Montag, 31. Oktober 2011

Tom Waits reloaded: "Bad as me" in der SZene-Kritik

Über einen Ausnahmekünstler wie Tom Waits zu schreiben, ist sicherlich nicht ganz einfach. Und am Besten ist es immer noch, sich seine Platten anzuhören. Trotzdem muss man über seine neue Platte "Bad as me" sagen, dass sie ein Karrierehighlight ist. Nachdem ich auf dem Blog bereits vergangene Woche eine Rezi veröffentlicht habe, ist am vergangenen Samstag ein Artikel von mir auf der "Szene am Wochenende" in der Schwäbischen Zeitung erschienen. Klickt auf das Bild, um das Resultat zu sehen. Falls die Schrift nicht lesbar ist: Rechtsklick und speichern unter. Auf dem Rechner könnt Ihr besser vergrößern.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Sonntags-Matinée: Samiam - Trips

„Trips“ nennen Samiam  ihr erstes richtiges Studioalbum seit fünf Jahren. Aber keine Sorge: Verdrogt ist hier nichts. Im Gegenteil: 13 Songs, die hellwach sind – und einem ebenfalls den Schlaf aus den Augen und den Ohren pusten.

Kurzes Gitarrenfeedback, Drums, Gesang: Samiam brauchen auf Trips nur wenige Sekunden, um klarzumachen, um was es hier geht. Kurz, knackig und prägnant – Punk ist nicht Prog, und warum soll man mehr als drei Minuten brauchen, wenn alles gesagt ist? Das eröffnende Trio „80 West“, „Cleaning Up The Mess“ und „September Holiday“ verbindet Melodien, Energie und dezente Härte zu einer genießbaren Melange. Die Gitarrenriffs scheinen allen Hobby-Strummern zuzurufen: „Das ist doch machbar, auch ohne 30 Stunden Übung“. Das Covermotiv – ein Elefant auf einem Mini-Motorroller, der über eine Skateboardrampe durch einen brennenden Reifen springen wird – trifft’s: Hier sind Schwergewichte am Werk, die wendig genug sind, um spektakuläre Ohrwürmer zu schreiben.

Aber ein bisschen mehr als poppig-punkig-lustige Songs, die auch als Soundtrack zu den vor ein paar Jahren trendigen Teenie-Komödien á la Road Trip taugen könnten, steckt dann schon dahinter. In „Demon“ schwingt ein Hauch von Dinosaur Jr. mit, mit „Over Now“ drücken sie wieder aufs Gaspedal. Hin und wieder schieben sich Moll-Akkorde zwischen die sonnendurchfluteten Songs, die Justin Beebout mit einer melancholischen Note in der Stimme singt. Dieses Timbre erinnert mich in manchen Momenten an André Kunze von den Koblenzern Earthbend.

Der Trick an „Trips“: Das mag simpel sein und es ist auch nicht neu – aber es kommt von Herzen. Auch wenn es nach Easy Listening klingt und dem Hörer denkbar einfach macht – wir haben es hier mit der Band zu tun, die mit ihrer Textzeile „I forgot how good it feels to be part of a spinning wheel“ (in „Dull“) das Verständnis von Szene-Zusammenhalt auf den Punkt gebracht hat. Wenn sich in „El Dorado“ langgezogene „Oh-hoos“ gegen Gitarren-Spuren stellen, hat man fast das Gefühl, dass sich Bloc Party hier den Punkrock-Anteil in ihrer Musik geliehen haben. Der größte Luxus, den man sich gönnt, sind mehrstimmige Chöre wie in „Did You Change“ mit seinen coolen Stakkato-Riffs.

Verspielt und doch schnörkellos: Samiam haben mit „Trips“, das übrigens im Studio von Green Day aufgenommen wurde, ein überzeugendes Argument abgeliefert, warum man von dieser Szenegröße etwas im Schrank stehen haben sollte.

„Trips“ von Samiam ist am 9. September bei Hopeless Records erschienen. Mehr unter www.samiamfancy.com und unter www.myspace.com/samiam
Das Album  streamt in voller Länge unter http://www.altpress.com/features/entry/exclusive_album_stream_samiams_trips

Samstag, 29. Oktober 2011

Mumford & Sons und Flogging Molly bei Austin City Limits



Bei PBS könnt könnt Ihr die Folk-Lieblinge Mumford & Songs und Flogging Molly bei Austin City Limits sehen. Eine Stunde lang Folk-Klänge vom Feinsten. Mumford & Songs fahren eine große Live-Besetzung inkulsive Bläserensemble auf. Und Flogging Molly sind ja eh schon viele auf der Bühne. Hier gibt's einen Vorgeschmack mit dem 20-minütigen Auftritt von Mumford & Sons.

Nach den Gigs gibt's jeweils kurze Gesprächsfetzen von den beiden Bands. Während Mumford and Sons über ihre Popularität sprechen, machen Flogging Molly-Chef Dave King und seine Frau Bridget Regan über ihre erste Begegnung. Beides Bands, die zu Recht verdammt viele Fans haben.

Mumford & Songs sind derzeit im Studio, um ihr zweites Album aufzunehmen. Flogging Molly kommen im November auf Tour. Als Support sind The Minutes und The Mighty Stef dabei. Hier nochmal die Daten:

15.11. AT – Wien – Gasometer
16.11. DE – München – Tonhalle
17.11. CH – Zürich – Komplex

18.11. DE – Saarbrücken – Garage

19.11. DE – Oberhausen – Turbinenhalle

22.11. DE – Berlin – Astra

23.11. DE – Hamburg – Docks

24.11. DE – Köln – E-Werk

25.11. DE – Stuttgart – LKA Longhorn
15.11. AT – Wien – Gasometer
16.11. DE – München – Tonhalle
17.11. CH – Zürich – Komplex

18.11. DE – Saarbrücken – Garage

19.11. DE – Oberhausen – Turbinenhalle

22.11. DE – Berlin – Astra

23.11. DE – Hamburg – Docks

24.11. DE – Köln – E-Werk

25.11. DE – Stuttgart – LKA Longhorn

Freitag, 28. Oktober 2011

Willkommen im "Hotel Bela"

Bela B. solo  im November 2011 in Ulm.                     Foto: Daniel Drescher

Bela B. bekommt seine eigene Fernsehsendung: Nein, keine Sorge, er mischt sich nicht unter die Late-Night-Talker, er wird nicht über Euro-Krise oder ähnliches diskutieren, nichts dergleichen. Das Konzept von "Hotel Bela" klingt weitaus vielversprechender. Der Schlagzeuger von Die Ärzte trifft Berühmtheiten, die er schätzt und verehrt - und die auf der Durchreise sind. Bela besucht sie im Hotel und darf die Persönlichkeiten dann interviewen. Was zum Beispiel in Episode eins zum Fantreffen der Zombie-Verehrer führt: Der erste Gast heißt George A. Romero, hat wegweisende Zombie-Filme wie "Night of the Living Dead" als Regisseur aus der Taufe gehoben und in der jüngeren Vergangenheit das äußerst gelungene Remake seines eigenen Films "The Crazies" produziert. Die Ärzte haben ihm bereits mit dem Video zu "Junge" Tribut gezollt; es wird sicher eine coole Begegnung, wenn Comic-Nerd Bela und Zombie-Experte Romero aufeinandertreffen.

Zu sehen ist das Ganze am Montag, 31. Oktober (sicher kein Zufall, der Termin) auf arte. Los geht's um 23.40 Uhr. Wiederholungen laufen am Donnerstag, 10. November, um 03:45 und am Mittwoch, 16. November, um 04:10. Hier kommt Ihr zur Internetseite von arte, wo es eine kurze Beschreibung der Sendung gibt.

Übrigens: Die Ärzte werden ihr neues Album am 13. April 2012 veröffentlichen. Nur noch....Moment...nur noch...hab's gleich...naja, ein paar Mal schlafen.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Frank Turner live bei Jimmy Kimmel



Frank Turner und die Sleeping Souls live bei Jimmy Kimmel: Muss man gesehen haben. "Peggy Sang The Blues" und die Rock'n'Roll-Hymne "I still believe" gibt's in zwei Videos hier. 

Ryan Adams und die Metal-Show



Nachtrag zu Ryan Adams: Der amerikanische Singer/Songwriter zeigt sein komödiantisches Talent in einem fünfminütigen Video. Er moderiert die Fake-Metal-Show "Night Sweat". Man merkt deutlich, dass er sich zusammenreißen muss, wenn ihm sein Sidekick mit dem Panda-Makeup ins Ohr röhrt. Wo bleiben die Outtakes? Stilistisch erinnert der liebevoll zusammengebastelte Moderationsaltar an die Kollegen von Tenacious D.

