Donnerstag, 22. Dezember 2011

Jahresrückblick 2011, Teil 1: Die zu kurz Gekommenen / die absichtlich Ignorierten

Die Flut an Veröffentlichungen ist riesig, Zeit hingegen ist meistens eher rar. Darum gab es nicht zu allen wichtigen Platten des Jahres Rezensionen auf Tinnitus Attacks. Hier reiche ich Euch im ersten Schritt zehn Platten nach, die großartig waren - und fünf, die absichtlich unter den Tisch gefallen sind. Teil eines subjektiven Jahresrückblicks.

Die zu kurz Gekommenen:

10.) Black Lips - Arabia Mountain: 
Und plötzlich stehen sie mit Mark Ronson da. Die Garagenpunks mit den 60er-Einflüssen bekommen Unterstützung von einem, der sonst eher für Leute wie Robbie Williams, Christina Aguilera und Amy Winehouse (R.I.P.) arbeitet. Dem simpel gestrickten Rumpelrock des Atlanta-Vierers tut das keinen Abbruch. Okkult angehaucht das Video zu "Modern Art", provokativ das Plattencover. Darf man alles prollig finden. Jedoch: Es knallt. 



9.) Manchester Orchestra - Simple Math
Nicht die Hitsammlung wie "Mean Everything To Nothing". Zumindest nicht vordergründig. Aber trotzdem überzeugen Andy Hull und sein Quintett auch diesmal. Streicher mischen sich dazwischen, so als meinten sie es jetzt ernst mit dem Orchestra. Trotzdem weit und breit kein Kitsch-Alarm, im Gegenteil. Einfache Mathematik? Wenn man eins und eins zusammenzählt, dürfte das nächste Album ähnlich gelungen sein. 




8.) Panda Bear - Tomboy
Ein Musiker bricht aus dem Animal Collective aus - und liefert mit Album Nummer vier eines der Alben des Jahres 2011. Noah Lennox bannt Weite, Psychedelica und wiederhallende Zeilen auf diese Platte. Der Schwebezustand als Gesamtkunstwerk. Funktioniert auf nächtlichen Festivalbühnen sicher genausogut wie aus der Konserve. Musik zum alleine hören. Am besten mit dem Kopfhörer.





7.) Okkervil River - I Am Very Far
Wenn es um Indie-Folk- und Country-Klänge geht, sind Okkervil River auch 2011 eine Bank. Stampfend, euphorisch, begeisternd und trotz unverkennbarer Merkmale auch mal experimentierfreudig: Wie sich da in "Piratess" synthetische Drums und dieses 80er-Flair reinmogeln, ist fast schon frech. Aber dann kommt der "White Shadow Waltz" und fegt einen von den Füßen. 




6.) Elbow - Build A Rocket Boys!
Eine Platte wie ein Kinderbuch - für Erwachsene. Lasst uns eine Rakete bauen und alle Sorgen hinter uns lassen! Per aspera ad astra! Wenn Guy Garvey das fordert, will man mit. Elbow bleiben schwer zu fassen, bleiben radioinkompatibel. Genregrenzen verschwimmen, was funktioniert, darf sein. Als da wären: so ziemlich alles. Außer schlechter Musik. 





5.) Bill Callahan - Apocalypse
Ein ruhiges Album, meistens. Und eins, was bleibenden Eindruck hinterlässt. "The real people went away" geht die erste Textzeile. Amerikanische Songwriter-Kunst auf dem Zenit. Reduziert klingt das, ein Mann, eine Gitarre, klar, eine Band gibt's auch dazu. Immer her mit den Songperlen. Und ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat. Man höre nur das differenzierte "America". 





4.) Art Brut - Brilliant! Tragic!
Kurve gekriegt: Auf das brillante Debüt "Bang Bang Rock'n'Roll" folgten zwei passable Alben, aber klar war, dass sich was tun muss im Hause Eddie Argos und Co. Also: Singen gelernt. Wobei das übertrieben ist. Frank Black hat Eddie Argos zwar an die Hand genommen, aber so richtig traut er entweder sich oder seiner Stimme noch nicht ganz. Trotzdem: Gutes Album. "Clever Jazzman" zieht rein, der Rest überzeugt. Uff. 



