Mittwoch, 25. Januar 2012

Hörtest: Craig Finn - Clear Heart Full Eyes

Werden wir nochmal persönlich: Kann doch kein Zufall sein, dass Craig Finn sein Solodebüt am selben Tag rausbringt wie John K. Samson. Wenn ich meine größten Helden, meine wichtigsten Einflüsse benennen müsste, wären die zwei dabei. Und Mike Ness. Aber der hat das ja schon hinter sich mit den Solosachen. Jedenfalls: Craig Finn kann es auch ohne seine Hold Steady-Crew. Ein Referenzwerk wie Samsons "Provincial" ist allerdings nicht draus geworden. 

Die Spiegel-Musikjournalisten Jan Wigger und Andreas Borcholte müssen sich in letzter Zeit oft Kommentare anhören, dass ihre Kolumne "Abgehört - Die wichtigsten CDs der Woche" bemüht unkommerziell ist und doch bitte mal Musik berücksichtigen könnte, die man auch kennt. Bitte wie? Die Männer haben doch exakt das richtige Händchen, auch wenn man nicht jede Woche ihrer Meinung sein muss. Aber gestern zum Beispiel: Da lesen wir tatsächlich etwas über John K. Samsons Soloalbum bei Spiegel online. Craig Finn erscheint in derselben Woche und kommt beim Spiegel nicht vor. Das könnte daran liegen, dass ihm im direkten Vergleich das weniger zwingende Album erschienen ist. Was nicht heißt, dass "Clear Heart Full Eyes" nicht gut und hörenswert und den Platz im Regal verdient und die 40 Megabyte Platz auf dem MP3-Player verdient hätte. Es ist halt nur nicht so überragend wie das von Samson. Und wo man beim Weakerthans-Samtkehlchen die Hauptband für eine Albumlänge nicht vermisst, denkt man bei Craig eher daran, dass es doch schön wäre, wenn er mal wieder das Overdrive-Pedal durchtreten und die Regler nach rechts drehen würde. Eine Verschnaufpause vor dem für dieses Jahr angekündigten Hold Steady-Album? Quasi.

Allerdings auch hier der Frontmann-Effekt: Mit seiner Stimme, die erst nach und nach zu einer Art Gesang gefunden hat, prägt Finn seine Band stark. Drum klingt sein Solodebüt unverkennbar, aber eher wie The Hold Steady in den ruhigeren Momenten.

Die Sonne flirrt, der Schädel brummt: So beginnt "Apollo Bay", der Opener, der klarmacht, dass die südliche Hitze von Austin, Texas, ihre Spuren hinterlassen hat. Dort nahm Finn das Album vergangenen Sommer mit ein paar Musikern auf. Über knappe sechs Minuten schleppt sich das Stück hin, dessen Stimmung sich später in "Western Pier" wiederholt, wummert und fiept mit Feedbacks, um in das relaxte und das coole "When No One's Watching" zu münden. Finns schräger Humor scheint im countryesken "New Friend Jesus" durch. Was kann einem schon passieren, wenn man den Nazarener in der Band hat? Wobei das ernster gemeint sein könnte als manchem lieb sein mag. Den durchschnittlichen Country-Fan dürfte man damit allerdings trotzdem nicht erreichen. Egal, das war auch nie die Zielgruppe. Wobei sich die Platte schon eher an solche Klänge hält als an den versuchsweise breitbeinigen Rock von The Hold Steady. Southern Rock regiert den "Honolulu Blues", dieses an Lynyrd Skynyrd gemahnende Erzählstück.

Spektakulärer als die Musik sind die Texte. Geschichten erzählen kann er wie kaum ein anderer, der Mann, den man eher für einen Bücherwurm als für einen Rockmusiker halten würde. Diesmal handeln sie von zerbrochenen Beziehungen, dem Erwachsenwerden und Co-Abhängigkeit. Unter anderem.

Im Grunde ist es ein Luxusproblem. "Clear Heart Full Eyes" kann sich jeder Hold Steady-Fan guten Gewissens ins Regal stellen. Bloß könnte es sein, dass man es hört und sich denkt: "Ich freu mich schon auf die nächste Hold Steady". Vielleicht ist das aber auch nur ein Problem der Rock'n'Roll-Sozialisierten.

"Clear Heart Full Eyes" von Craig Finn erscheint am 27. Januar bei Full Time Hobby. Das Album streamt derzeit noch bei NPR in voller Länge. Mehr: http://steadycraig.tumblr.com/

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