Donnerstag, 30. Juni 2011

Hörtest: Turbo A.C.'s - Kill Everyone

Vor dem Tiefschlag kommt der Tusch: Die Fanfare im "Ancient Chinese Secret" ist die aus den Martial-Arts-Filmen der Shaw Brothers, mit der auch Quentin Tarantinos "Kill Bill" beginnt. Aber im Gegensatz zu Uma Thurmans Rächerbraut geben sich die Turbo A.C.'s nicht nur mit einem Toten zufrieden: Die Ansage heißt "Kill Everyone". Punk'n'Roll zwischen Splatter und Frischzellenkur. Lässigkeitsgrad: extrem hoch.

Der weiße Hai? Piranha? Unerheblich, die schreiende Frau im Intro "Midnight Swim" wird im Opener "Feed You To The Sharks" ohnehin zu Fischfutter. Auf dem Cover läufts andersrum: Da hat eine knapp beschürzte Schönheit den Schraubenschlüssel zum Mordwerkzeug umfunktioniert und ihr Opfer notdürftig im Kofferraum verstaut. Frei nach Death Proof, irgendjemand? Es gibt Berührungspunkte zwischen Tarantino und dem Turbo-Quartett, klarer Fall. Nicht nur, dass man sich thematisch annähert und sich der Tod durch das Album zieht wie ein roter Faden - oder besser Trauerflor. Die New Yorker und der Movie-Geek sind auch gleichermaßen cool. Eine Faszination für Italo Western haben auch beide Parteien: Man höre nur "Sonora", dieses aufrichtig imitierende Morricone-Tribute. Mit Spaghetti-Western-Sound endet auch die Platte: "Live Fast Die Slow" in einer akustischen Version mit Blechgebläse - hat jemand Django gesehen? So weit kann er nicht sein, bei dem Sound. Tarantino wird ihn schon wieder ausgraben, womöglich.

Auf Album Nummer sieben erfinden sich Kevin Cole und seine Sidekicks neu. Es ist nicht selbstverständlich, dass Musiker nach 15 Jahren Bandgeschichte noch in der Lage sind, ihren Sound zu perfektionieren. Wo andere stagnieren oder am AC/DC-Syndrom kranken, setzen die Surf-Punks anno 2011 auf Erneuerung. Die Gleichung für den Turbo-Sound sei "Lemmy + Dick Dale = Turbo A.C.'s", sagt Kevin Cole. Diesmal gibt es aber mindestens eine neue Variable. Geradezu relaxt der Titeltrack, "Take Me Home" klingt fast schon wie eine Garagenversion von Alice Cooper. Dabei ist der Einstieg mit bereits erwähntem "Feed You..." ungewohnt, klingt klinisch und mit verzerrter Stimme sonderbar modern. "Into The Vortex" mit seinem knarzenden Bass spaltet dann Schädel, "Forget Everything" pendelt zwischen Arschtret-Rhythmik und mitsingkompatibler Melodie.

Um nochmal das Tarantino-Moment zu bemühen: Die Turbo A.C.'s stückeln ihren Sound ähnlich aus Einflüssen zusammen wie der filmbesessene Regisseur seine Werke: Hier Ramones-Feeling, da Psychobilly-Flair. Surf-Gitarren (diesmal weniger präsent), Rotzrock-Momente. Aber immer so eigenständig, dass niemand "Plagiat" rufen kann. Und alles betont simpel, aber höchst effektiv. Im Grunde gibt es kein besseres Rezept für Rock'n'Roll, der mit viel Pomade im Haar brüllt: "Mehr braucht es doch gar nicht."

Keine Widerrede.


"Kill Everyone" von den Turbo A.C.'s ist am 24. Juni bei Concrete Jungle Records erschienen. 
Mehr: www.turboacs.com und www.myspace.com/theturboacs

Mittwoch, 29. Juni 2011

The Horrible Crowes mit erstem Eindruck von "Elsie"

Es sind nur eine Minute und 39 Sekunden - aber sie geben uns einen ersten Eindruck davon, wie das Debüt von The Horrible Crowes klingen wird. "Black Betty & The Moon" heißt der Songschnipsel, den es auf Youtube zu hören gibt. Keine Frage: Dafür, dass hier The Gaslight Anthems Brian Fallon am Mikro steht, klingt das extrem entspannt und zurückgelehnt. Aber im positiven Sinne.

Das Debütalbum des Projekts von Brian Fallon und Ian Perkins erscheint am 6. September. Produziert wurde das Ganze von Ted Hutt, der auch das jüngste Gaslight-Album "American Slang" begleitet hat. Wenn das Album raus ist, will Brian Fallon mit seiner Stammband anfangen, am neuen Werk zu arbeiten. Echt ein verdammt gutes Jahr für gute Musik.

Hier noch Tracklist und Cover zu "Elsie", so der Name des Horrible-Crowes-Debüts.

1. Last Rites
2. Sugar
3. Behold The Hurricane
4. I Witnessed A Crime
5. Go Tell Everybody
6. Cherry Blossoms
7. Ladykiller
8. Crush
9. Mary Ann
10. Black Betty & The Moon
11. Blood Loss
12. I Believe Jesus Brought Us Together

Dienstag, 28. Juni 2011

Arcade Fire zeigen "Scenes from the Suburbs" online

                                                                                              Screenshot: Drescher
Gewalt ist allgegenwärtig in der Vorstadt. Die Jugendlichen bekommen sie vorgelebt. Aber was war vorher da? Das Militär oder die unbedachten Soft-Air-Attacken? "Scenes from the Suburbs" verstört einen, lässt Erinnerungen auftauchen und lächeln, wenn man sich wiedererkennt. Die kanadische Indie-Sensation Arcade Fire hat mit Regisseur Spoike Jonze ("Where the wild things are") den Film zur Musik geliefert. Und den kann man auf Mubi jetzt streamen. Auf dem 2010er-Album "The Suburbs" erinnerten sich Win Butler und Co. an Kindheit und Jugend im Kleinklein der amerikanischen Vorstadt. Es ging um verklärte Erinnerungen und darum, an Orte zurückzukehren, die einem als sicherer Hort der Zuflucht erschienen. Nach dem wuchtigen "Neon Bible" wirkte "The Suburbs" zunächst fast unspektakulär, aber der Reiz der Suburbia lag in der Subtilität. Nach einigen Durchläufen erschloss sich einem, worauf Arcade Fire hinauswollten. Ein großartiger Auftritt beim Southside (hier und hier mehr dazu) setzte dem Ganzen für mich die Krone auf.