3.) The Decemberists - The King is dead
Sie selber nennen Neutral Milk Hotel als Einfluss. Nie war der offensichtlicher als auf diesem Album, das den Bombast des Konzeptalbums "Hazards of Love" über Bord wirft. Schlichter Folk, aber extrem gut. Und mal ehrlich: Wer Peter Buck von R.E.M. (R.I.P.) als Gast begrüßt und im Video zu "Calamity Song" dem toten Literaturgenie David Foster Wallace huldigt, den muss man doch einfach liebhaben, oder?



2.) Bon Iver - Bon Iver
Alles ist luftig. So war das gemeint mit Singer/Songwriter.  Jetzt nochmal "Perth" rauskramen, den perfekten Wintersong hören. Zu "Towers" schwelgen, die Kopfstimme nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Man hat den Eindruck, hier spielt ein ganzes Orchester. Justin Vernon ist der Dirigent. Und der Konzertmeister. Alles in einem. Überfordert? Keine Sekunde. 




1.) Death Cab For Cutie - Codes & Keys
Hätte eigentlich schon in Dublin mitgemusst. Aber Ryan Air kassiert, wenn man das Kilo-Limit überzieht und andere Bands haben auch schöne Platten. Tja. Letzte Woche dann doch noch geholt und knallverliebt. Dieser Band und ihren ausufernden Indie-Hymnen kann auch die Massenvermarktung auf dem Twilight-Soundtrack nichts anhaben. Was für eine Platte. 






Die absichtlich Ingorierten  oder nur weil eine Band riesig ist, muss das nicht heißen, dass sie hier unterm Jahr besprochen wird:

5.)  Red Hot Chili Peppers - I'm with you.
Schön, ich bin aber nicht mit Euch. Vielleicht haben mir hundert Durchgänge zuviel von "Dani California", dem Tom Petty-Plagiat, in einer Kneipe in einer Stadt am Bodensee es versaut. Mein Interesse an den Chili Peppers ist erloschen. Und Mr. Kiedis: Was soll dieses Streber-Cover auf der Visions? Ich bin entsetzt.




4.) Blink 182 - Neighbourhoods
Jaja, Enema of the state damals, super Wortwitz und lustige Lieder. Nebenprojekte, Split, Reunion, Southside-Absage - mein Kopf dreht sich. Da komm ich nicht mehr mit. Das Album soll mittelmäßig sein, hieß es. Und man kann sich ja auch nicht um alles kümmern.






3.) Metallica & Lou Reed - Lulu
Vielleicht sollte ich die Herausforderung annehmen und mir diesen Brocken erarbeiten. Andererseits: Klingt doch, als ob man jeweils eine Platte von Metallica und Lou Reed abspielt, auf zwei Kanälen. Das mach ich glaub jetzt. "Master of Puppets" vs. "Transformer". Klingt sicher besser als das.





2.) Dredg - Chuckles and Mr. Squeezy
"Catch With Arms" war göttlich, der Nachfolger schon mittelmäßiger. Aber das hier? Künstlerische Weiterentwicklung my ass. Woher kommt diese Orientierungslosigkeit? Was soll das? Wer soll das hören? Wer soll das kaufen? Sagt mir Bescheid, wenn man Dredg wieder hören kann.






1.) Metallica & Lou Reed - Lulu
Doppelt vertreten, weil's so unglaublich ist. So, ich hab's übrigens eben getan. Thrash-Riffs contra Nöl-Sprechgesang aufgelegt. Klang wirklich besser. Und weil ich einfach nicht darüber hinwegkomme und ich Lou Reed cool und Metallica eigentlich auch mal in Ordnung fand, bleibe ich dabei: This sucks. Genauso wie die wegen der Finanzkrise vorgezogene Europa-Tour.



Teil 2 des Jahresrückblicks mit den besten Platten 2011 lest Ihr morgen früh hier auf Tinnitus Attacks. 

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