Freitag, 23. Dezember 2011

Jahresrückblick 2011, Teil 2: Die besten Platten des Musikjahres

Ein gutes Jahr für gute Musik: Am Anfang steht man immer da und denkt, dass es vielleicht mal weniger wird mit Platten, die man unbedingt haben muss. Und dann kommen sie, die Highlights. 2011 war nicht gerade arm daran. Die zehn besten Platten hier nochmal kurz gestreift, der Rest als unkommentierte Liste. Der Wertung liegt ein pseudomathematischer Koeffizient zugrunde, der die Häufigkeit des Anhörens mit der Heftigkeit des Beeindrucktseins irgendwie korreliert. Oder so. 

P.S.: Mit einem Klick auf Bandname oder Plattentitel kommt Ihr nochmal zur Plattenkritik.

Die Top-Platten 2011:

Sweet Home Oregon. Eric Earley und seine Band auf den Spuren von Lynyrd Skynrd und Co. Der titelgebende Goldflügel ist ein Motorrad, die Platte der Soundtrack zur Küstenfahrt. Klischee? Nicht wirklich. Die Kunst: Das Ganze so verpacken, dass es nicht ausgelutscht und für die Fransenhemdfraktion gemacht klingt, sondern auch Indie-Kids zugreifen. Dabei machen sie nicht viel anders. Selten ist es einer Band gelungen, amerikanisches Songwriting so überzeugend zu interpretieren. 

Hatte ich bisher nicht auf dem Schirm. Ein verzückendes Indie-Juwel, auf dem die Songs die Leichtigkeit von Nada Surf atmen, aber auch das Melancholische der Weakerthans. Es kommt selten genug vor, dass man einer Platte so dermaßen verfällt, dass man sie immer und immer wieder hören will. Hier der Fall. Melodien wie aus Zuckerwatte, aber nicht im klebrig-süßen Sinne, sondern einfach zum Reinknien. Die Tour fürs nächste Jahr ist schon gebucht. Wenn es irgendwie hinhaut: Wir sehen uns, Mr. Devine. 

Ja, seine Soloalben bisher waren alle gut bis sehr gut. Aber auf diesem Langspieler hat der nice guy des Folkpunk es geschafft, alle Stärken auf einen Punkt zu bringen und einfach überragende Songs eingespielt. Das Rock'n'Roll-Glaubensbekenntnis "I Still Believe", die persönliche Hommage "Peggy Sang The Blues", die klare Ansage "If Ever I Stray" - und dann die "Eulogy", das beste Intro seit langem mit seinem wundenleckenden Text. Mr. Turner, Sie Sympath. Wie wollen Sie das toppen?

Vielleicht waren sie der perfekte Soundtrack, als ich dieses Jahr Stephen Kings "ES" zum ersten Mal verschlungen habe. Vielleicht war für mich der Überraschungseffekt höher, weil das Debüt noch an mir vorbeigegangen ist, aber umgehend nachgekauft wurde. Diese Stimmen. Diese Stimmung. Stagnation, sagen die einen. Kontinuität, sagen die anderen. Am Ende egal, weil Musik nicht zwangsläufig besser wird, wenn man sich jedesmal neu erfindet. Ich find das so ziemlich ausgereift. Lassen wir es dabei. 

In der Ruhe liegt die Kraft, heißt es. Das erklärt, warum dieses Album so stark ist. Die ruhigen Töne beherrscht das Quartett aus Rhode Island, weil sie selten spannender waren. Und dann kommt "Boeing 737" und rennt einen mit seiner Euphorie über den Haufen, lässt einen mit dem Text zwischen 9/11 und Drahtseilakt verstummen. Oder sie lassen einfach die Klarinette mit sich selber allein. Oder das Radio rauscht im Hintergrund. Im Grunde zu gut um wahr zu sein. Ein Album für die Ewigkeit. 

Hype und ich bin dabei. Das ist mal ungewohnt. Aber sie sind auch zu genial. Mit ihrem Mix aus hallenden Vocals, flächigen Gitarren, Punkrock-Prägnanz und Postpunk-Melancholie kriegen mich die Londoner an dem Abend, als "A Lack of Understanding" live von einem Festival übertragen im Radio gespielt wird und einen auf einmal vergessen lässt, dass da sonst nur Gaga-Müll und Nickel-Mist läuft. Und dann das beinah sakrale "Wetsuit". Songperlen, die man nicht mehr aus aus dem Kopf bekommt. Aber wozu auch?