Der Mann kennt sich offenbar aus: Auf seiner Youtube-Playlist, die er in der Sendung erörtert (ha, jetzt bin ich auch reingefallen...ist ja gar keine Sendung), stehen unter anderem die norwegischen Black Metal-Bands Emperor und Darkthrone. Dass Adams ein Faible für Metal hat, wissen wir nicht erst seit seiner Coverversion von Iron Maidens "Wasted Years". Kürzlich trug er bei seinem Auftritt in der Show von Conan O'Brien ein T-Shirt von Napalm Death.

Das Video ist auch eine Werbung für sein neues Album "Ashes & Fire". Die Rezi dazu gab's gestern Abend hier

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Ryan Adams "Ashes & Fire" in der SZene-Kritik

Wow, ist "Gold" echt schon so lange her? Ich geb zu, ich hab ihn danach etwas aus den Augen verloren. Aber jetzt wiederentdeckt. Und eins steht fest: Ich brauch noch einige Platten von Ryan Adams. Sein aktuelles Album "Ashes & Fire" hab ich für die Schwäbische Zeitung besprochen. Die Rezi ist auf der SZene-Seite am gestrigen Dienstag erschienen. Nebenan das Resultat.

Ach ja: Die Bilder werden hier neuerdings anders angezeigt, man kann nicht mehr vergrößern. Das ist grad bei Zeitungsartikeln extrem störend, wenn die Schriftgröße nicht passt. Ihr könnt die JPGs abe auch einfach runterladen. Alle sind in genügend hoher Auflösung gepostet, dass man den Text lesen kann.

The Movement mit Video zu "Since You've Been Gone"




Eben entdeckt: Die großartigen dänischen Mod-Rocker The Movement haben ein Video zu "Since You've been gone" online gestellt. Wobei Video übertrieben ist: Man sieht, wie sich eine Seven Inch dreht. Trotzdem verdammt cool - und endlich ist der Song im Netz. Das Stück stammt von der Comeback-EP "Still Living The Dream". 

Auch lesens- und sehenswert: Konzerbericht und Fotos von The Movement in Winterthur.

Dienstag, 25. Oktober 2011

The Static Age verschenken eine digitale Best of



Sie haben über 400 Show in 48 US-Staaten und 16 verschiedenen Ländern hinter sich. Egal, ob große Locations oder kleine Punkrockschuppen: Die Rede ist von The Static Age. Jetzt kann man sich eine "Best of" der amerikanischen Post-Punk-Band gratis herunterladen.

Auf "Mixed Signals" sind Songs von den drei Alben „Neon Nights Electric Lives“ (2005), „Blank Screens“ (2006), der jüngsten LP „In The City Of Wandering Lights“ (2011), sowie der „i/o“ EP (2009) enthalten. Der Bogen spannt sich von der ersten Single-Auskupplung „Vertigo“ über den Indie-Hit „Cherry Red“ bis zu "Wires", dem Opener des aktuellen Albums. Das Video zu "Vertigo" könnt Ihr Euch oben anschauen.

Hier geht es zum Download von „Mixed Signals“:  http://www.highwires.com/dl/mixedsignals/

Arcade Fire unplugged bei Neil Youngs Benefiz-Reihe



40 Minuten Arcade Fire - unplugged: Die Indie-Stars haben im Rahmen des Benefizfestivals "Bridge School Benefit" gespielt. Diese Konzertreihe veranstaltet Neil Young seit 25 Jahren, der Erlös kommt Kindern mit Behinderungen und Sprachstörungen zugute. Mit dabei waren in den vergangenen Jahrzehnten Künstler wie Tom Petty, Bruce Springsteen, R.E.M., aber auch Modest Mouse, Wolfmother oder die Fleet Foxes. Beim Crosby, Stills, Nash & Young-Cover "Helpless" bekommen Arcade Fire dann Unterstützung von Neil Young höchstpersönlich. 


Hier die Zeitmarken, wenn ihr gezielt Songs anspielen wollt:
1:24 The Suburbs, 7:31 Empty Room, 12:16 Month of May, 15:50 Rebellion (Lies), 21:51 Intervention, 26:59 Helpless (with Neil Young) [Crosby, Stills, Nash & Young cover], 33:00 Wake Up.

Update: Leider ist das Video nicht mehr verfügbar. Bei Youtube könnt Ihr mit den  Stichworten "Arcade Fire" und "Bridge School Benefit" zumindest noch einzelne Songs sehen. Sorry.

Einen Bericht über den überragenden Arcade-Fire-Auftritt beim Southside findet Ihr hier.

Montag, 24. Oktober 2011

Make Do And Mend mit neuem Video zu "Transparent Seas"



Gerade reinbekommen: das neue Video von Make Do and Mend. Es wirkt wie eine Mischung aus Coraline und Harry Potter: Im animierten Clip zu "Transparent Seas" büxt ein Junge aus dem konservativen-gläubigen Elternhaus aus, um die farbenfrohe Wahrheit in geometrischen Formen zu finden. Deprimierend, weil solche Konflikte vorkommen; belustigend, wenn plötzlich die Dementoren den Jungen in den Wald verfolgen. Auch im Text findet sich das Thema wieder.

Die Postcore-Band aus Connecticut war dieses Jahr mit Hot Water Music auf Tour und hat einen saustarkein Eindruck hinterlassen.

Atlas Losing Grip verschenken Songs und kommen wieder auf Tour

Wieder auf Tour: Atlas Losing Grip. Foto: CC
Erst haben sie im Vorprogramm von Millencolin gerockt, jetzt kommen Atlas Losing Grip nochmal nach Deutschland und für ein Konzert auch in die Schweiz. Ihr aktuelles Album "State of Unrest" gehört ohne Frage zu den besseren Punkrockschreiben des Jahres.

Auf ihrer Internetseite verschenken die Schweden-Punks um Ex-Satanic-Surfers-Fronter Rodrigo Alfaro einen Gratis-Sampler mit 15 Songs von schwedischen Punkbands. Darunter sind Namen wie Venera, Enemy Alliance und Misconduct. Die Compi könnt Ihr unter folgender Adresse downloaden: http://atlaslosinggrip.se/sampler/
Zudem könnt Ihr mit einer Smartphone-App das Tourtagebuch und rare Songs der Schweden abgreifen. Hier entlang bitte: http://itunes.apple.com/de/app/atlas-losing-grip/id435793054?mt=8







Die Tourdaten gibt's hier:
09.11 DE – Hannover – Bei Chez Heinz
14.11. DE - Karlsruhe - Alte Hackerei
15.11. CH - Solothurn - Kofmehl
21.11 DE – Zwiesel – Jugendcafe
22.11 DE – München – Kranhalle
23.11. DE - Stuttgart - Kellerclub
24.11 DE – Wiesbaden – Kulturpalast
25.11 DE – Köln – Sonic Ballroom
26.11 DE – Münster - Amp

Video: Frank Turner mit "Wessex Boy"



Da ist es: Das neue Video von Frank Turner. Für "Wessex Boy" hat sich der britische Folk-Punkrocker massive Unterstützung von Fans geholt, die als Straßenmusiker in seinem Video mit auftreten. Dabei enstehen coole Szenen, meine Lieblingseinstellung: 2:33. Der Clip wurde unter der Regie von Ben Morse und Greg Nolan in Turners Heimatstadt Winchester gedreht.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Galerie der Klassiker: Neutral Milk Hotel – In The Aeroplane Over The Sea

Vorbemerkung: Weil diese Platte jede Woche mindestens einmal bei mir läuft und der aktuelle Anlass „Box-Set“ heißt, gibt es heute statt der Sonntags-Matinée einen Klassiker, den ich jedem ernsthaft interessierten Musikliebhaber ans Herz legen möchte.

Der Nachhall ist bis heute hör- und spürbar: Was Sänger und Songwriter Jeff Mangum und seine Band mit ihrem 1998er Album geschafft haben, macht ihnen so schnell keiner nach. Auch wenn der Rolling Stone die Genialität dieser Platte nicht gleich erkannte und beim Erscheinen des Albums nur 3 von 5 Punkten gab: Ein paar Jahre später waren sich alle einig, dass das hier ein Werk für die Ewigkeit ist.

Arcade Fire bezeichnen Neutral Milk Hotel als unglaubliche Inspirationsquelle. Ob The Decemberists auf ihrem aktuellen Album „The King is Dead“ so klängen, ohne diese verstörend-schönen Songs gehört zu haben – man weiß es nicht, aber es ist unwahrscheinlich. Auch The Rural Alberta Advantage klingen inspiriert von Jeff Mangum und Co. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Und sie haben alle Recht. Wir haben es hier mit einer der wichtigsten Platte im Indie-Rock zu tun, einer Platte, die in eine Zeitkapsel gehören würde. Oder in diese verschlüsselten Space-Nachrichten, mit denen wir Außerirdische unter anderem durch Johann Sebastian Bach-Werke davon überzeugen wollen, dass wir eine zivilisierte Spezies sind. 