Im Film bekommt das Suburbs-Sujet eine zusätzliche Dimension. Gewalt ist in dieser alternativen Realität allgegenwärtig in Form der Truppen, die Willkür und Übergriffe als legitimes Mittel ansehen. Da bekommt auch die Softair-Ballerei eine neue Dimension.Wie bei "Bowling for Columbine": Der amerikanische Mikrokosmos der Gewalt spiegelt sich in den Bombenabwürfen der Luftwaffe wieder - oder umgekehrt. Was war zuerst da? Huhn oder Ei? Spike Jonze flechtet in diese Prämisse, die über dem halbstündigen Film hängt wie ein düsterer Schatten, Szenen ein, die so ungestellt wirken, dass es fast wehtut. Wunderbare Jahre (Freundschaften) meets Edward mit den Scherenhänden (in punkto aufgeräumte Optik der Vorstadt) meets The Crazies (Militärherrschaft). Das Blödsinn reden, das Bromance-Motiv, das Auseinanderleben von Freunden - die Idylle ist zerbrechlich.

Aber seht selbst. Aber seid gewarnt: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind durchaus beabsichtigt. Findet Ihr Euch wieder?

Montag, 27. Juni 2011

The Kills mit Video zu "Future Starts Slow"

So nah? Nein, leider nicht von mir. Alison Mosshart
von  The Kills, im Hintergrund Jamie Hince.     
                                            Foto: Anders Jensen-Urstad
Ja, schade auch: Da ging es den Kollegen von VISIONS ganz ähnlich wie mir, wie sie in ihrem Online-Schnipsel zum neuen Video zu "Future Starts Slow" von The Kills berichten. Nur, dass ich beim Southside war und im Zelt keine Chance hatte, die Band aus der Nähe zu sehen. Bei Kälte und Regen denken irgendwie alle, im Zelt sei ein super Platz, auch wenn die Musik auf der Bühne einen null interessiert. Lassen Sie mich durch, ich bin Fan. Nein? Ok, dann bahne ich mir meinen Weg nach vorne eben. An der Bar ist Ende. Immer noch zu weit weg. Verdammt. Da ich weder zerdrückt werden will noch Wert darauf lege, genau da zu stehen, wo jeder vorbeiläuft, bin ich ans Ende des Zelts gelaufen - von wo aus der Genuss des Duos doch erschwert war. Dabei war das Konzert eines meiner Highlights - könnte ich das aus einer Warte beurteilen, die Alison Mossharts Kopf nicht nur als Stecknadel erkennen ließ.

Bleibt mir nur, die großartige aktuelle Platte wieder aufzulegen, das neue Video zu "Future Starts Slow" zu genießen (dass es auch auf VISIONS online gibt) und auf eine reguläre Tour zu warten.

Alles zu The Kills auf diesem Blog unter diesem Label.

Sonntag, 26. Juni 2011

Sonntags-Matinée: Was man am Nachthimmel alles entdecken kann

Wie, nicht draußen in der Sonne? Gute Entscheidung, irgendwie. Denn heute gibt's als Sonntags-Matinée eine schon ältere Platte: I am Kloot aus Manchester haben 2010 eine perfekte Platte namens "Sky At Night" aufgenommen.

Beim Southside vergangenes Wochenende spielten die Briten kurz vor den Foo Fighters im Zelt auf der Roten Bühne. Es war nicht so voll, weil alle zu Dave Grohl und Co. stürmten - aber es war sehr genial. Alte Männer auf der Bühne singen von "Fucking and Disaster", wirken wie weise Chanson-Sänger und leben ganz von ihrer Hingabe an die Musik. Es war sogar so gut, dass ich die ersten Minuten von den Foo Fighters verpasst habe, weil wir uns nicht losreißen konnten.

Ich hab "Sky At Night" für die SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung vom 3. August 2010 besprochen. Nebenan das Resultat.

Samstag, 25. Juni 2011

Hörtest: Flogging Molly - Speed of Darkness

Der irische Tanzflur braucht Abwechslung: Flogging Molly entdecken auf "Speed of Darkness" neue Rhythmen und Vielfalt. Will ja auch niemand immer nur Punkrock-Polka tanzen. Trotzdem würde man Flogging Molly auch mit Oropax und aus zehn Kilometern Entfernung erkennen. Ist ja auch gut so, schließlich macht sonst niemand so leidenschaftlichen Irish-Folk-Punkrock, der diesmal die Revolution ausruft und soziale Missstände geraderücken will. 


Als ob sie wie die Posaunen von Jericho Mauern zum Einstürzen bringen wollten, folgen in "Revolution" auf die Parole "Let the Revolution begin" die Blechbläser. Wow, so viel Neues in den ersten paar Minuten auf einer Flogging Molly Platte? Das soll jetzt nicht heißen, dass die Irisch-Amerikaner langweilig geworden sind. Es gab nur nicht so viel Überraschendes auf "Float", das jetzt auch schon wieder drei Jahre zurückliegt. Aber wenn man "Speed of Darkness" mit einem Wort charakterisieren müsste, dann würde es am ehesten das hier treffen: variabel. Das deutete sich schon an, als "Don't Shut 'Em Down" vorab veröffentlicht wurde. Ein Basslauf, ein Stampf-Rhythmus fernab jeglichen Polka-Gehüpfes, dazu ein anklagender Text, der sich darüber klar ist, dass der Aufstand in Griffweite ist, wenn alles den Bach runtergeht.

Bisher kannte man Flogging Molly ja eher als die romantisch-literarischen Folkpunks, während die Dropkick Murphys mit ihrem auf Krawall gebürsteten Sound eher die Arbeiterklasse-Anwälte waren. Aber unter anderem, weil Flogging Molly in Detroit anfgenommen haben, hat sie die Trostlosigkeit der Stadt inspiriert, sich mit Krise und Niedergang zu beschäftigen. Auch der Blick nach Irland zeigt ja nicht gerade überbordenden Wohlstand, insofern sind Flogging Molly nah am Thema und zeigen, dass sie das nicht kalt lässt. Zwischen den Protestrufen wie "Rise Up" gibt es Pub-taugliche Balladen, Violinen- und Akkordeon-Klänge, Piano-Tupfer, Pogues-Feeling (etwa in "The Cradle of Humandkind").

Dass die neuen Songs auch auf der Bühne funktionieren, hat man ja jüngst beim Southside erlebt. "Speed of Darkness" macht alle glücklich: Die Fans der ersten Stunde, die neu Dazugekommenen und die, die das live gutfanden und das manchmal fröhlich, manchmal nachdenkliche Werk dieser Band erst noch entdecken. Glückwunsch an Letztere, so es sie gibt: Ihr habt noch einige Stunden großartiger Musik vor Euch.

Alles, was ich auf Tinnitus Attacks bisher zu Flogging Molly geschrieben habe, findet Ihr unter diesem Label.

Freitag, 24. Juni 2011

Nachschlag: Frank Turner in der Lindauer Zeitung

Ist das jetzt Cross Media? Wurscht, jedenfalls hat Frank Turner am Montagabend ein verheerend gutes Konzert im Club Vaudeville in Lindau gegeben. Konzertkritik und Fotos dazu gab es ja schon am Dienstag auf Tinnitus Attacks. Heute ist dazu auch noch ein Text samt Bild in der Lindauer Zeitung erschienen, den ich den Kollegen im bayerischen Teil des SZ-Verbreitungsgebiets angeboten hatte.
Weil ich Euch den Text auf gar keinen Fall vorenthalten wollte und man von Frank Turner weder auf Platte noch sonst genug haben kann, gibt's den Artikel hier zu lesen.