Hätte David Ames, der von Tom Cruise gespielte Hauptdarsteller im verspult-genialen "Vanilly Sky", dieses Album gehört - er wäre bewusst mit dem Auto gegen den Betonpfeiler gefahren. Soll heißen: Depression in Noten gegossen. Am Anfang denkt man, der Song wird vielleicht schneller. Und dann will er gleich die Welt retten, der Ex-Lift To Experience-Songwriter mit dem längsten Bart seit Moses. Es bleibt sperrig, unbequem. Und doch auch unglaublich schön. Dagegen ist Jeff Buckley Gute-Laune-Musik. 

Es sollte viel mehr Musik geben, die sich auf Ukulele und Bläser stützt. Obwohl - dann wären Beirut nicht mehr so einzigartig. Das ist übrigens das einzige Wort, das hier passt. Einzigartig. Wie Zach Condon die Musik von überall auf dem Globus in sich aufsaugt, daraus eigene Songs modelliert und wehmütige Melodien schafft, das gibt es kein zweites Mal. Zwischen die getragene Stille von "Goshen" und die wiegende Eleganz von "East Harlem" mischt sich mit "Santa Fe" sogar ein lupenreiner Popsong. Ok, wenn der so gut ist. 

Weil sie wieder brennen. Weil sie verdammt nochmal den Arsch hochbekommen haben und wieder Rock'n'Roll spielen. Weil die erste Textzeile "These are my famous last words" so knallt. Weil "Walk" so ein mustergültiger Song ist. Weil Grohls Garage rult. Den Foo Fighters können noch nicht mal ein Auftritt bei TV Total und auch nicht der Musiktipp der Woche oder so ähnlich bei Kabel eins etwas anhaben. Mainstream? Mir scheißegal. 
Grohl = Gott. 

Und noch eine Band, die Bock hat. Nix mehr mit Pop und Prog, live ignorieren sie "So Divided" und "Century of Self". Conrad Keely und Jason Reece trümmern, schwelgen, konstruieren, komponieren sich ein Werk zusammen, das völlig gleichberechtigt neben Klassikern der Marke "Worlds Apart" stehen kann. Vom "Jumpin Jack Flash"-Riff-Zitat in "Radio Pure Cosplay" über die pluckernden Soundspielereien, die sich über das Album verteilen und den Krautrock beschwören:
Besser war nichts 2011. Ganz im Ernst. 

Die Top-40-Liste im Gesamten: 

1.) ...Trail of Dead - Tao of the Dead
2.) Foo Fighters - Wasting Light
3.) Beirut - The Rip Tide
4.) Josh T. Pearson - Last of the Country Gentlemen
5.) The Vaccines - What Did You Expect from the Vaccines
6.) The Low Anthem - Smart Flesh
7.) Fleet Foxes - Helplessness Blues
8.) Frank Turner - England Keep My Bones
9.) Kevin Devine - Between the Concrete
10.) Blitzen Trapper - American Goldwing
11.) Tom Waits - Bad As Me
12.) The Horrible Crowes - Elsie
13.) Ryan Adams - Ashes and Fire
14.) The Kills - Blood Pressures
15.) La Dispute - Wildlife
16.) William Elliott Whitmore - Field Songs
17.) Cuck Ragan - Covering Ground
18.) The Strokes - Angles
19.) The Black Keys - El Camino
20.) Social Distortion - Hard Times & Nursery Rhymes
21.) Flogging Molly - Speed of Darkness
22.) Bon Iver - Bon Iver
23.) Bill Callahan - Apocalypse
24.) The Pains of Being Pure At Heart - Belong
25.) Blackmail - Anima Now!
26.) The Decemberists - The King is Dead
27.) Death Cab For Cutie - Codes & Keys
28.) Art Brut - Brilliant! Tragic!
29.) The Rural Alberta Advantage - Departing
30.) Little Barrie - King of the Waves
31.) Atlas Losing Grip - State of Unrest
32.) The Head and the Heart - The Head and the Heart
33.) The Static Age - City of Wandering Lights
34.) Anvil - Juggernaut of Justice
35.) Obits - Moody, Standard & Poor
36.) Manchester Orchestra - Simple Math
37.) Polar Bear Club - Clash Battle Guilt Pride
38.) Dum Dum Girls - Only in Your Dreams
39.) Male Bonding - Endless Now
40.) Portugal.The Man - In the Mountain in the cloud


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