Ein simples Riff auf der akustischen Gitarre, diese herrlich nasal-nölige Stimme, Melodika-Klänge: „The King of Carrot Flowers Part 1“ kommt noch leichtfüßig daher – man sollte allerdings auf den Text hören, dann weiß man schon, dass das hier kein Durchschnitt ist. Dann wird es kurz verschwurbelt: Zuerst die Stimme, die langgezogen klagend über Jesus singt, dann die völlig übersteuerten Gitarren, Bläser, und dann lärmt der Song sich selber in Grund und Boden. Der Titelsong „In the Aeroplane Over The Sea“ widmet sich dem Sujet des „Memento Mori“. Es ist Erinnerung an die Sterblichkeit, verbunden mit dem Wunsch, das Leben umso intensiver wahrzunehmen. Zu den Gitarren gesellen sich außerirdisch anmutende Klänge einer singenden Säge, die melancholische Atmosphäre bekommt dadurch einen gespenstischen Touch.

Überhaupt, was an Instrumenten auf diesem Album versammelt ist: Neben den Blechbläsern, die mal Totenmarsch-artig („The Fool“), mal feierlich-fröhlich tönen, trifft man auf Banjo, Akkordeon, Uillean Pipes und ein Kurzwellenradio. Ein kleines Orchester war es im Grunde, was hier musizierte, auch wenn der Name Mangum immer in den Vordergrund drängt. Und über dem Fuzz-Teppich der zerschossenen Gitarren thront immer die Stimme von Jeff Mangum, der sich in „Two Headed Boy“ die buchstäbliche Seele aus dem Leib singt. So leidend, so euphorisch, so verzweifelt und so wunderschön. Weil Jeff Mangum vor den Aufnahmen das Tagebuch der Anne Frank gelesen hatte, greifen Songs wie „Holland, 1945“ oder „Communist Daughter“ dieses Thema auf und verleihen dem Album lyrischen Tiefgang. Eindrucksvoll auch „The Penny Arcade in California“ mit seinem wirren Zusammenspiel von Uillean Pipes und seltsamen Sounds.

Glattpoliert ist hier nichts, die Songs sind nicht makellos, und dennoch perfekt. Das kommt alles aus tiefster Seele.

Dann kam der Rückzug, ebenso rätselhaft wie das Album: Es gab kein Auflösungsstatement, Jeff Mangum tritt solo auf, die anderen Musiker sind ebenfalls nicht untätig. Aber vermutlich haben sie sich einfach gefragt, wie sie das noch toppen sollen. Immerhin: Wir dürfen uns bald über unveröffentlichte Songs und ein Boxset freuen.

„In The Aeroplane over the Sea“ Neutral Milk Hotel ist am 10. Februar 1998 bei Merge Records erschienen. 2005 wurde es auf Domino Records wiederveröffentlicht. Erhältlich ist es z.B. bei Flight 13 Records
Und hier noch ein paar Hörbeispiele mit Standbild-Video (Solo-Auftritt von Jeff Mangum im Jahr 2001).

Samstag, 22. Oktober 2011

The Unwinding Hours mit neuem Song "The Dogs"



Aereogramme sind tot - es lebe the Unwinding Hours? Doch auch von Letzteren hat man lange nichts mehr gehört seit ihrem berückenden Debüt aus dem vergangenen Jahr. Bis jetzt. Im schottischen Glasgow haben sie einen Demo-Song aufgenommen, der sich "The Dogs" nennt. Der Song soll auf einem neuen Album nächstes Jahr erscheinen. Ruhiger und unaufgeregter geht es kaum. Allerdings: Wenn man sich so einen Song zu Ende anhört, ist er gut. Ist er.

Freitag, 21. Oktober 2011

Hörtest: Tom Waits – Bad as me

Zwielichtige Songs zwischen Wahn und Wirklichkeit: Tom Waits macht mit "Bad as me" mal wieder alles richtig. War ja auch nicht anders zu erwarten.

Immer wenn man denkt, gleicht schnappt er komplett über, setzt sich Tom Waits ans Piano und intoniert eine von diesen abgrundtief schönen Balladen, bei denen man trotzdem immer auf den doppelten Boden wartet. Diesmal macht er sogar vor dem im Grunde totgecoverten „Auld Lang Syne“ nicht halt – und verarbeitet es in „New Years Eve“ so unsentimental, dass eine neue Facette rausfällt. Und auch „Pay Me“, dieses tränendrüsenstimulierende Stück Musik, fällt einem in Zeitlupe um den Hals, wenn man nicht weiß wohin mit sich. Wenn man eines über die neue Platte dieses in der Musikwelt so deplatzierten Denkers sagen kann, dann vielleicht: Sie ist hörbarer, fröhlicher? Der breit grinsende Tom Waits auf dem Cover deutet es an. Wobei gut gelaunt in den Dimensionen dieses notorischen Hutträgers einfach nur heißt, dass man ihn nicht schlecht gelaunt erleben will. Wenn man es mit „Real Gone“ vergleicht, dem letzten regulären Studio-Output von 2004, ist „Bad as me“ schon fast easy listening, wie gesagt, immer unter Waits'schen Rahmenbedinungen.

Denn hier klingen selbst die schönen Momente, als erlebe man sie durch einen Äther-Schleier, Spuk und Komik gehen Hand in Hand. Musikalisch bedient sich das an allem, was Rock'n'Roll, Blues und Jazz zu bieten haben, die Ingredienzen sind aber so grandios aufgespalten und vermischt, dass es schwer fällt, Einflüsse zu orten. Waits ist eben Waits, auch wenn er so beschwingt an Little Richard gemahnt wie in „Let's get lost“. Über der Proto-Ursuppe von Klangkörper thront die Stimme, die klingt, als habe eine Dampflok einen Straßenköter verschluckt und dann mit Bourbon nachgespült. Keifen, jaulen, croonen – so klingt wirklich nur einer, auch wenn viele gerne Tom Waits wären. Man wähnt sich im flackernden Licht einer Straßenlaterne bei "Kiss Me Like A Stranger", man sieht einen zähnefletschenden Hund vor sich in "Satisfied". Und dann diese beängstigende Schlachtplatte "Hell Broke Luce" (Teufel auch!), in der einem die MG-Salven um die Ohren fliegen.

Aber im Gegensatz zu manch anderer Platte aus dem Schaffen des Kalifonriers macht „Bad as me“ fast schon Spaß. Und was für eine Geheimniskrämerei um die Platte: Vorab gibt’s für die Medien nur den Stream, fast zeitgleich können Fans die Platte auch auf der offiziellen Internetseite streamen – nachdem man sich den Code dafür hat zumailen lassen. Das ist demokratisch, Fans quasi zeitgleich den Zugang zur Musik zu verschaffen. Auf Medien hat Tom Waits noch nie viel gegeben. Sie feiern ihn trotzdem. Vollkommen zu Recht.

„Bad as me“ von Tom Waits erscheint heute bei Anti Records. Mehr unter www.tomwaits.com
Den Stream des Albums gibt's unter www.badasme.com

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Revival Tour: Konzert in voller Länge bei WDR Rockpalast



Wer die Revival Tour verpasst hat, kann sich zumindest etwas trösten: Auf zdf neo haben Chuck Ragan und Brian Fallon den Gaslight-Song "Great Expectations" gespielt, der WDR zeigt im Rockpalast das gesamte Konzert aus Köln - und das geht immerhin fast drei Stunden. Wobei: Der Trost ist dann schon fast wieder weg, weil das Konzert so gigantisch gut ist und ich es nur via Bildschirm miterleben kann. Verdammter Terminplan.

Immer noch erhältlich ist die Revival Tour Collections 2011. Eine Rezi dazu gibt's hier.

Hörtest: Polar Bear Club – Clash Battle Guilt Pride

Versetzen wir uns kurz in Gedanken in eine Konzerthalle. Wenn Polar Bear Club ein Konzertgänger wären, dann einer von der Sorte, die von ganz hinten nach ganz vorne stürmen, wenn die Band schon spielt. Und weil sie einen dabei unsanft anrempeln, aber eigentlich gut erzogen sind, drehen sie sich noch schnell um und rufen einem ein ernstgemeintes „Sorry!“ zu, bevor sie in der zuckenden, schwitzenden Pogomasse verschwinden.

Allerdings: Ihr Opener „Pawner“ würde es einem auf dem Konzert nicht leicht machen, loszupogen. Cleane Gitarrenakkorde, die ersten Gesangslinien, bei einer Minute der erste verzerrte Riff. Darf ich jetzt ausrasten? Nein, nochmal rausgezögert, und dann wieder angesetzt – ha, nochmal nur angetäuscht. Da lassen sie uns ganz schön zappeln, erst bei Minute zwei kommt dann der lavaartige Groove in die Gänge. Ungewöhnlich für Punkrock, bei zwei Minuten kommt ja meist schon der Schlussakkord in diesem Genre.