Alles, was zu Frank Turner auf meinem Blog bisher erschienen ist, findet Ihr unter diesem Label.

Donnerstag, 23. Juni 2011

Ausgegraben: Farin Urlaub im Interview

Das Southside ist rum (hier mein Bericht darüber), die meisten sind wieder in der weit weniger anarchischen Realität angekommen - und sehnen sich entweder zurück oder freuen sich schon jetzt auf 2012. Denn mit Blink 182 und Die Ärzte stehen bereits zwei Headliner fest. Die Ärzte waren kürzlich erst als Laternen Joe auf Geheim-Tour, für alle, die keine Karten bekommen haben, umso besser, dass BelaFarinRod nun wieder live zu sehen sind.

Die Faszination für Die Ärzte hat für mich in erster Linie mit Gitarrist und Sänger Farin Urlaub zu tun. Für seine Soloalben hat der Mann nicht nur die Gitarre, sondern auch Bass und Schlagzeug beherrschen müssen. Seine Texte sind unschlagbar, er selbst ist der absolute Mega-Sympath. Das habe ich vor fünf Jahren persönlich erlebt, als ich ihn für die SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung interviewen durfte. Das Gespräch fand vor einem Auftritt in Stuttgart statt, angesetzt waren 15 Minuten. Als ich irgendwann aufs Diktiergerät sah, stand da: 28 Minuten. Es war großartig. Viel Spaß mit diesem angegrauten Fundstück.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Hören Sie das: The Head and The Heart auf Daytrotter

Darauf haben wir gewartet: Es gibt eine Daytrotter-Session der Seattle-Folkster The Head and The Heart. Vier mal mehrstimmige Gesänge und Songs, vergleichbar mit einer heißen Tasse Tee drinnen bei strömendem Regen draußen. Alles klingt etwas reduzierter als auf Platte, und irgendwie live. Zu hören gibt es "Sounds Like Hallelujah", "Down in The Valley", "Coeur D'Alene" vom Debütalbum und das bisher unveröffentlichte "Seat Beside Me", eine sehr ruhige Nummer. Hier geht's zur Session.

The Head and The Heart gehören zu meinen persönlichen Highlights und Neuentdeckungen des Jahres. Eine Rezension des Debüts, ein Video von einem Auftritt bei Conan O'Brien und einen Text über meinen Erstkontakt mit der Musik der Band findet Ihr hier.

Dienstag, 21. Juni 2011

Konzertkritik: Frank Turner in Lindau

Frank Turner
Support: Ghost Of A Chance.
Club Vaudeville, Lindau, 20. Juni 2011 (Ausverkauft).
Text und Fotos: Daniel Drescher

Frank Turner in einem
ruhigeren Moment.   Foto: Drescher
Gäbe es mehr Menschen wie Frank Turner, der Weltfrieden wäre keine Illusion. Der in Bahrain geborene und in England aufgewachsene Musiker kennt keine Scheuklappen, keine Schubladen. Andererseits würde man ihm auch auf die Barrikaden folgen, wenn er zur Revolution rufen würde, weil er politisches Bewusstsein hat. Seine Konzerte sind deswegen so großartig: Weil es zum einen darum geht, etwas zu bewirken, gegen die Lethargie anzustürmen. Aber zum anderen eben auch darum, gemeinsam friedlich zu feiern. Den Soundtrack dazu liefert der "skinny half-arsed English Country Singer" mit seiner Band, den "Sleeping Souls". Und zwar vom ersten bis zum letzten Ton. Die geniale Ansage in "Eulogy", die jedem die Wunden leckt und die Selbstzweifel fortspült. Die wahnwitzige Vorstellung von einer etwas anderen Art des Lebens nach dem Tod in "One Foot Before The Other". Die Verbeugung vor dem Sound, der einen Tempel niederreißen kann in "I Still Believe". Oder natürlich die großartige Analyse von Protest und was davon bleibt in "Love, Ire and Song". Frank Turner schreibt derartig brillante Texte, dass man sich ein Buch von ihm wünschen würde. Die Musik dazu perlt ungeschliffen und charmant schrammelnd aus seiner verschrammten Akustikgitarre. Wenn er dann noch anfängt, ein paar Brocken Deutsch einzuwerfen, ist man dem Charme dieses Dichters und Denkers verfallen: "Isch habe mein Pausenbrot vergessen." Kurz vor seinem Auftritt hat er noch gebloggt, wie er am Lindauer Bodenseeufer entlang läuft und über Geschichte und mehr nachdenkt.

Bevor Turner die Bühne entert, gefällt der Mainzer Singer/Songwriter Tobias Heiland alias Ghost Of A Chance mit wunderbar unprätentiösen Akustikgitarre-Stücken. Mit sympathischen Ansagen und skurrilen Geschichten, etwa über den australischen Straßenräuber Ned Kelly, der bei einem Kampf gegen die Polizei eine Ritterrüstung trug, bekommt Heiland den verdienten Applaus.

Die Songauswahl später bei Frank Turner ist perfekt, die Stücke vom aktuellen "England Keep My Bones" sind nicht weniger umjubelt als älteres Material: Zu "Peggy Sang The Blues" gibt's eine Geschichte über Frank Turners Oma, die ihn mit Whiskey beim Pokern schwächen wollte, als er zehn war. Auch von "Love, Ire and Song" und "Poetry of the Deed" gibt's die Perlen, ob "I knew Prufrock before he got famous" oder "Sons of Liberty". Alles wirkt direkt und intensiv, wohl auch, weil man sich im Club Vaudeville für lauschige Wohnzimmer-Atmosphäre statt großer Halle entschieden hat. 250 Fans rasten kollektiv aus. "I won't sit down/I won't shut up" ist die Parole in "Photosynthesis". Eben: Im Sitzen hat noch niemand eine Revolution begonnen. Hoch mit dem Arsch und etwas bewegen. Frank Turner macht vor, wie es geht.

Mehr Fotos vom Konzert im Club Vaudeville gibt's auf der Facebook-Seite von Tinnitus Attacks, die ihr gerne liken dürft/sollt/könnt: Hier entlang.

Meine Plattenkritik zu "England Keep My Bones" könnt Ihr hier lesen.

Montag, 20. Juni 2011

Southside 2011: So war's in musikalischer Hinsicht

Ich war ja nicht nur zum Vergnügen auf dem Southside: Hier lest Ihr den Text für die heutige Kulturseite der Schwäbischen Zeitung, den ich gestern vom Festival geschrieben habe. Es geht um die Musik, um besonders eindrückliche Konzert-Momente, um bleibende Erinnerungen.

