzte Zahl an Intervallen und Akkorden und man sollte meinen, irgendwann ist alles gesagt. Aber dann kommen I Hate Our Freedom und schustern sich aus den bekannten Zutaten eines rauhbeinigen Kulturkanons eine Mixtur, die frisch, durchdacht, angriffslustig und substanziell wirkt. Kein Riff, bei dem man gelangweilt sagt "Och, kenn ich schon", sondern eher: "Oh, so kann man das auch spielen". Fast alles unter der 3-Minuten-Grenze, Prägnanz, Kompaktheit, Aussagekraft. Aber klar, hier sind ja auch keine Neulinge am Werk, sondern Männer mit Erfahrung: I Hate Our Freedom, das sind Joseph Grillo (Garrison, God Fires Man), Justin Scurti (Milhouse), Scott Winegard (Fountainhead u.a.) und Tucker Rule (Thursday). Dafür, dass einen der Sound in die Zange nimmt, sorgt Kurt Ballou (Converge), der's nicht mal mit Gemütlichkeit probiert, sondern eher mit Hulk-kompatiblem Dampfhammer-Presto. 

Nach 26 Minuten hat die Abrissbirne ihr Werk vollendet, man sieht sich etwas ungläubig und verdutzt um. Dann drückt man die Playtaste erneut. Einfach, um sich sicher zu sein, dass man das nicht gerade geträumt, sondern wirklich gehört hat.

This Year's Best Disaster? Na Hallelujah! 

"This Year's Best Disaster" von I Hate Our Freedom erscheint am heutigen Freitag (23. März) via www.arcticrodeorecordings.com, wo man auch "Sans Sympathie" gratis runterladen kann. 
Hier noch die Hörprobe dazu: 

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