Aber Polar Bear Club sind auch nicht so beliebig wie viele andere Punkrocker. Im Gegensatz zu Heerscharen von Drei-Akkorde-Schrubbern schmeißen sich ihre Melodien einem nicht direkt an den Hals, verlangen schon nach ein paar mehr Hördurchgängen. Wer die aber investiert, bekommt mehr zurück als bei den Bands, die auf abgedroschene „Ohohoho“-Gesänge und plakative „Fuck The System“-Parolen setzen. Wenn man Emo so versteht wie das Jimmy Eat World getan haben – ohne Kajal und Heulerei, dafür mit jeder Menge Gefühlen und positiver Power – dann sind PBC irgendwie Emo-fiziert. Aber eben eher auf die Hot Water Music-Art. Apropos: In manchen Momenten klingen die fünf Amis aus Syracuse, New York, als hätten Chuck Ragan & Co. The Gaslight Anthem im Probenraum an die Wand geschrotet: Etwa in der Melo-Abfahrt „Religion on the Radio“. Diese Obertöne, dieser Refrain, diese schiere Wucht. An letzterer dürfte Produzent Brian McTernan nicht ganz unschuldig sein, der – oh Wunder – auch schon für Hot Water Music, aber auch für The Circa Survive die Knöpfchen gedreht hat. Die Gitarren klingen so muskulös wie die Waden des Hulk und sein ganzer Rest, aber auch das Schlagzeug hat schon mal die bezaubernde Anna Bolika kennengelernt.

Hymnisch, aber auch melancholisch klingen die Songs, die sich um weit mehr drehen als die typischen Punkrockthemen und die persönliche Einblicke zulassen. „Diese vier Worte – Clash Battle Guilt Pride – darum dreht sich doch alles. Das ist das Leben. Es ist ein Kampf. Die Leute missbilligen es, wenn Du Dinge tust, die Dich glücklich machen, und Du wirst Dich auch viel hinterfragen. Aber diese Fragen sind die interessanten. Auf die Art wächst man“, sagt Sänger Jimmy Stadt über das dritte Album.

Keine Frage: Dass man sich nicht in sein Leben reinreden lassen sollte, ist eine der Kernbotschaften. Für diese Unbequemheit steht vielleicht auch der Bandname: Normalerweise sind Eisbären Einzelgänger. Die Vorstellung, dass es einen Eisbären-Club geben könnte, ist fast schon märchenhaft, aber zumindest fantastisch. Und diese Band – ein Glücksfall für uns.

„Clash Battle Guilt Pride“ von Polar Bear Club ist am 16. September bei Bridge Nine Records erschienen. Mehr unter http://clashbattleguiltpride.com/ und unter http://www.myspace.com/polarbearclub

Mittwoch, 19. Oktober 2011

The Kills mit Live-Video zu "Baby Says"



Und Teil zwei der Video-Show die Woche: The Kills mit einer coolen Live-Version von "Baby Says". Der Song stammt vom aktuellen Album "Blood Pressures". Alison Mosshart ist einfach die Frontfrau.

Dienstag, 18. Oktober 2011

The Horrible Crowes mit Live-Video zu "Behold The Hurricane"


The Horrible Crowes - Behold the Hurricane (Live) from Jason Tate on Vimeo.

Video-Tag mal wieder: Heute gibt's einen Live-Clip von The Horrible Crowes, die im Troubadour in LA ihren Song "Behold The Hurricane" spielen. Der Song ist eines der Highlights des Debüts "Elsie". Wobei man sagen muss: Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Brian Fallon und Tom Waits ist der Hut. Fallon hatte in diversen Interviews immer wieder gesagt, dass die Horrible Crowes sich soundtechnisch auch an Tom Waits anlehnen und er sich bei seinem Seitenprojekt wie eben jener Oberkauz fühle. Hm. Das Video ist trotzdem sehenswert.

Montag, 17. Oktober 2011

Neutral Milk Hotel präsentieren unveröffentlichte Songs

Neutral Milk Hotel sind ohne Zweifel eine der wichtigsten Indie-Bands überhaupt. Nicht nur Arcade Fire oder The Rural Alberta Advantage beziehen sich auf die Band, deren Album "In the Aeroplane Over The Sea" völlig zurecht als Meilenstein gehandelt wird. Leider gibt es die Band offiziell nicht mehr - allerdings hat Songwriter und Frontmann Jeff Mangum in den vergangenen Monaten einige Live-Aktivitäten hinter sich. Nun steht uns ein Box-Set ins Haus, das 15 unveröffentlichte Songs enthalten wird. Diese Songs werden ab dem 22. November auch als Download verfügbar sein - nach dem "Zahl was es Dir wert ist"-Prinzip. Einige dieser Songs kann man derzeit nach und nach auch auf der Internetseite der Band hören. Zur Zeit ist es: Eine alternative Version von "You've passed" von 1994. Ein zerschundener Fuzz-Teppich lässt dabei akustische Klänge durchscheinen, während Jeff Mangums wunderbar nölige Stimme sich durch die Soundmelasse bohrt.

Braucht man zum Glücklichsein: das Box-Set.
                                            Screenshot: Tinnitus Attacks
Das Box-Set enthält: Zwei Gatefold 12" Vinyl-Platten (In the Aeroplane Over the Sea and On Avery Island), zwei 10" Scheiben (Everything Is EP mit Bonus Tracks and Ferris Wheel on Fire EP mit acht bisher unveröffentlichten Akustik-Nummern), zwei 7" Scheiben (Little Birds und You've Passed/Where You'll Find Me Now), einer 7" Picture Disc mit Poster (Holland 1945/Engine), und weitere zwei Poster. Das wertige Paket kann man jetzt schon für 88 Dollar (zuzüglich Shipping) auf der Internetseite der Band vorbestellen. Ein Dollar davon kommt einem guten Zweck zugute. Pflichtkauf für Indie-Komplettisten.

Verlosung: Gewinnt ein Flix Records-Paket

Das gibt's zu gewinnen.              Foto: Icke
In Zusammenarbeit mit Flix Records verlost Tinnitus Attacks ein fettes Paket mit guter Musik, die auf Flix Records erschienen ist: Da wären erstmal die aktuelle Seven Inch von Justin Sane und ein Poster – beides handsigniert. Dazu sind noch enthalten: Ein Exemplar der fast ausverkauften Blood Robots 7" (neue Band von Muff Potter-Nagel) und ein mal die längst ausverkaufte White Flag / Citramons 7".

Wer mitmachen will, schickt einfach eine Mail mit der Betreffzeile "Flix Records" an Tinnitus Attacks. Einsendeschluss ist der 23. Oktober. Der Gewinner wird ausgelost und benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Update: Die Verlosung ist beendet. 

Von Leidenschaft und Lieblingsbands: Label-Porträt Flix Records

Als es ganz schlimm war, hat er sich auch mal zwei Wochen lang von Toastbrot und Thunfisch ernährt. Nein, ein Vermögen hat Felix Willikonsky bisher nicht verdient mit seiner eigenen Plattenfirma Flix Records. Aber das ist auch nicht unbedingt das Ziel. „Ich brauche das nicht nur für mein Ego. Ich brauche das nicht um cool zu sein. Es geht eher um Leidenschaft“, sagt der 27-jährige Wahl-Wiener, der kürzlich aus Stuttgart in die österreichische Hauptstadt gezogen ist, wo er Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert.

So eine Tour macht ganz schön müde.              Foto: pr
In einer Zeit, in der die Labels wegsterben, ein eigenes gründen: gar keine Existenzängste? „Klar, ich wusste, dass die Musikindustrie in der Krise steckt.“ Für Felix war aber der berühmte Ausspruch „In jeder Krise liegt auch eine Chance“ keine Floskel, sondern Realität: „Viele Bands hatten auf einmal kein Label mehr. Ich habe das als Chance begriffen, Bands ein Zuhause zu geben, die ohne Plattenfirma dastehen.“


Seit 2007 existiert das Label. Im April 2007 erschien die erste Seven Inch. Die Band hieß „My Early Mustang“, ehemalige Mitglieder der Band Liquido, die mit „Narcotic“ einen Riesenhit hatten. Die Musiker hatte eben jenes Schicksal getroffen: „Nuclear Blast hatten My Early Mustang gedroppt. Viele Bands hatten das gleiche Schicksal“, erinnert sich Felix. Er nahm mit der Band Kontakt auf, ganz ehrlich und geraderaus: „Ich hab Ihnen gesagt, ich heiße Felix, ich hab ein Label, finde Euch klasse, ich zahl Euch die Platte, wenn ihr die Idee gut findet, könnt Ihr dabei sein“, sagt der junge Musik-Unternehmer. „Ich hatte keine Ahnung am Anfang und hab mich auch nicht als Teil der Musikindustrie gesehen, sondern als Person. Deshalb auch der Label-Name. Das bin nur ich.“ Die Motivation ist nicht nur die Musik an sich, Felix freut sich auch, wenn er Platten verpacken und verkaufen kann. Platten produzieren, die im Regal verstauben, dist ist nicht seine Sache.