Wir sehen uns auf der Südseite 2012!

Festival-Highlights: Arcade Fire geben der Musik eine Seele

Songs für die Ewigkeit: Arcade Fire.                            Foto: Daniel Drescher

Es ist so ein Gefühl, und es kommt aus der Region links neben dem Herz...da sitzt bei mir vermutlich das Musik-Zentrum. Es stellt sich beim Auftritt von Arcade Fire ein. Diese Band ist schon so groß, ein würdiger Festival-Headliner, und wird in der Geschichte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wie Win Butler da von der Vorstadt und ihrer Ambivalenz singt, man würde ihm die ganz großen Bühnen und Stadien gönnen. Soviel Musik auf einer Bühne, acht Künstler, die Geigen, Trommeln, und viele andere Instrumente nutzen, um ihre Mini-Epen ins richtige Soundgewand zu kleiden. Régine Chassagne ist der weibliche Gegenpart zu Win Butler, aber hier singen ohnehin alle. Arcade Fire sind zugleich Kammerorchester und mehrstimmiger Chor.

Als die Orgelklänge von "Intervention" sakral über die Fans strahlen, zieht eine zentimeterdicke Gänsehaut über meine Ohren - von innen.  Diese Songs sind keine Radio-Kacke, keine Fastfood-Konsumsingles. Sondern Werke für die Ewigkeit.

Auch optisch berauschen Arcade Fire ihre Zuschauer: Da laufen Video-Clips über riesige Leinwände, dass man fast erschlagen ist - aber die Band wird nicht zum Beiwerk. Zu versiert sind die Musiker, die hier zeigen, wieviel Seele in Musik stecken kann.

Festival-Highlights: Die Foo Fighters haben Sound-Steroide verschluckt

Rock-Perfektionist: Dave Grohl, Foo Fighters.                          Foto: Drescher

Back with a bang: Die Foo Fighters haben am Freitag beim Southside bewiesen, dass sie noch immer gehörig Hummeln im Hintern haben. Allen voran Dave Grohl, der über die Bühne rennt wie besengt, und aus seiner Gitarre die rüden Riffs kloppt, die genau wie diese unglaublichen Melodien ein Markenzeichen der Band sind. Kein Vergleich zum drögen 2008er-Auftritt am Southside, wo man glaubte, satte Rockrentner vor sich zu haben. Eine Band auf Steroiden. Musikalisch betrachtet.

Grohls blondes Double an den Drums, Taylor Hawkins, spielt sich den Arsch ab und treibt die Songs nach vorne. Wieder-dabei-Gitarrist Pat Smear steht die meiste Zeit auf einem Fleck und grinst vor sich hin, Marke Honigkuchenpferd. Die Songauswahl passt: Der Einstieg mit "Bridge is Burning" ist genauso heftig wie erhofft, dann folgt Schlag auf Schlag. Während es regnet, rattert die Hitmaschine: "Learn To Fly", "Breakout" ,"My Hero", dazwischen immer wieder neue Songs wie die Rotzbombe "White Limo".

Ein großartiges Cover: "Young Man Blues" von Mose Allison, das sich auch The Who schon vorgeknöpft haben. In derem Sinne prügeln die Foos den Song auch durch die PA. Am Ende steht "Everlong".
Schön, dass es doch noch geklappt. Also mit dem "Back to the Roots"-Ding.

Freitag, 17. Juni 2011

Flogging Molly und Warpaint - die ersten Highlights (subjektiv)

Flogging Molly aus der Froschperspektive. Foto: Drescher
Erstes Highlight des Tages: Flogging Molly. Irish Folk Punk, der die Barrikaden stürmen und allen Wirtschaftskrisenopfern ihren Job zurückbringen will. Sehr sympathisch: Die haben ihr eigenes Guinness in Dosen dabei. Die Setlist lässt keine Wünsche offen. "Drunken Lullabies", "What's Left Of The Flag", aber auch viel Neues: "Don't Shut 'Em Down", die Hymne zum Arbeitskampf. Oder "Revolution", die ... Hymne zum Arbeitskampf? Und Dave King gibt den charismatischen Frontmann, tanzt gegen Ende wie ein verrückter Leprechaun über die Bühne.

Davor Warpaint: Alles so schön bunt hier. Zumindest schillern die Song in allen Farben von Lucys Diamanten, wenn sich das Licht in ihnen bricht. Sehr verkifft. Und wie getwittert: Twin Peaks wäre der Auftrittsort für die vier Mädels. Und dazu einen verdammt guten Kaffee. Den hätte ich jetzt auch gerne. Und einen Regenmacher. Der dafür sorgt, dass es wieder aufhört.

Minuten bis zum Start: Southside geht in die Vollen

Noch ist nichts los: Hier wird gleich gerockt.
                                              Foto: Daniel Drescher
In wenigen Minuten geht's los: Das Southside-Festival startet in wenigen Minuten mit dem Auftritt von "Artig" auf der Red Stage.

Das Wetter passt: Sonne satt, für später ist allerdings Regen angesagt.
Mit Twitter haut es noch nicht so ganz hin: Mobil kaum ne Chance, ins Netz zu kommen. Ich versuche trotzdem. Euch auf dem Laufenden zu halten.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Tinnitus Attacks twittert vom Southside

Perfekt: Southside 2008.
                                    Foto: Drescher
Tinnitus Attacks zwitschert zwischen Matsch, Ravioli und Dosenbier: Die nächsten Tage gibt es von mir Aktuelles vom Southside-Festival in Neuhausen ob Eck via Twitter.

Ich halte Euch auf dem Laufenden, was Bands, Live-Auftritte und Eindrücke angeht. Die Tweets werden hier in der rechten Randspalte meines Blogs erscheinen.

Ihr könnt mir auch auf Twitter folgen: http://twitter.com/#!/TinnitusAttacks

Man sieht sich auf der Südseite.

Mittwoch, 15. Juni 2011

So war's: Foo Fighters bei TV Total

Vielsagende Blicke: Taylor Hawkins (links) und Dave Grohl
bei TV Total.                           Screenshot: Drescher
Es ist schon bitter. Da hat jemand die Chance, Dave Grohl und Taylor Hawkins zu interviewen - und das kommt dabei raus. Stefan Raab mal wieder komplett ahnungslos, fragt, ob die Band-Doku "Back and Forth" ein Konzertmitschnitt oder sowas ist. Davor geht es um Tattoos, die Klitschkos und andere Belanglosigkeiten. Und das Rock'n'Roll-Klischee muss natürlich auch nochmal auf den Tisch: Das wirke alles so harmlos und normal in der Doku, man erwarte ja eher Sex und Drogen, so der TV Total-Boss. Naja. Fundierten Rock-Journalismus hat ja auch niemand erwartet. Trotzdem immer wieder ein Schauspiel, wenn Raab auf Rock trifft. Lemmy kann ein Lied davon singen.

