Sonntag, 22. Januar 2012

Sonntags-Matinée: Guided By Voices - Let's Go Eat The Factory

Als hätte man den Schädel eines wahnsinnigen Wissenschaftlers geöffnet: Jetzt liegt das Gehirn vor uns auf dem Sezierteller und wir bekommen eine Ahnung davon, welche Neuronenstürme sich darin abspielen müssen. 

21 Songs in 41 Minuten - das ist nicht normal, sowas können nur Guided By Voices. Oder Grindcore-Kapellen aus was weiß ich wo. Manche Songs dauern gar nur 34 Sekunden. Wobei man drauf gehen kann, dass es bei Robert Pollard, Mitch Mitchell, Kevin Fennell, Tobin Sprout, Greg Demos und Jimmy Pollard die besseren Melodien gibt als bei Songs, deren Lyrics sich auf "Grrrrrmmmpppflllllöörgggllllllwrgggg" beschränken. Man liest richtig: Das Original-Line-Up hat sich re-formiert. Das Gestöhne "Wieder eine Reunion" hält sich dabei in Grenzen, Guided By Voices gelten als Szene-Ikonen, haben mit "Bee Thousand" einen Meilenstein in ihrer Diskographie und daneben viele weitere starke Alben.

Eine Parallele gibt's da zur "Wasting Light"-Platte von den Foo Fighters: Eine Garage spielt eine wichtige Rolle. Oder bessere gesagt mehrere. Aber auch Wohnzimmer und Keller. Genau da wurde "Let's Go Eat The Factory" aufgenommen. Und wie bei "Wasting Light", der Scheibe, die in Dave Grohls Garage entstand, tut das auch hier dem Resultat hörbar gut. Wobei Guided By Voices immer lo-fi waren. Wer das und die verquere Abkehr von traditionellen Songstrukturen immer an Pollard & Co. geliebt hat, wird auch den voller Spannung erwarteten Longplayer der US-Indierocker nach der ganzen Aufregung um die Tatsache, dass es ihn denn geben wird, freudig ins Herz schließen.

Fragmente und Songskizzen dominieren auch "Let's Go Eat The Factory". Einzelne Songs herauszuheben erscheint da wenig sinnvoll, versuchen wir es trotzdem: Am offensichtlichsten drängen sich "Doughnut for a Snowman" und "The Unsinkable Fats Domino" auf, einfach weil man sie schon kennt und sie ein bisschen wie Leitplanken innerhalb von so viel organisiertem Chaos wirken. Verspielt und mit den Flöten fast schon eine Karikatur, kommt "Snowman" einem wie ein verlorener Song aus vergangenen Jahren vor, aber das könnte ja auch passieren, immerhin hat Robbert Pollard schon über 1000 Songs geschrieben. Dagegen steht mit "Fats Domino" eine Rocknummer mit Riffs, die schroff in der Luft hängen.

Geht man weg von den bereits bekannten Songs, gibt es jede Menge zu entdecken: Das treibende "God Loves Us" mit seinen Stakkato-Riffs und dem verzerrten Gesang könnte glatt eine The Who-Übungsstunde  aus den 60ern sein. "How I Met My Mother" braucht nur eine Minute und zieht durch seinen ironischen Titel schon Aufmerksamkeit auf sich. Dem folgt der zweitlängste Song "Waves", der es auf ganze 3 Minuten und 21 Sekunden bringt. Getoppt wird das nur noch von "Spiderfighter", den Pollard als "Pete Townshend Demo für Lifehouse" bezeichnet.

Es passiert viel, Guided By Voices überschütten einen mit Eindrücken und Musik, mit Textfetzen und Soundspielereien. Es gibt Alben, die klingen wie aus einem Guss. Das hier nicht. Darin liegt der Reiz. In kurzen zeitlichen Abständen betritt man neue Welten, die einem doch vertraut vorkommen. Es gibt Fans, die schon einen Instant-Klassiker in diesem Album sehen, andere wollen sich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

Subjektiver Einwurf: Den Namen kennt man eh, ...Trail of Dead riefen mich dann mit ihrem Cover von "Gold Heart Mountain Top Queen Directory" auf den Plan. Es dauerte aber noch bis 2011, bis ich in einem Plattenladen in Dublin "Universal Truths & Cycles" mitnahm. Verwirrend war das, strange und wahnwitzig. "Let's Go Eat The Factory" scheint zugänglicher, offener. Aber: Es bleibt verwirrend, strange und wahnwitzig. They don't make 'em like you anymore? Mitnichten.

"Let's Go Eat The Factory" von Guided By Voices ist am 20. Januar erschienen bei Fire Records. Mehr unter www.gbv.com

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