Das Label ist auch ein Ausgleich und mehr als ein Job für Felix: „Ich hab mich vorher durch die Schule gequält, mehr schlecht als recht.“ Zweimal fiel Felix durch die 11te, nach der Schule er arbeitete mit behinderten Kindern, stand bei Daimler am Fließband: „Das war ganz gruselig“. Nach dem Abi fing er an Anglistik und Geschichte zu studieren, lernte dann seine Freundin kennen und ging nach Wien. Die Vergangenheit ist abgehakt, aber nicht vergessen: An "furchtbare Nebenjobs bei Rewe an der Kasse oder Heckenschneiden auf der Autobahn" erinnert sich Felix. Bevor das Label existierte, bewarb er sich auf Praktika bei anderen Labels. Er sprach Leute auf dem Merchstand an, fragte sie nach Tipps und um Hilfe. Dabei fand er Verbündete: „Jan von Yoyo Records hat damals gesagt: Bring Deine erste Seven Inch raus. Wir haben einen ganzen Abend telefoniert. Er hat mir eine To Do Liste an die Hand gegeben: Hol Dir das Formular. Dann das. Presswerke. Ich bin trotzdem auf die Schnauze gefallen.“ Es ging aber stetig bergauf: Als Felix das Label hatte, suchte er sich Nebenjobs im Musikbereich. "Das Ganze habe ich immer als Ausbildung gesehen.“

Felix auf Tour mit The Static Age am Merchstand. Foto: pr
Zu seinen absoluten Favoriten zählt Felix die amerikanische Post-Punk-Band „The Static Age“. Auch diese Band veröffentlicht inzwischen auf seinem Label. Der Traum jedes Musik-Nerds. „Das ist seit rund zehn Jahren meine absolute Lieblingsband. Für mich ist das schon komisch. Einerseits bin ich Fan und war schon mehrfach mit The Static Age auf Tour gegangen. Es ist kurios: Man betrinkt sich miteinander, man muss sich auf Augenhöhe begegnen. Aber ich muss auch mal mit ihnen schimpfen, den Boss heraushängen lassen.“ Auch The Static Age hatten ihren Major-Vertrag verloren und mussten nochmal von vorne anfangen. „Wir bauen alles nochmal von vorne auf. Die Jungs wussten: Wir wollen diese Schritte nochmal gehen.“


Auch die neue Seven Inch von Justin Sane, Sänger von Anti-Flag, ist auf Flix Records erschienen. Die Arbeit mit Justin Sane hat Flix Records viel genutzt. Finanziell wie in Sachen Reputation. Dabei ist der amerikanische Punksänger denkbar bescheiden: „Justin war mit seinem Gesang nicht so zufrieden und findet sich selber nicht so toll.“ Für Felix ist es eine Chance: „Das ist die erste Veröffentlichung von Justin seit neun Jahren. Unsere Namen stehen auf der Hülle. Das hat schon was. Die Songs hat er live bei sich im Schlafzimmer eingespielt, ich rief ihn an, dass ich am Montag die Songs brauche, er hat sie Sonntagabend aufgenommen. Es ist eine Momentaufnahme.“


Und wo soll die Reise hingehen? „Mein Traum waren immer The Static Age, wegen denen hab ich das gemacht. So einen Traum hab ich gar nicht mehr. Für die will ich einfach einen guten Job machen.“ Im Portfolio könnte er sich auch einen coolen Hiphop Act vorstellen oder Funk, Santigold, Pharell Williams oder Public Enemy. Und: „Mit Ice-T würde ich gerne mal was machen.“ Keine Scheuklappen, wenn es um Musik geht: Wenn es ehrlich ist, sollte man der Musik eine Chance geben, findet Felix "Im Endeffekt ist es nur Musik. Ob es Abba ist oder Ramones. Ich kann ja nicht wissen, ob Joey Ramone cooler war als die Tante von Abba.“ 

Die nächste Band, die auf Flix Records ihre nächste Platte veröffentlichen wird, sind MxPx. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in die richtige Richtung. „Ich hab mir immer Ziele gesetzt. Das erste ganz große Ziel war: Die erste Tour organisieren, dann die erste gute Tour organisieren. Und so weiter: die erste Platte rausbringen, die erste Platte rausbringen, die sich verkauft. Es ist wichtig, den nächsten Schritt zu gehen, dass es größer wird. Mein Label soll auf jeden Fall immer größer werden.“ Auch wenn Geld nicht immer die erste Geige spielt: „Ich hab schon auch das Ziel, einen Chartrelease zu veröffentlichen und später auch mal Geld damit verdienen.“ Von Toastbrot und Thunfisch muss sich Felix mittlerweile denn auch nicht mehr ernähren - also, nicht ausschließlich. 
Und gleich gibt's hier noch ne Verlosung. 

Sonntag, 16. Oktober 2011

Sonntags-Matinée: Pain of Salvation – Road Salt Two

So viel mehr als Prog: Pain of Salvation zeigen sich auf Road Salt Two virtuos und variabel. Alles wie immer also?

Pain of Salvation sitzen zwischen den Stühlen – haben es da aber nicht unbequem. Dafür ist der Teppich, den sie vorher ausgelegt haben, zu flauschig. Ihr Sound wird oft in die Progressive Metal-Schublade gesteckt, ignoriert aber konsequent musikalische Grenzen und dürfte auch Anhängern von so unterschiedlichen Bands wie The Tea Party, Blackmail oder Led Zeppelin gut reinlaufen. Auf Tour geht’s im November mit Opeth, und auch dieses Paket passt. Dankenswerterweise verzichten die Schweden um Daniel Gildenlöw aber auf selbstverliebtes Gefrickel und Kitsch-Bombast, was man im Metal ja durchaus auch mal antreffen kann.

Die instrumentale Vielfalt deutet sich bereits im klassisch-soundtrackartigen Intro (und später den End Credits) an, wird aber vom zermahlenden „Softly She Cries“ dann kurz geerdet. Als ob einem Gildenlöw direkt in die Hörmuschel singt, klingt das, dann setzt der Refrain mit dem mehrstimmigen Gesang ein und macht wieder den groovigen Gitarrenriffs Platz. „Conditioned“ kontrastiert einen Groove – wie ihn Rage Against The Machine auch hätten fabrizieren können – mit einem Chorsatz wie ein Sonnenaufgang. Aber wie gesagt, das Quartett beherrscht viele Facetten und noch mehr Instrumente – und so fühlt man sich in „Healing Now“ an Led Zeppelin erinnert – kurios, dass der Titel die Nummer Vier auf dem Album ist und die Vibes an eben das vierte Zep-Album erinnern. Dieses 70er-Feeling zieht sich durch das Album. Richtig progressiv wird es dann mit dem knapp siebenminütigen „Eleven“. Da ist auch Mal Platz für einen Funk-Ausflug. Auch im mehr als acht Minuten dauernden „The Physics of Gridlock“ steckt der Prog-Gedanke, Rhythmuswechsel und atmosphärische Brüche sorgen für spannende Klänge. Diese Band wirft all ihr Können in die Waagschale, hat eine Vision und will nicht nur Musik machen, sondern einfach etwas erschaffen, was relevant ist und bleibt.

„Road Salt Two“ (auch „Ebony“ genannt) ist der zweite Streich eines Doppelalbums, wie der Name schon andeutet. Wie alle Alben der Band handelt es sich um ein Konzeptalbum, thematisch geht’s hier um weitaus mehr als Rock-Klischees, das überlassen die Schweden anderen. Man muss etwas Zeit investieren, wenn man mit „Road Salt Two“ warm werden will – und als Bügelsoundtrack sollte man es auch nicht missbrauchen. Dann aber offenbart sich einem eine prachtvoll schillernde Musiklandschaft, die so eigen- wie einzigartig ist.

Road Salt Two ist am 23. September bei Insideout Music erschienen. Mehr unter www.painofsalvation.com.