Immerhin die Live-Auftritte kamen gut: "Everlong" die Überraschung, "Walk" die angekündigte Performance. Wer's verpasst hat: Auf der Internetseite von TV Total gibt's die Clips dazu.

Dienstag, 14. Juni 2011

Die Foo Fighters heute Abend bei TV Total

Rockbarer Besuch: Foo Fighters
vs. Stefan Raab. Screenshot: Drescher
Für gewöhnlich ist TV Total ja genauso vorhersehbar wie unlustig. Abgesehen davon, dass die Show von ihrer eigenen Switch-Parodie rechts überholt wurde. Aber heute Abend könnte es unterhaltsam werden: Die Foo Fighters sind zu Gast bei Stefan Raab. Das ist die Nebenwirkung, wenn man die größte Alternative-Rockband es Planeten ist: Man wird zum Musiktipp auf Kabel Eins und muss alles mitnehmen, was man an Promo bekommt. Mal schauen, wie unvorbereitet und mit muskalischem Halbwissen der mediale Tausendsassa in dieses Gespräch geht. Dave Grohl und Taylor Hawkins sitzen bei Raab auf dem Sofa, dann wird gerockt. Neben einer Live-Darbietung von "Walk" (zum neuen Video hab ich ja bereits hier gebloggt) soll es noch eine besondere Überraschung geben. Wir sind gespannt.

Montag, 13. Juni 2011

Hörtest: Anvil - Juggernaut of Justice

Das Leben war nicht immer fair zu Anvil. Jetzt wollen die Kanadier Gerechtigkeit. Klingt wie aus einem Filmtrailer. Doch die besten Geschichten schreibt das Leben immer noch selbst. Und Steve "Lips" Kudlow und Robb Reiner schreiben schnörkellose Metal-Hymnen, die in ihrer Schlichtheit grundsympathisch wirken. Man wünscht "Juggernaut of Justice" allen nur erdenklichen Erfolg auf dieser Erde. Nächstes Ziel: Weltherrschaft.

Im musikalischen Sinne, heißt das. Ein Blick auf das Plattencover reicht, um zu wissen, dass Anvil diesmal alle Bühnen dieser Welt im Sturm nehmen wollen: Da huldigt eine riesige Menschenmenge einem überdimensionalen Amboss, einer schwenkt eine Anvil-Flagge. Der "Juggernaut" (zu Deutsch "Götze"), das sind Anvil und sie wollen endlich die Anerkennung, die ihnen zusteht. Ach ja: Nebenbei teilt der Amboss auch noch das Meer. Moses, Götzen, Goldenes Kalb, da war doch was. Größenwahn? Nein. Man muss nur wissen, dass Anvil Anfang der 80er-Jahre vor Hunderttausenden spielten, heißesten Speed Metal fabrizierten - und dann irgendwie den Anschluss verpasst haben. Obwohl ja Metallica und Motörhead in den höchsten Tönen von Lips und Co. schwärmen. 2009 bannte Sacha Gervasi die wechselhafte Geschichte der Band auf Zelluloid (oder sowas). Das hatte was von "Spinal Tap", verkaufte seine Charaktere aber nie für ein paar billige Lacher. Zu schlimm war das, wenn sie in einem Club in Prag für einen Teller Gulasch spielen sollen. Oder zum "Monsters of Transylvania" etwas mehr als 100 Metaller kommen - statt versprochener 100 000. Sogar Headbanger weinen, wenn Lips' Schwester den Vorschuss fürs Album "This is Thirteen" vorstreckt.

"Seit der Veröffentlichung des Films stehen uns alle Türen offen, jetzt wollen wir musikalische Gerechtigkeit", sagt Kudlow. Und es ist schon so: Anvil können es. Lips schüttelt eimerweise arschcoole Riffs aus dem Ärmel, man höre nur die Kampfansage "Fukeneh!" oder das etwas nach Accept klingende "Running". Zwischen donnerkeilenden Songs wie "When All Hell Breaks Loose" und dem Titelstück verstecken sich episch schimmernde Hymnen wie "Turn it up" oder "The Ride". Das Tempo variiert, bei "New Orleans Voodoo" nehmen sie den Fuß ganz vom Gaspedal, ebenso bei den ersten Minuten der düsteren Ballade "Paranormal". Die Drums hämmern, bollern und hauen einem die Kauleiste zu Brei. Dieses Album hat alles, was Headbanger wollen. Man spürt, dass hier Metal-Junkies am Werk sind, für die Aufgeben keine Option ist. Genau darum geht es ja. Viele Fans sagen immer "Eure Musik hat mich durch eine echt harte Zeiten getragen". Anvil haben diese harten Zeiten erlebt - und sich mit ihrer Musik selbst durchgebracht. Kein Wunder, dass sie sich da noch ein kleines Experiment erlauben: "Swing Thing", ein abgefahrenes Jazz-Metal-Stück beendet die Platte. Das klingt alles nicht nach leidgeplagten 50ern, eher nach hungrigen Mittzwanzigern.

Produziert hat das Ganze Bob Marlette, der auch schon für Judas-Priest-Frontmann Rob Halford oder Provokations-Künstler Marilyn Manson an den Reglern saß. Aufgenommen wurde in den 606 Studios von Foo-Fighters-Aushängeschild Dave Grohl.

Wenn es noch Gerechtigkeit gibt, schaffen Anvil es noch. Die Umstände passen: Als Anvil ihre Karriere begannen, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass Metal irgendwann im Feuilleton stattfinden würde und Dokus über Metal-Festivals oder Metal-Labels auf Filmfestivals laufen.

Völker dieser Welt - huldigt dem Amboss.


"Juggernaut of Justice" von Anvil erscheint am 17. Juni auf Steamhammer (im Vertrieb von SPV). Offizielle Bandpage: http://www.anvilmetal.com/

Live kann man die Band an diesen Terminen erleben:


17.06. Metal Town Festival - Gothenburg, SWE
18.06. Copenhell Festival - Copenhagen, DEN
19.06. Magnet Club - Berlin, GER
21.06. Corporation - Sheffield, UK
22.06. Manchester Academy 3 - Manchester, UK
23.06. Cathouse - Glasgow, IRE
24.06. Newcastle Academy 2 - Newcastle, UK
25.06. Rock City - Nottingham, UK
26.06. Graspop Festival - Dussel, BEL
28.06. Konzerthaus Schuur - Lucerne, SWI mit Dio Disciples
29.06. Magazzini Generali - Milan, ITA mit Dio Disciples
01.07. Heineken - Madrid, SPN mit Dio Disciples
02.07. Rockstar Live - Bilbao, SPN mit Dio Disciples
03.07. Bikini - Barcelona, SPN mit Dio Disciples
05.07. Rocktempel - Kerkrade, NL
06.07. Gleis 22 - Muenster, GER
08.07. Knust - Hamburg, GER
09.07. ColosSaal - Aschaffenburg, GER
10.07. Luxor - Köln, GER
11.07. Islington Academy - London, UK
12.07. Slade Rooms - Wolverhampton, UK

Sonntag, 12. Juni 2011

Sonntags-Matinée entfällt / Ein Wort zum Blog-Namen

Lieber Tinnitus Attacks-Leser,

die Sonntags-Matinée fällt heute mangels Zeit zum Schreiben leider aus.

