Sonntag, 8. Januar 2012

Galerie der Klassiker: Anti-Flag – The Terror State

Vier Worte, mit Wut herausgeschrien in die Welt: „Turncoat! Killer! Liar! Thief!“ Gerichtet an einen „Kriminellen unter Gesetzesschutz“, wie die Pittsburgh-Punkrocker den damaligen US-Präsidenten George W. Bush nennen. Anti-Flag brauchten im Oktober 2003 – sieben Monate nach Beginn des zweiten Irak-Kriegs – nur ein paar Akkorde und wenige Augenblicke, um klarzumachen, wohin die Reise geht. 

Mit kritischem Blick, exakter Beobachtungsgabe und dem Talent, Missstände in packende Lyrics zu gießen, haben Chris Head, Justin Sane, Chris # 2 und Pat Thetic hier ein kleines Meisterwerk geschaffen. Das hätte aber nicht funktioniert, wenn sie den Dachboden des Punkrock dazu kräftig entrümpelt hätten: Klar gibt es da „Ooooo-hoooo“-Chöre, aber nichts wirkt anachronistisch ausgelutscht; klar ist Punk Rebellion, aber hier niemals mit stumpfer „Alles Scheiße“-Plattitüde. Stattdessen gibt’s im Booklet Hintergrundinfos zu den Themen der Songs. Alles Argumente, die die Protestlieder mit belegbaren und nachprüfbaren Fakten untermauern. Da geht es um GATT und WTO, um Todesfälle von Demonstranten und vor allem auch um Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, die indische Autorin Arundhati Roy etwa. Wer mehr wissen wollte, dem lieferten die Punkrocker gleich noch die weiterführenden Internet-Links dazu.

In „When You Don’t Control Your Government People Want To Kill You“ gingen Anti-Flag der Frage auf den Grund, wie es zum 11. September kommen konnte, in „Operation Iraqi Liberation (O.I.L.)“ kritisierten sie die selbstergriffene Rolle der USA als Weltpolizist. Und mit „Post-War Breakout“ hatten Anti-Flag gar die Ehre, einen Song auf der Basis eines Text der Folk-Legende Woody Guthrie zu schreiben.

Exzellent in Szene gesetzt hat das Ganze jemand, der sich mit rebellischer Rockmusik bestens auskennt: Tom Morello, früher (und immer mal wieder live) Gitarrenhexer bei Rage Against The Machine und Politaktivist. Mit seiner wuchtig-transparenten Produktion verhilft er Wutschreien wie „Wake Up“, „Power to the Peaceful“ oder auch dem rotzigen „Tearing Down The Borders“ zur nötigen Durschlagskraft.

Das Album erschien auf Fat Wreck Chords. Labelchef Fat Mike hatte im April 2003 mit seiner Band NoFX die Politik im Punk wiederentdeckt und mit „The War On Errorism“ ein ähnliches Manifest auf die Menschheit losgelassen. Die „Rock Against Bush“-Sampler und die Internetplattform „Punkvoter“ sollten eine zweite Amtszeit von George W. Bush verhindern helfen. Anti-Flag gingen pragmatisch vor und legten ihrem Album gleich noch die passende Stencil-Schablone für Graffitis vor: „One Term President“. Verhindern konnten sie die zweite Amtszeit des Mannes, den viele für den schlechtesten Präsidenten der USA halten, nicht. Aber sie gaben denen eine Stimme, die nicht einverstanden mit dem Kurs der Vereinigten Staaten waren. Und das waren nicht gerade wenige.

„The Terror State“ von Anti-Flag ist am 20. Oktober 2003 bei Fat Wreck Chords erschienen.

Das Video zu "Turncoat" seht Ihr hier:

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