Die Tourdaten:
PAIN OF SALVATION mit OPETH:
08.11. – Bristol, Academy - UK
09.11. – Newcastle, Academy - UK
10.11. – Edinburgh, Picture House - UK
11.11. – Manchester, Academy - UK
12.11. – Birmingham, Academy - UK
13.11. – London, Brixton Academy - UK
15.11. – Tilburg, 013 -THE NETHERLANDS
16.11. – Paris, Le Bataclan - FRANCE
17.11. – Bordeaux Merignac, Krakatoa - FRANCE
18.11. – Bilbao, Santana - SPAIN
19.11. – Madrid, Penelope - SPAIN
22.11. – Barcelona, Apolo - SPAIN
23.11. – Montpellier, Le Rockstore - FRANCE
24.11. – Milan, Alcatraz - ITALY
25.11. – Lausanne, Les Docks - SWITZERLAND
26.11. – Zürich, Komplex - SWITZERLAND
27.11. – München, Theaterfabrik - GERMANY
30.11. – Stuttgart, Longhorn LKA - GERMANY
01.12. – Köln, Essigfabrik - GERMANY
02.12. – Berlin, Huxleys Neue Welt - GERMANY
03.12. – Hamburg, Grosse Freiheit 36 - GERMANY
04.12. – Göteborg, Trägarn - SWEDEN
06.12. – Helsinki, Ice Hall - FINLAND
08.12. – Stockholm, Arena - SWEDEN
09.12. – Oslo, Scentrum Scene – NORWAY

Samstag, 15. Oktober 2011

Dropkick Murphys zu Gast bei Conan O'Brien

Conan O'Brien, mal wieder bärtig und wie meist mit guter Musik.
                                                                               Screenshot: Tinnitus Attacks
Wahnsinn. Sind die Dropkick Murphys hier seit Anfang des Blogs nicht mehr aufgetaucht, als ich ihnen die erste Plattenkritik auf Tinnitus Attacks gewidmet habe? Dann wird's ja höchste Zeit für was Neues: den Live-Auftritt bei Conan O'Brien zum Beispiel. Für den Latenight-Talker mit den irischen Vorfahren muss es etwas Besonderes sein, wenn die Murphys oder Flogging Molly bei ihm zu Gast sind. Er fällt jedenfalls nicht jedem so um den Hals nach dem Song. Die Murphys hauen uns den Titelsong ihres aktuellen Albums "Going Out in Style" um die Ohren. Eine raubeinige Angelegenheit, und auch anno 2011 immer noch gut. Hier gibt's das Video.

Freitag, 14. Oktober 2011

Against Me! rocken über den Dächern

Against Me! 2007 auf dem Coachella.    Foto: R1vers
Das schenk ich mir quasi zum Geburtstag: Bei den Spin Rooftop Gigs schon ewig einen von Against Me! entdeckt, den ich gerne mit Euch teilen möchte. Leider kann man das Ganze nicht einbetten, darum hier der Link zur Seite. Die Gainesville-Punks spielen "White Crosses", "Pints of Guinness make you strong", "I Was A Teenage Anarchist" und "Sink Florida Sink". Das aus mehreren Kameraperspektiven festgehaltene Spektakel ist einfach eine Freude für Auge und Ohr. Ganz Großes...und so weiter.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Fernsehtipp: Social D sind Thema auf arte

Social Distortion anno 2005.       Foto: Erikaeve
arte ist ja einer der wenigen Sender, den man einschalten kann, ohne Gefahr zu laufen, dass Verblödungsstrahlung aus der Glotze einem das Hirn vertrocknet. Die TV-Heimstätte der Kultur sozusagen. Auch für Musiknerds ist der Sender gern angesteuerte Quelle für Inspiration: das Zauberwort heißt "Tracks". Am heutigen Donnerstagabend lohnt es sich besonders, diese Sendung schauen (also, es lohnt sich eigentlich immer, aber diesmal eben besonders). Es geht um Social Distortion, Black Metal, Metallica und Lou Reed und mehr. 
Rund eine Stunde dauert die Sendung. Beginn ist um 22.35 Uhr. Wiederholungen laufen am Samstag, 15. Oktober, um 1.15 Uhr und am Dienstag, 18. Oktober, um 5 Uhr in der Früh.


Mehr Infos und einen Trailer gibt es hier: Tracks - Die Sendung vom 13. Oktober 2011 - ARTE


Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ryan Adams spielt "Lucky Now" bei Conan O'Brien




Vor ein paar Jahren handelten ihn die Feuilletons als neuen Bob Dylan (wie auch Adam Green), und mit dem neuen Album "Ashes & Fire" dürfte Ryan Adams zumindest wieder wohlgesonnene Kritiken bekommen. Jetzt hat er den bereits bekannten Song "Lucky Now" von seiner neuen Scheibe bei Conan O'Brien gespielt. Interessant das Outfit: Napalm-Death-Shirt und Rasta-farbene Gitarre. Sonst ganz unaufgeregt, nur er und seine Akustikgitarre. Sehr schöne Angelegenheit, das.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Deine Band soll die Eastpak Antidote Tour rocken? Bewirb Dich!

We want you for support: A Day To Remember suchen
rockende Unterstützung.                           Foto: CC
Die Eastpak Antidote Tour ist immer ein Garant für qualitativ hochwertige Klänge härteren und melodischen Kalibers. Ende Oktober begeben sich nun A Day To Remember, August Burns Red, The Ghost Inside und Living With Lions auf Tour. Für die Termine in Oberhausen (Samstag, 29. Oktober) und München (Mittwoch, 9. November) sind noch lokale Bands gesucht, die als Support auftreten wollen. Im Gegenzug gegen ein "Like" könnt Ihr auf der deutschen Eastpak Facebook-Seite www.facebook.com/eastpak.deutschland  via Antidote Tour App bewerben. Indem Ihr Euer Bandvideo hochladet, nehmt Ihr Teil. A Day To Remember küren den Gewinner höchstpersönlich. Wer das Rennen gemacht hat, wird dann über die Eastpak Facebook Fanseite bekanntgegeben. Im Video unten könnt Ihr Euch nochmal die persönliche Einladung anschauen.

Teilnahmeschluss ist am Donnerstag, 20. Oktober. Bewerben können sich für die Shows in Oberhausen und München Bands aus ganz Deutschland und Österreich.

Mehr Infos zur Supportband-Suche finden sich auf: www.facebook.com/eastpak.deutschland?sk=app_154581087931912;
die aktuellsten News zur Tour finden sich auf: www.eastpakantidotetour.com

Hier die Tourdaten:

20.10. DE - Hamburg - Docks
28.10. DE - Leipzig - Werk 2
29.10. DE - Oberhausen - Turbinenhalle
08.11. AT - Wien - Gasometer
09.11. DE -München - Tonhalle

Hörtest: The Revival Tour 2011 Collections

Ich wollte ja hin. Aber manchmal kriegt man selbst einen Pflichttermin in Sachen Musik einfach nicht unter. Wem es genau so ging, der kann sich trösten: Die „Revival Tour 2011 Collections“ versammelt acht Songs der vier Musiker. 23 Minuten akustische Pracht, garantiert handgemacht.

Da sind sie, diese vier Recken. Erfolgreich mit ihren Bands Hot Water Music, The Gaslight Anthem (und The Horrible Crowes), Alkaline Trio und The Loved Ones. Solo und dann wieder zu viert der Mission „Akustik-Folk-Country“-Kollektiv verpflichtet. Sie haben uns was mitgebracht und man kann es auf der Revival Tour kaufen – oder natürlich beim Plattendealer des Vertrauens erstehen. Schauen wir uns die Songs mal im Einzelnen an, nach Künstlern gegliedert.

Chuck Ragan: „On the Bow“ ist ein A-Capella-Gospel-Song, der bei einem Instore-Gig kürzlich gestandene Punkrocker zu Tränen gerührt hat, wie Zeugen berichten. Zeigt, wie weit und schrankenlos der musikalische Horizont des Fronters ist. Gospel gilt in der Szene vielleicht nicht gerade als der neue heiße Scheiß. „Bedroll Lullaby“ ist näher am typischen Ragan-Solo-Sound. Mundharmonika und Akustik-Gitarre tragen den Song; irgendwie wirkt das immer, als hätte der Musiker gerade kurz den Hammer aus der Hand gelegt, mit der er gerade seiner Familie das Haus zimmert, und würde zwischendurch jammen.

Brian Fallon: „No Weather“ hätte – in einer rauheren Version – auch auf dem Gaslight-Debüt „Sink or Swim“ stehen können. Jesus und Judas tauchen im Text auf. Müssen wir uns langsam Sorgen machen? Mehrstimmiger Gesang, ein Titel wie gemacht für die Revival Tour. Gleiches gilt für „Goodnight Irene“. Auch wenn sich der Amerikaner mit seinem Outing alsAnti-Evolutionstheoretiker keinen Gefallen getan hat und dieser Standpunkt vielen zurecht als indiskutabel gilt (mir übrigens auch) – Songs schreiben kann der Mann.

Dan Adriano: Wie Alkaline Trio akustisch klingen, wissen wir seit „Damnesia“. So ähnlich tönen auch die Solo-Songs von Adriano. Klar, irgendwie. Aber „Hollow Sounds“ passt gut ins Portfolio, reduziert die Musik auf Gitarre und Stimme und zeigt den Mann mit der samtig-schmeichelnden Stimme von seiner besten Seite. „Me and Denver“ holt noch einen Schellenkranz dazu und kommt einem melodisch irgendwie bekannt vor. Sowas kann einen zum Wahnsinn treiben. Jemand eine Idee?

Dave Hause: Er klingt wie der trotzige Teenager unter den vier Musikern. In „Pray For Tuscon“ stärker, in „Prague (Revive Me)“ weniger, das tönt eher nach Chuck Ragan. Kein Zweifel: Er passt gut zu seinen Muckerkollegen. So zwingend wie deren Songs sind seine beiden Beiträge allerdings nicht.