Dafür noch ein Nachklapp zur "Galerie der Klassiker": Die Kritik zu den Spiritual Beggars stammt ja aus meiner Zeit als Schülerzeitungsredakteur. Aus diesen Tagen kommt auch der Name meines Blogs: Tinnitus Attacks, das war meine Rubrik für gute Musik. Damals bestimmte jede Menge Heavy Metal jede Ausgabe. Übermäßig viele Fans davon gab es bei uns nicht, es müssen ungefähr fünf gewesen sein. So viele Leser hatte dann auch die Rubrik. Gut, die Dunkelziffer ist mir nicht bekannt. Es war jedenfalls eine Zeit, in der Metal noch nicht im Feuilleton stattfand. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Jedenfalls gefiel mir die Idee gut, ein Blog so zu nennen, das sich aus meiner subjektiven Sicht heraus mit Musik beschäftigt. Gerade als Reminiszenz an meine Wurzeln als Musik-Schreiber.

Mehr als fünf Leser sind es hier schon seit Anfang an. Zum Glück.

Samstag, 11. Juni 2011

Galerie der Klassiker: Schweden liegt im Andromeda-Nebel

Kinder, wie die Zeit vergeht: Dies ist der 101. Blog-Eintrag seit ich Tinnitus Attacks online gebracht habe. So ein Miniatur-Jubiläum muss gefeiert werden. Darum hat heute eine neue Rubrik Premiere: Die "Galerie der Klassiker". Hier sollen nicht mehr ganz taufrische Platten auftauchen. Scheiben, die mich geprägt haben, die mir wichtig sind, an denen Erinnerungen hängen.

Den Anfang macht heute eine Platte, die auch elf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein bisschen Staub angesetzt hat, wöchentlich in meiner Anlage rotiert und ein absolutes Meisterwerk in meinen Ohren darstellt. Die Rede ist von "Ad Astra", der unerreichten 2000er-Platte der schwedischen Stoner-Rocker Spiritual Beggars. Und weil ich alles Wichtige zu dieser Platte schon 2000 in unserer damaligen Schülerzeitung geschrieben habe, will ich Euch an den Zeilen von damals Teil haben lassen. Bitte:

Vergesst alles, was Ihr bisher über die Spiritual Beggars gehört habt. Die Band stammt nicht aus Schweden und spielt definitiv keinen Retro-Rock. In Wirklichkeit handelt es sich bei den vier Musikern um Außerirdische aus dem Andromeda-Nebel, die mit ihrer Musik allen irdischen Klangtruppen zeigen, wo's langgeht. Dabei dienen Querverweise auf alte Größen wie Deep Purple oder Black Sabbath lediglich als grobe Orientierungshilfen, denn die Beggars surfen durch ihr ureigenes Klanguniversum.

Mit Michael Amott (der auch bei den Ikea-Deathern von Arch Enemy die Saiten quält) hat man einen ebenso talentierten wie ideenreichen Gitarristen an Bord, der mal bluesige Riffs, mal psychedelische Klangzaubereien vom Stapel lässt, um im nächsten Moment aggressive Metal-Attacken auszupacken. Die äußerst songdienlich eingesetzte, von Per Wiberg immer akkurat gespielte Hammond-Orgel lässt natürlich nur eine Assoziation zu: Jon Lord. Und Basser und Vokalist Spice (sieht trotz eindrucksvollen Bartes und heftigem Bauchansatz nicht so gut aus wie eines der gleichnamigen Mädels) ist für die Band ebenso wichtig wie es Lemmy für Motörhead ist. Bei Highlights wie "Wonderful World", "On Dark Rivers", "Blessed", "Until The Morning" (mit einer Extra-Portion Doom) oder dem absoluten Überhit "Angel of Betrayal" fahren die außerirdischen Schweden geballte Qualität und jede Menge technisches Können verbunden mit einem sicheren Händchen für die richtige Mischung aus Feeling, Power und lässiger Spielsicherheit auf. 

Jederzeit hörbar ist auch die Entwicklung, die die Beggars hinter sich haben: Während auf "Mantra III" ("Monster Astronauts", "Lack of Prozac" und "Euphoria sind natürlich immer noch kreative Höhepunkte) noch ausgiebig gejammt wurde, kommen die Songs jetzt viel besser auf den Punkt. Vor allem hat man sich diesmal einen Totalausfall wie "Superbossanova" geklemmt. Lediglich bei "Escaping the Fools" und "The Goddess" wirkt manche Songidee nicht ganz so zwingend. Dafür gibt es wie schon auf "Mantra III" auch dieses mal wieder eine gute Portion Ironie, die sich in Textzeilen wie "never had a longer relation with the female sex" oder "my dog is sitting by my side - what a wonderful world" zeigt.

Bleibt unterm Strich ein exzellentes Album, bei dem lediglich zwei von 13 Nummern keine Volltreffer sind und das Freunden hochwertiger Rockmusik mit dezentem Blues-Einschlag und vereinzelten Ausflügen in metallische Gefilde uneingeschränkt empfohlen sei. Übrigens: Solltet Ihr die Chance haben, die Spiritual Beggars live zu erleben, lasst Euch diesen Ohrgasmus nicht entgehen. Auf dem Metal 2000 Festival in Mammheim rissen die Schweden letztes Jahr einen energiegeladenes Wahnsinnsset runter und überzeugten als fähiges Team, mit dem in Zukunft ophne Zweifel unbedingt zu rechnen ist.

Soweit meine damalige Rezi. Es gab vier von fünf Sternen. Leider verließ Spice die Band nach diesem Album, machte mit seiner "Mushroom River Band" zwar den im Kern selben Sound, fehlte den Beggars aber. Ich glaube, ich war nicht der einzige Fan, der sich abwandte, als der "neue" Sänger JB nachrückte. Der ist inzwischen auch wieder Geschichte. Ich hab Spice mal gemailt, ob er mal wieder was mit der Mushroom River Band macht. Er antwortete prompt, sagte aber, da sei nichts geplant. Wer Spice' Stimme vermisst, dem seien "Kayser" und sein anderes Projekt "Spice and the RJ Band" ans Herz gelegt. Die Magie von "Ad Astra" fing aber nichts mehr ein. Was mich noch mehr ärgert: Auf dem Metal 2000 gab es sehr stylishe Longsleeves mit dem "Ad Astra"-Cover. 25 D-Mark erschienen mir damals als zu teuer (kein Kommentar...). Falls das jemand liest, der damals eins gekauft hat: Ich bin ernsthaft interessiert, sagt mir Euren Preis!

