Dienstag, 24. Januar 2012

Hörtest: John K. Samson - Provincial

Was kann ich über das Soloalbum eines Musikers schreiben, der unverrückbar an erster Stelle in meiner persönlichen Top-Liste aller Zeiten steht? Der auf so ungekünstelte Weise einfach da ist, keine hohlen Phrasen und aufgesetzten Posen braucht, ein so berückend fantastischer Musiker und Texter ist? Bleibt mir wohl nur, genauso persönlich über "Provincial" zu schreiben, wie diese Musik nun schon zu einem verlängerten Fortsatz meiner Seele geworden ist. 

Es war 2009 im November im lauschigen Zwölfzehn in Stuttgart, als er auf der Bühne stand, ganz alleine mit seiner Akustikgitarre und auch nicht davor zurückschreckte, Songs seiner Band The Weakerthans zu spielen. Das Lied heißt "Reconstruction Site" und bei Zählerstand 1:22 gibt es eine schöne Lap Steel-Spielerei (ist es eine Lap Steel?). Weil Samson keinen zweiten Gitarristen dabei hat, setzt er an der Stelle aus, ein Fan springt ein und übernimmt den kurzen Gitarreneinwurf und ruft ein beherztes "Wooh-ooh-ohohoohoo" in die Menge, Samson lächelt ihm zu und bedankt sich, der Fan ist aus dem Häuschen und grinst wie das ewige Honigkuchenpferd. 

An jenem Abend spielt er schon einiges, was wir nun in der Gesamtheit auf "Provincial" erleben. Es ist ein Debüt, aber auch keines. Solo hat er schon länger Songs veröffentlicht, aber jetzt gibt es den Longplayer. Damit man nicht dauernd die Seven Inchs wechseln muss, sich die Stücke nicht auf dem MP3-Player zusammenshuffeln muss. Soloalben könnten ein Ventil sein, ein Ort, wo man aus dem Bandgefüge ausbrechen und etwas komplett anderes sein kann. Umso verwunderter reibt man sich die Augen, wenn das Resultat dann klingt, als ob man eine Scheibe der angestammten Formation aufgelegt hat. Auch John K. Samson wagt keine usbekischen Folk-Experimente auf seinem neuen Album, keine Dubstep-Ausrutscher und kein halbgares Gefasel. Aber das ist ja auch kein Wunder: John K. Samson IST The Weakerthans, der Mann ist mit sich im Reinen, seine Band ist eine Institution - warum zwanghaft anders klingen wollen? Zumal das Ergebnis von A bis Z überzeugt. Schätzungsweise ist das hier eines der stärksten Soloalben, die jemals eingespielt wurden. 

Das liegt - auch das eigentlich nichts Neues - an der Kombination von Melodien, bei denen sich jeder Songwriter fragen wird "Warum ist mir sowas nicht eingefallen?", Texten, bei denen sich viele andere Songwriter ärgern werden, dass sie so ohne Stereotype nicht texten können und Musik, die die besten Eigenschaften von Kuscheldecke (Wärme) und Chai-Tee mit Milch (Wohlfühlen) vereint. Man nehme nur mal das unfassbare "Heart of the Continent". Nicht nur die verknitterte Dunkelheit lässt da aufhören, sondern auch Textzeilen wie diese: "Inky bruises punched into the sky by bolts of light/And then leak across the body of tonight". Und so geht das die ganze Zeit über. Wenn die Arpeggien am Anfang von "Grace General" den Worten "Cruel snow, cracked lips, sun lost by four" weichen und am Ende die Frage steht "What will I do now?", hat man das Gefühl, dass dieser Mensch genau nachvollziehen kann, was man in Stunden von Zweifel oder Weltschmerz empfunden hat. Ach ja: Kann John K. Samson bitte mehr Duette mit seiner Frau Christine Fellows singen? "Taps Reversed" ist ein Lied, das man gerne einstudieren und mit der Liebe seines Lebens den gemeinsamen Kindern am Bett vorsingen möchte. Oder das so grandiose "Highway 1 East", bei dem man am liebsten von Häuserdächern schreien möchte, dass das hier Musik und so viele anderes einfach überflüssig ist.

Hinter Songs wie "When I Write My Masters Thesis", diesem Ausbund an unzerstörbarem Optimismus in der Niederlage, steckt ein Mensch, der den Weltfrieden herbeiführen könnte, wenn sich jeder ein Beispiel an seinem gutherzigen Charakter nehmen würde. Klar, alle wollen ein neues Weakerthans-Album haben. "Reunion Tour" ist auch schon wieder fünf Jahre her. 

Aber: Dieses Soloalbum ist nicht einfach adäquater Ersatz für ein solches.
Es ist viel mehr.
Es ist ein Stück Halt in diesen seltsamen Zeiten. Voller Geigen, Gitarren, Bläsern, nicht aufdringlich, sondern wohldosiert eingesetzt. 
Ein Sauerstoffzelt, minimal eskapistisch und dabei trotzdem mitten im Leben. 
So verwirrend das auch manchmal sein mag. 

"Provincial" von John K. Samson erscheint am 27. Januar bei Grand Hotel van Cleef. Das Album streamt derzeit beim Paste Magazine

Und weil allein schon der Album-Trailer ein kleines Kunstwerk ist, gibt's ihn hier nochmal zu sehen: 

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