„The Revival Tour 2001 Collections“ ist am 7. Oktober bei Tenfour Records erschienen. Erhältlich auf Tour oder bei www.amazon.de und www.flight13.com (Keine Werbung, nur als Service gedacht).

Noch drei Live-Termine gibt es:
11.10. DE - Wiesbaden – Ringkirche ***ausverkauft***
12.10. DE - Köln – Live Music Hall ***ausverkauft***
13.10. DE - Münster – Skater`s Palace

Montag, 10. Oktober 2011

Konzertkritik: The Movement in Winterthur

Wild Evel & The Trashbones, The Movement, The Monsters.
Sonic Stomp, Gaswerk Winterthur, 7. Oktober.
Text und Fotos: Daniel Drescher

Die Nachricht war die subjektiv eine der besten des Jahres 2010 in Sachen Musik: The Movement sind zurück. Die dänische Mod-Punkrockband um Sänger und Gitarrist Lukas Sherfey hat mich vor Jahren bereits zwei Mal im Lindauer Club Vaudeville völlig umgehauen, die Alben „Move“ und „Revolutionary Sympathies“ sind Göttergaben, die den Geist von The Jam ebenso atmen wie den von Joe Hill und Karl Marx. Auf jeden Revoluzzer-Aufruf kommt bei The Movement allerdings ein Liebeslied – und als Lukas Sherfey von der Anarchie genug hatte, legte er seine Band 2007 auf Eis und machte solo weiter. Ohne dabei allerdings die Klasse und den Drive zu erreichen, den The Movement hatten. Im Mai 2010 gab es ein Update auf der Homepage, dass die Band sich wieder zusammengefunden habe. In Anbetracht der Wirtschaftskrise sei man es den Fans schuldig, Einigkeit, Hoffnung und gute Musik zurückzubringen. Diverse Line-Up-Wechsel folgten und nun stehen sie auf der Bühne: Lukas Sherfeys, am Bass sein Live-Solo-Partner Chandu Chodavarapu und Sherfeys Cousin Kasper Rasmussen am Schlagzeug. Soviel vorab. Mein Headliner des Abends stand im Grunde damit schon vorher fest.

Wild und evil: Wild Evel & The Trashbones.
Aber der Reiz von Veranstaltungen wie dem Sonic Stomp liegt ja darin, dass man meist wegen einer Band hingeht und dann noch ein paar andere gute Bands kennenlernt. Im Gaswerk definitiv der Fall: Wild Evel & The Trashbones entern als erste die Bühne. Das Nebenprojekt des Staggers-Fronters Wild Evel bedient sich aus dem Setzkasten vergangener Musik-Jahrzehnte: Nicht nur der gemeinsame Nachname und die Frisuren deuten in Richtung Ramones. Das Ungewaschene des Garagenrock, die ungestüme Energie des Punk, das Kauzige des Psychobilly, die Hyperaktivität der 60ies – garniert mit einer Prise Wahnsinn und einem Drive, der einem das berüchtigte Honigkuchenpferdgrinsen aufs Gesicht zimmert. Während Wild Evel die durchdringende Heimorgel – es ist eine Farfisa Compact von 1965 – immer wieder umlegt und besteigt, wirkt Bassistin Diana Trashbone wie der ruhende Pol, wirkt kühl und distanziert in der Musik versunken und trotzdem – oder gerade deswegen – der Blickfang für viele Rockabilly-Jungs im Publikum. Songs wie „It's a monster“ oder vor allem „I wanna be your caveman“ bedienen sich ungeniert bei The Who („My Generation“), kommen aber so cool auf den Punkt, dass das kein Manko ist.

Revoluzzerhymnen im Punkrockgewand: The Movement.
Dann The Movement: Das Intro von „Karl Marx“ mit dem legendären Satz „The Revolution Will Not Be Televised“ von Gil Scott-Heron läutet eine Stunde ein, in der sich die Hits der Band die Klinke in die Hand geben. Gleich „How Come“ hinterher, dann den Titelsong vom letzten Album „Revolutionary Sympathies“. Lukas Sherfey und seine Sidekicks machen genau da weiter, wo The Movement vor vier Jahren aufgehört haben. Das ist irgendwie Punkrock, vor allem was die Weltsicht angeht, das ist aber auch Mod, integriert Soul-Einflüsse und zwingt einem Tanzrhythmen auf, dass alles zu spät ist. Die Anzugträger fahren live einen rockigen, von Schnickschnack befreiten Sound auf. Drummer Kasper Rasmussen wirbelt die Drumsticks durch die Gegend und sorgt für den nötigen Arschtritt, der kleine glatzköpfige Bassist Chandu Chodavarapu lässt die tiefen Töne perlen und Lukas Sherfey entlockt seiner Rickenbacker-Gitarre Riffs, Licks und Soli, die den Rock'n'Roll preisen. Auch die neue 4-Song-EP „Still Living the Dream“ kommt zum Zuge, „I Can Hardly Live Without You“ reiht sich in die Riege der twangigen Gassenhauer ein, die The Movement so unersetzlich machen. Die Kommunikation mit dem Publikum beschränkt sich die meiste Zeit auf das Wort „Prost“, wenn Lukas Sherfey mit der ersten Reihe anstößt. Ein Wunder, dass er bei seinen wilden Gitarrenakrobatik nicht ausrutscht, so oft, wie er quer über die Bühne rotzt. Schöner Kontrast zu den Anzügen, diese Geste. Die ungefähre Stunde Spielzeit geht viel zu schnell rum. Trotzdem: Welcome back, The Movement. Was für ein Glück, dass es sie wieder gibt.
Monströse Stimme: Beatman.

Immer noch da statt wieder da heißt es bei The Monsters aus Bern. Seit 1986 toben die Schweizer durch die Musiklandschaft. Auftritte als Support von Dick Dale oder The Ramones haben die Eidgenossen zur Institution gemacht. Live wird schnell klar, warum: Allein Beatmeans Stimme nötigt einem Respekt ab. Als ob jemand die Stimmbänder durch Sandpapier ersetzt hätte. In ihren roten Banduniformen wirken die vier Musiker wie eine Horde durchgeknallter Hotelpagen, die ihre Gäste mit knallhartem Sound vom Saufen an der Bar ablenken wollen. Zwei Drummer hat auch nicht jede Band auf der Bühne. Ein Spektakel, keine Frage. Bis weit nach Mitternacht rumpeln The Monsters durch ihre bissig-rockabillyesken Songs. Die sorgsam gestylten Frisuren von Rockabilly und Rockabellas zeigen Verschleißspuren. Kein Wunder, nach der vollen Packung guter Musik.

Mehr Fotos vom Konzert gibt es hier.

Fotostrecke: The Movement beim Sonic Stomp in Winterthur

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The Movement live im Konzert, ein Album auf Flickr.
Sie sind endlich wieder unter uns: The Movement. Die dänischen Mod-Soul-Punkrocker haben am Freitag in Winterthur ein furioses Konzert geboten. Auch Wild Evel & The Trashbones aus Österreich und die Schweizer Garage-Punk-Institution The Monsters ließen ihren Fans mit lautstarkem Rock'n'Roll die Pomade aus dem Haar bröckeln.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Sonntags-Matinée: Dum Dum Girls - Only in Dreams

So macht das Spaß. Vier Frauen beschwören die 60er und den Surf-Geist. Dabei entstehen herrlich unbeschwerte Songs, die man immer und immer wieder hören muss - die dabei aber nie langweilig werden.

Was ist denn mit den Dum Dum Girls passiert? Klingt fast so, als hätte der "King of Surf" Dick Dale höchstpersönlich die amerikanische Vierer-Girltruppe mit an den Strand geschleppt, um ihnen ein paar Lektionen in Sachen Twang zu geben. Die Gitarren haben exakt den Biss, auf den sich Rockabilly-Afficionados genauso einigen können wie offene Indie-Nerds.

Fakt ist aber: "Only In Dreams" löst das Versprechen ein, dass die ebenfalls dieses Jahr erschienene "He Gets Me High"-EP gab. Zehn Songs, beseelt von rückwärtsgewandtem 60ies-Appeal, luftig-hallenden Gitarren, lässig-lasziver Attitüde an der Grenze zur kühlen Distanzierung und vor allem stimmiges Songwriting. Das geht mal drängend wie im Opener "Always Looking" oder mit Cramps-Charme wie in "Just A Creep". Und dann fällt da natürlich "Bedroom Eyes" auf, diese Post-Tournee-Nummer, die bei mir die Frage aufwirft, was eigentlich aus de guten alten Schlafzimmerblick eigentlich geworden ist. Ach ja richtig, der wurde ja digital von Youporn & Co. in die Mottenkiste der Nettigkeiten gepustet. Der Song ist fast schon Schlager, gehört aber mit zu den Songs, die am meisten bei mir liefen dieses Jahr.

