Montag, 12. März 2012

Hörtest: Bruce Springsteen - Wrecking Ball

Witzig eigentlich, dass sie ihn den Boss nennen. Auf seinem neuen Album „Wrecking Ball“ klingt Bruce Springsteen nicht gerade so, als ob er besondere Sympathien für Bosse, Banker und Wirtschaftsgranden habe. Im Gegenteil.

Mit Kritik spart der 62-Jährige nicht, wütend stellt er sie an den Pranger, die gierigen Diebe und Räuberbarone, die das Fleisch von allem genagt haben, was zu finden war. 2009 hieß es noch „Working on a Dream“, drei Jähre später kreist der „Wrecking Ball“, die Abrissbirne, über den USA. Ratingagenturen, Rezession, politische Grabenkämpfe – Bruce Springsteen scheint seinen Augen kaum zu trauen, wenn er das Land anschaut, in dem er geboren wurde. Kein Wunder, dass er sich zur Verstärkung für zwei Songs Tom Morello an Bord geholt hat, der mit Rage Against The Machine und auch sonst genug Erfahrungen damit hat, politischen Aktivismus und Popkultur zusammenzubringen. Nun ist Springsteen eigentlich schon lange politisch, aber noch nie war er so angepisst, bitter und verzweifelt wie diesmal. Musikalisch hört man hier allerdings keine Spur von Resignation, und dafür wäre der Mann mit der Telecaster auch nicht bekannt. Während Michelle Moore ein paar Zeilen rappen darf, übernimmt der Gospelchor und Springsteen beschwört einen neuen Tag herauf. Aber da ist auch die düstere Ahnung: „The Blood on our hands will come back twice on us.“

Der fast sechsminütige Titelsong versammelt Streicher, Bläser und endet in einem Chor, der den Gedanken nahelegt, dass der Boss viel Arcade Fire gehört haben könnte in letzter Zeit. Wenn wir schon untergehen, dann mit fliegenden Fahnen – Frank Turner hat mal gesungen „If we’re stuck on this ship and it’s sinking then we might as well have a parade.“ Auf dem von Ron Aniello produzierten Album schöpft Springsteen aus dem Vollen, die Liste der Gastmusiker liest sich entsprechend lang. Der verstorbene Clarence Clemmons, der in Springsteens E-Street-Band für die opulenten Saxofon-Solos verantwortlich zeichnete, kommt posthum nochmal zu Ehren. Im bereits live bekannten und nun eingespielten „Land of Hope an Dreams“, dem Titelstück – und im Booklet, wo ihm ein paar Zeilen gewidmet sind. Folk-Fiddles, Penny Whistle, Akkordeon, Bläser, Nanjo und vieles mehr bringt die Songs vielschichtig zum Klingen. Wer durch bekennende Springsteen-Jünger wie The Gaslight Anthem oder The Hold Steady auf ihn aufmerksam geworden ist, dem wird das vielleicht too much sein, too much Gospel, too much Pose, too much Bombast. „Kein Wunder, dass Niedecken Fan von dem ist“, hört man sie munkeln. Keinen Zweifel gibt es aber an der immer noch gültigen Relevanz des Musikers, der mit „We take care of our own“ eine Art Hymne für die Occupy-Bewegung geschaffen hat. Jetzt wird auch klar, warum Springsteen auf dem aktuellen Album „Going Out in Style“ der Dropkick Murphys zu hören war: „American Land“ ist sein Versuch, irisch folkige Klänge in den Sound zu integrieren. Das muss man mögen, gelungen ist es allemal.

Als der Mann aus New Jersey 1984 „Born in the USA“ veröffentlichte, verstanden viele die Kritik darin nicht und hielten den Song für eine Hymne auf die vermeintliche Großatigkeit des Landes. Wenn sie lesen und zuhören können, kann es diesmal eigentlich keine Missverständnisse geben.

„Wrecking Ball“ von Bruce Springsteen ist am 2. März bei Columbia erschienen. Mehr unter http://www.brucespringsteen.net/

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