Sonntag, 26. Februar 2012

Galerie der Klassiker: Two Gallants - What The Toll Tells

Subjektive Vorbemerkung: Als wir das rote Zelt auf dem Southside 2006 verließen, fragten wir uns wohl dasselbe: Was für einen denkwürdigen Musikmoment hatten wir da eben mit ein paar Dutzend anderen Eingeweihten erlebt? Zwei Männer auf der Bühne, einer wütet wie das Drum-Tier der Muppets, seine Haare hängen über das Mikro, in das er ab und an gröhlt, der andere singt sich die Stimmbänder permanent wund und lockt perlende Arpeggien aus seiner Hollowbody-Gitarre. Der Mann mit den strähnigen blonden Haaren singt von Outlaws, Zweifeln und vom Ende der Welt. Soeben hatten mein Freund mit dem bestechend guten Musikgeschmack und ich Two Gallants zum ersten Mal live gesehen. 

Die ersten Töne von "Las Cruces Jail", dem ersten Song auf "What The Toll Tells", beschwören unwillkürlich das Bild von Präriegrasbüscheln heraus, die durchs Bild rollen. Der Wind pfeift einem um die Ohren, dann mischt sich das Pfeifen eines Menschen darunter, twangige Gitarrentöne werden angerissen. Dann reißt einen die gehetzt-verzweifelte Stimme von Adam Stephens jäh aus den Träumen. Der Charakter im Song sitzt in einem Gefängnis ein, weil er einen Mann getötet hat. Aber was kann man machen? "They'll hang me if I stay here, shoot me if I run". So oder so, die Lage ist aussichtslos.

Natürlich weckt das Assoziationen an Johnny Cash, der Stoff für diese Mörderballaden ist der gleiche, auch die Intensität, mit der sie vorgetragen werden, ist ähnlich. Tragisch, morbide, und doch poetisch: In "Las Cruces Jail" stecken mehr schöne Zeilen als in manch anderem Album. "I'll keep you in my collection of regrets", heißt es da, man fühlt sich an ...Trail of Deads "Mistakes and Regrets" erinnert. Auch "Steady Rollin'" handelt von Mord und Todschlag, erzählt eine Woyzeck-artige Geschichte, denn "If You got a throat I got a knife". Die Frau endet mit einer Kugel im Körper in einer Bucht von San Francisco.

Aber es finden sich auch Gospel-Motive, etwa in "Long Summer Day", das eine thematische Verwandschaft mit Bob Dylans "Maggie's Farm" hat. Von Robert Allen Zimmermann haben sie sich auch die Mundharmonika geliehen, die immer wieder zur staubtrockenen Atmosphäre der Songs beiträgt.Wenn Adam Stephens und Tyson Vogel dann gemeinsam ihre waidwunden Urschreie ins Mirko brüllen, wird einem klar, wie ungewöhnlich die Mischung ist, die hier serviert wird.

Gebrochene Gestalten, düstere Visionen, traditionelle Country- und Folk-Geschichten, neu erzählt, mit den Mitteln von Indie und punkiger Rotzigkeit vorgebracht. Two Gallants sind eine Ausnahmeerscheinung im oftmals konformen Musikgeschäft. Und wenn sie dann im elegischen "Waves of Grain" die Apokalypse prophezeien, denkt man sich nur: Ok, immerhin haben wir vorher noch diese Band kennengelernt.

"What The Toll Tells" von Two Gallants ist am 17. Februar 2006 bei Saddle Creek. Hier seht Ihr noch das Video zu "Steady Rollin'". 


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