Das gilt auch für das ganze Album - auch wenn man bei den Rhythmen mal mehr Abwechslung bringen könnte - ständig dieses "Dam-daddam-dam" ist auf die Dauer etwas einfallslos. Gut drauf haben Kristen Gundred alias Dee Dee und ihre Mädels das unbeschwerte Feeling, das sich durch das Album zieht. Da fällt auch nicht groß ins Gewicht, dass diese Musik logischerweise keinen Innovationsaward gewinnen wird. Vollkomen egal.

Wer eine Platte sucht, die ebenso momenteweise melancholisch wie fröhlich-verspielt daherkommt, sollte sich "Only in Dreams" ins Regal stellen. Den im Plattencover angedeuteten Horror - den man freilich auch als Traumreise deuten kan - sucht man zum Glück vergeblich.

"Only in Dreams" von den Dum Dum Girls ist am 30. September bei Sub Pop erschienen. Mehr unter http://wearedumdumgirls.com/

Samstag, 8. Oktober 2011

Flogging Molly versteigern VIP-Tickets zugunsten von Oxfam

Ich mag Oxfam. Die Organisation hat gute Ziele und die Portion Idealismus, die es braucht. Ach ja, und Chuck Klosterman hatten sie auch im Regal stehen. Jetzt machen die Irish-Folk-Punkrocker Flogging Molly erneut gemeinsame Sache mit der Wohltätigkeitsorganisation, die seit seit Jahren unterstützen. Für die anstehende Tour im November gibt es VIP-Ticket-Auktionen für den guten Zweck.
Dave King und Bridget Regan.          Foto: Mirko Gläser
Die erste von drei Aktionen ist gestern gestartet und dauert noch bis 16. Oktober. Bei der ersten Runde können Teilnehmer für jedes Deutschland-Konzert jeweils zwei "Golden VIP-Ticktes" ersteigern. Damit kann man folgendes anstellen: Beim Soundcheck der Band live dabei sein, das Konzert von der Bühne aus miterleben und nach dem Konzert Backstage mit der Band zu feiern - Freigetränke inclusive.
Der gesamte Erlös der Versteigerungen kommt zu 100 Prozent Oxfam zugute. Mehr Infos zu den Aktionen gibt es unter  www.oxfam.de/oxfam-meets-flogging-molly

Meine Rezi zu "Speed of Darkness", dem aktuellen Album der Band, findet Ihr hier.

Tourdaten:
Support: The Minutes, The Mighty Stef
15.11. AT – Wien – Gasometer
16.11. DE – München – Tonhalle
17.11. CH – Zürich – Komplex
18.11. DE – Saarbrücken – Garage
19.11. DE – Oberhausen – Turbinenhalle
22.11. DE – Berlin – Astra
23.11. DE – Hamburg – Docks
24.11. DE – Köln – E-Werk
25.11. DE – Stuttgart – LKA Longhorn

Freitag, 7. Oktober 2011

SZene-Hörtest: Kamikaze Queens - Automatic Life

"Berlin Punk Cabaret": Was soll man sich darunter vorstellen? Man muss es wohl live erleben, um die Kamikaze Queens richtig zu verstehen. Bis dahin nochmal "Automatic Life" hören vielleicht. Obwohl ich sagen muss: Ich hatte mir mehr erhofft von dieser Platte. Meine Rezi aus der Schwäbischen Zeitung vom 5. Oktober gibt es hier nebenan zu lesen.

Live-Termine:

22. Oktober: Sedel Luzern, Luzern (CH)
28. Oktober: Rock'n'Roll Attack Halloween Party, Kassel
25. November: Goldmarks (Universum), Stuttgart
26. November: Tango El Diablo Festival, Gonzales, Ravensburg
2. Dezember: Chemiefabrik, Dresden
3. Dezember, Sounds'n'Arts, Bamberg

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Portugal.The Man mit neuem Video "So American"



Eben haben sie ihn noch live bei Conan O'Brien präsentiert, nun legen Portugal.The Man das offizielle Video zu ihrem Song "So American" vor. Keine wirkliche Geschichte, eher eine Aneinanderreihung von Szenen, die die Band am Strand und live zeigen. Aber irgendwie cool. Auch das aktuelle Album "In the Mountain, In the Cloud" war ja überraschend gut.

Sonic Stomp: Winterthur stampft, rockt und rollt morgen

Es ist quasi fast vor unserer Haustür - gehen wir hin: Am Freitag, 7. Oktober, heißt es im Gaswerk in Winterthur "Sonic Stomp". Drei Bands machen den Abend zum Pflichttermin für Freunde gepflegter Rock'n'Roll-Klänge und gut sitzender Pomadenfrisuren: The Monsters (CH), The Movement (DK) und Wild Evel & The Thrashbones (AT).

The Monsters spielen primitiven Rock’n’Roll, 60ies Garage Noise Trash  heißt es auf der Internetseite des Gaswerks. Man darf gespannt auf die Band aus Bern sein.

The Movement sind für mich das erfreuliche Highlight. Seit Jahren bin ich dem Mod-Soul-Rocksound der Dänen verfallen, umso schöner, dass es sie nach kurzzeitiger Auflösung wieder gibt. Freuen wir uns auf Revoluzzer-Hymnen.

Wild Evel & The Trashbones aus Österreich sollen für Zuckungen im Popo-Bereich sorgen, so die Veranstalter. Na dann...ich lass mich überraschen.

Einlass ist ist um 20.30 Uhr. Der Eintritt kostet 20 bzw. 25 Euro. Mehr Infos auf der Internetseite des Gaswerks.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Hörtest: Me First and The Gimme Gimmes - Sing in Japanese

Der etwas andere Sprachkurs: Me First and The Gimme Gimmes nehmen sich japanische Pop-Perlen vor. Vermutlich schmeißen sie sich in Tokio weg, wenn sie hören, wie "Sing in Japanese" klingt. Wer weiß: Vielleicht entstehen durch falsche Betonungen komplett neue Texte. In jedem Fall eine der am meisten Spaß machenden Veröffentlichungen der Spaßpunk-Coverband

Wir haben's schon immer gewusst. Social Distortion müssen Japaner sein. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass „Kekkon Shiyoyo“ – im Original von Takuro Yoshida – jetzt in den ersten Sekunden klingt wie „Story of My Life“? Ok, wahrscheinlicher ist, dass Me First and The Gimme Gimmes mit dem Intro sich noch in eine andere (Himmels-)Richtung verbeugen. Das gehört zum Konzept. Warum auch nur einen Song covern, wenn man auch noch eine andere Band mit verwursten kann? Die sechs Song starke Hommage an japanische Musik aus Pop, Rock und Punkrock gelingt jedenfalls und impft dem letzthin etwas arg vorhersehbar gewordenen Prinzip der Band – Songs aller möglicher Stilrichtungen mit betont schlichtem Punkrock plattwalzen – neue Frische ein. So kommt „Linda Linda“ von The Blue Hearts zuerst wie ein entspannter Reggae-Song daher, um in Punkrock zu kippen. „Kokoro To Nabi“ shreddert den im Orginal von Tulip stark nach den Beatles klingenden Song kurz und klein, funktioniert aber. Dafür hat Sänger Spike Slawson (Swinging Utters) sich die Texte von einem japanischen Freund der Band in Lautschrift aufschreiben und dann von Muttersprachlern auf korrekte Aussprache checken lassen. Manchmal muss er gar nicht Japanisch singen, weil die Nippon-Rocker auch mal zu englischen Texten greifen, „C-C-C“ von The Tigers ist so ein Kandidat. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass sich Japaner schlapp lachen, wenn sie das Resultat hören. Umgekehrt wären wir sicher auch überrascht, wenn man hört, wie deutsche Songs klingen, wenn sie jemand singt, der eine andere Muttersprache hat. Ach so, in den Genuss werden wir ja kommen. Fat Mike und Co. haben angekündigt, weitere dieser EPs auf Spanisch, Italienisch, Deutsch und Französisch aufzunehmen. Sollten wir mit Schlager-Songs und NDW-Kacke vertreten sein, muss ich protestieren. Schließlich geht es darum, wie Punkrock-Fans auf der ganzen Welt die gecoverten Länder wahrnehmen. Wobei: Die Ärzte sind bereits Punkrock, also was bleibt noch zum Nachspielen? Wir sind gespannt.

"Sing in Japanese" von Me First and The Gimme Gimmes ist am 16. September bei Fat Wreck Chords erschienen. Mehr unter www.myspace.com/gimmegimmes
Die Hörprobe "Hero" gibt's hier:

Me First and the Gimme Gimmes "Hero" by Fat Wreck Chords

Die Videos zu den Original-Songs gibt's hier (außer "22 Sai No Wakare", das war unauffindbar; und von "Kokoro No Tabi" gibt's eine japanische Coverversion der arschcoolen GO!GO!7188)