Die ganze Stärke der Band gibt es jetzt im Video zu "Angel of Betrayal" nochmal zu hören.

Freitag, 10. Juni 2011

Death Cab For Cutie bei Conan O'Brien

Vor zwei Monaten haben wir den Live-Stream ihrer neuen Single "You Are A Tourist" begleitet, jetzt gibt es die Live-Fassung: Bei Conan O'Brien haben Death Cab For Cutie den Song vom neuen Album Codes and Keys gespielt (hier entlang). Ziemlich cool. Diese Band bleibt gut, auch wenn sie für mahcne zu kommerziell geworden ist, weil sie Twilight mit Songs beliefern. Ben Gibbard hat eine Stimme, die fast so anheimelnd wirkt wie die von Weakerthans-Samtpfote John K. Samson.

Übrigens, wer Death Cab mang, sollte mal The Postal Service anspielen, ein elektronisch orientiertes Seitenprojekt. Der Song "Such Great Heights" ist in einer Cover-Version von Iron & Wine auf dem Soundtrack zum grandiosen Indie-Pic "Garden State" vertreten.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Against Me! und die russischen Spione

Zweineinhalb Minuten die glücklich machen: Against Me! haben den ersten Song im neuen Line-Up veröffentlicht. Auf Spin online gibt es "Russian Spies" zu hören. Am Schlagzeug sitzt jetzt laut Spin Jay Weinberg, Sohn von Max Weinberg, der bei der E Street Band in die Felle haut. Der Song ist auf einer Seven-Inch zu hören, die am 14. Juni erscheinen soll.

Das aktuelle Album "White Crosses" hab ich vergangenes Jahr in der Schwäbischen Zeitung besprochen. Erschienen am 15. Juni auf der Szene-Seite. Whoa, schon wieder ein Jahr her...nebenan lest Ihr die Rezi.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Foo Fighters mit neuem Video zu "Walk"

Was haben Michael Douglas und Dave Grohl gemeinsam? Sie rasten aus, wenn sie im Stau stehen. Das neue Foo Fighters-Video zu "Walk", dem in meinen Ohren besten Song vom aktuellen Album "Wasting Light" (Rezi dazu hier), ist ein gelungenes Tribute an "Falling Down", Joel Schumachers Regiestück von 1993, in dem Douglas auf einen gewalttätigen Streifzug durch Los Angeles geht. Der Film erntete damals zwiespältige Reaktionen. Während die einen den Film großartig fanden und wie er soziale Missstände aufzeigt, sagten andere, der Streifen würde Gewalt glorifizieren.

Die Foo Fighters umgehen dieses Dilemma geschickt und verwandeln den Hassfeldzug von Douglas in ein anarchisches Spielfeld, das einmal mehr zeigt: Dave Grohl sollte Schauspieler werden. Ganz im Ernst, ich würde mir jeden Film mit diesem Giganten anschauen, der schon im Clip zu "Learning To Fly" zum Wegschmeißen komisch war, Coolness fast so sehr definiert wie Social D.'s Mike Ness und schon für seine Foo-Clips einen Oscar bekommen sollte. This is Fanboy talking.

Die Foo Fighters zeigen damit aber auch mal wieder, dass sie trotz Rockstar-Dasein lieber eigene Ideen umsetzen als stumpf Kasse zu machen: "Walk" kommt in einer Szene des neuesten Marvel-Streichs "Thor" zum Einsatz und wird dann im Abspann ganz ausgespielt. Was hätte näher gelegen, als einfach ein Bandvideo mit dazwischen geschnittenen Filmszenen zu machen? Insofern: Guter Schachzug mit dieser kantigen Version, ein neues Lieblingsvideo. Lieblingssekunde: Zählerstand 5:41. "Thor" war übrigens besser als erwartet. Hoffentlich können wir das auch bald von "Captain America" sagen. Aber ich schweife ab.

Flogging Molly bei Conan O'Brien

Das neue Flogging Molly Album "Speed of Darkness" erschien während der 2-Wochen-Sendepause von Tinnitus Attacks und wird hier selbstredend noch besprochen. Bis dahin gibt es einen wirbelnden Live-Auftritt der Folkpunks: Bei Conan O'Brien brachte die Band "Saints & Sinners" auf die Bühne. Hier geht's zum Video. Der Song ist exemplarisch für das neue Album. Einerseits erkannt man sofort, wer hier durch die Boxen kracht, andererseits klingen die Songs vielfältiger als früher.

Flogging Molly on stage.                 Screenshot: Drescher
Conan O'Brien jedenfalls gefällt's, wenn sein "That was great guys" nicht nur eine Floskel ist. Was ich nicht glaube.

Szene fürs Album: Zählerstand 3:55, als Sänger und Gitarrist Dave King die frisurentechnische Ähnlichkeit zwischen sich und O'Brien in eine Geste packt. Harhar.

P.S.: Live sind Flogging Molly unter anderem beim Southside und beim Hurricane Festival von 17.- bis 19. Juni zu sehen. Lasset die Punkrock-Pogoparty beginnen!

Dienstag, 7. Juni 2011

Hörtest: Frank Turner - England Keep My Bones

Eine Platte wie ein Manifest. Wäre das hier Literatur, man müsste es zur Pflichtlektüre in jeder Schule machen. Vorausgesetzt, die Lehrer wollten ihre Schüler zu kritisch denkenden, weltgewandten Individuen erziehen. Frank Turner erfindet sich mit "England Keep My Bones" neu, obwohl er im Grunde nur seine Stärken auf den Punkt bringt - und hat einen hymnischen Meilenstein geschaffen, so rein und roh, dass einem die Tränen kommen. 


Hätten die zynischen Plattenbosse Recht, die überzüchtete Popdackel wie Rihanna oder Lady Gaga als Cash Cows nutzen, dürfte Frank Turner gar nicht existieren. Zu authentisch, zu ungekünstelt, zu reell wirkt der englische Songwriter, der mit seinen Folkpunk-Hymnen jedes Publikum zu willenlosem Klatschfutter machen kann. Aber sie haben eben nicht Recht. Plastik verrottet vielleicht nie, aber Holz ist edler, sinnvoller, schöner. Frank Turner nimmt sich gegen den seelenlosen Pop-Einheitsbrei aus wie eine Woche in einer Blockhütte an einem verlassenen See in den Appalachen gegen einen schmerbäuchigen All-Inclusive-Urlaub in einem zu Tode animierten Ferientempel.

Schon das Intro "Eulogy", das man von den Live-Auftritten aus dem letzten Jahr kennt, ist eine dermaßen wahrhaftige Ansage, dass diese hier in aller Länge zitiert sei:

"Not everyone grows up to be an astronaut,
not everyone was born to be a king,
not everyone can be Freddie Mercury,
but everyone can raise their glass and sing.

I may not be the perfect kind of person,
I may not do what mum and dad dreamed,
but on the day I die, I'll say at least I fucking tried.
That's the only eulogy I need,
thats the only eulogy I need."



Eine Hymne für alle, die verloren haben, sich verloren fühlen, die sich grämen, an sich zweifeln - dieses kurze Stück nimmt sie alle in den Arm. Klar, Frank Turner hat leicht reden. Aber er meint das auch so, ist keiner von denen, die zehn Sportwagen und drei Villen haben wollen. Er glaubt an den Rock'n'Roll, wie er in "I Still believe" (auch das schon live erprobt) bezeugt: "I still believe in the need for guitars and drums and desperate poetry". Auch "Peggy Sang The Blues", die Hommage an seine verstorbene Großmutter, und das nachdenkliche-drängelnde "I Am Disappeared" kennt man bereits. Es sind Highlights, aber die sind ohnehin nicht in der Unterzahl auf "England Keep My Bones".


"Rivers" kommt so folkig daher, dass man sich in einem urigen Pub wähnt, wo Turner ja in der Tat auch bestens in die Live-Ecke passen würde. "English Curse" klingt eher wie ein Traditional als nach Campfire-Punkrock. Die zweite Albumhälfte fällt nicht ab: "If I ever stray" wandelt sich vom catchy Ohrwurm zur Rock-Walze mit Bläsersatz. Bei "Wessex Boy" hagelt es Live-Feeling pur, "Nights Become Days" klingt mit Gitarre und Streichern ganz zahm und zurückgenommen. Frank Turner zeigt sich variabler als je zuvor, noch melodieverliebter als zuletzt und auf dem Zenit seiner Songwriting-Kunst. Die Themen sind vertraut: Unterwegs sein, ankommen, Widerstand, Lebenslügen, Wahrheiten aussprechen, Erwachsen werden - Frank Turner textet ehrlich, unironisch, unwiderstehlich. Wie angekündigt, beschäftigt er sich auch mit Fragen der englischen Identität. Eins ist aber auch klar: Wenn er das Album in "Glory Hallelujah" zu fast schon sakralen Orgelklängen ausklingen lässt und dazu verkündet: "There is no God, no Heaven and no Hell", wird er sich damit nicht gerade die Sympathien der amerikanischen religiösen Rechten zuziehen.
Wobei die dann wohl auch nicht seine Zielgruppe sind.
Eher die eingangs erwähnten kritisch denkenden Individuen.
Und jeder, der eine schäumende Punkrock-Party im Akustik-Gewand feiern will.

"England Keep My Bones" (Epitaph) ist jetzt im gut sortierten Plattenladen zu haben - und man kann es im Stream auf Frank Turners Internetseite hören.

Montag, 6. Juni 2011

Konzertkritik: ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead in Dublin

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead.
Support: Jogging.
Whelans, Dublin (IRL), 25. Mai 2011.
Text und Fotos: Daniel Drescher

Am Merch-Stand verkaufen sie handsignierte Orginalzeichnungen von ...Trail of Dead-Sänger und Gitarrist Conrad Keely. Auf der Bühne verspricht die Bass-Drum - mit Keelys Kunst verziert - den richtigen Rumms für später. Von der letzten Reihe des Clubs bis zur Bühne sind es kaum zehn Meter. Das Whelans ist ein kleiner Indie-Club in Dublin, inklusive Pub und Bühne für Shows im intimen Rahmen. Guinness und die unfassbarste Band der Welt - was für eine Kombi. Danke, Rock-Gott, dass ich das erleben darf.

Als die Vorband "Jogging" die Bühne betritt, steht eine Handvoll Menschen vor der Bühne. Die erleben ein Trio, das offiziell Post-Hardcore macht und bereits mit Bands wie Pulled Apart By Horses und And So I Watch You From Afar auf der Bühne stand. Live hat der Sound der Iren auch einen Touch Stoner-Metal. Macht Laune, auf Dauer aber dösig.

Conrad Keely von ...Trail of Dead.
                                       Foto: Daniel Drescher
Mit dösig ist es vorbei, als die Indie-Institution um Conrad Keely und Jason Reece die Bretter entert. ...Trail of Dead steigen mit dem sperrigsten Stück vom aktuellen Album "Tao of the Dead" (Rezi dazu hier) ein, dem Quasi-Titel-Stück "Strange News From Another Planet". Obwohl das Songmonstrum eine gute Viertelstunde dauert, kommt keine Langweile auf. Keely singt wie ein junger Gott (was ja nicht bei jedem Gig so sein muss), die Instrumental-Parts sind wahnwitzig und fühlen sich an, als ob man mit Inlinern Achterbahn fahren würde. Die ersten vier Songs im Set stammen vom neuen Album, allerdings mit Abweichungen von der Setlist, die auf dem Bühnenboden klebt. Dann kommt der Klassiker "Worlds Apart" zu Ehren: "Will You Smile Again For Me" zerrocken sie so dermaßen, dass man Mühe hat, es zu identifizieren. So schnell kann man diesen Song spielen? Irre. Aber gut irre. Gleich "Caterwaul" hinterher, akuter Hüpf-Alarm. Auch hier wieder: Der pure Donnergroll rult. Die manchmal orchestrale Atmosphäre, die man von den Platten der Genies kennt, weicht live einer unbändigen Energie, die garagig-wütend und ungestüm entfesselt daherkommt. Kein Wunder, dass die Setlist die eher epischen Platten "So Divided" und "Century Of Self" komplett ignoriert - und mutig, weil auch diese ihre Fans haben. Die Meute - rund 300 - goutiert das hemmungslose Gedresche mit Freuden. Irgendwann wechselt Conrad Keely ans Schlagzeug, drischt sich dort die Finger wund, Jason Reece übernimmt Mikro und Gitarre.

Jason Reece von ...Trail of Dead.          Foto: Daniel Drescher
Auch die ersten beiden Alben "Madonna" und "Source Tags & Codes" kommen ausführlich zum Zuge. Vor allem im Zugabenteil gibt es dann nochmal auf die Mütze: "Mistakes & Regrets" reißt zu Freudenstürmen hin mit seiner grandios verbitterten Ex-Hommage: "If I could make a list/of my mistakes and regrets/I'd put your name on top/and every line after it."

Am Ende will Conrad Keely gar nicht mehr von der Bühne, spielt den Alleinunterhalter, während die anderen hinter der Bühne Handtücher und Bierdosen in Empfang nehmen. Wie formidabel, eine solch begnadete Band in solch intimem Rahmen zu sehen.

Auf dem Rückweg kommen wir an schicken Clubs vorbei. Spärlich bekleidete Mädels stehen sich die Beine in den Bauch, um in die Edeldisco zu kommen. Ihr armen Fehlgeleiteten, möchte man ihnen zurufen. ...Trail of Dead könnten Euch so viel mehr geben.

Mehr Fotos vom Konzert gibt's hier.