Samstag, 26. November 2011

Konzertkritik: Flogging Molly in Stuttgart


Flogging Molly.
Support: The Minutes, The Mighty Stef.
LKA Longhorn, Stuttgart, 25. November 2011.
Text und Fotos: Daniel Drescher

Man stelle sich vor, eine Band würde deutsche Volksmusik und Punkrock zusammenbringen. Abgesehen davon, dass man den Musikern zur Zwangseinweisung raten würde – das würde sich niemand anhören, das will niemand. Ganz anders Irish Folk und Punk: Das passt, und wenn eine Band es derart kann wie Flogging Molly, entstehen dabei die denkbar intensivsten Konzerte, überschäumende Pub-Partys voller rebellischer Hymnen. Das amerikanisch-irische Sextett macht mit Gitarre-Bass-Schlagzeug plus Fiddel, Tin Whistle, Banjo und Akkordeon Hymnen, zu denen man die Faust in die Luft und das Bier in die Höhe reißt. Im Gegensatz zu den artverwandten Mucker-Kollegen Dropkick Murphys kommen Flogging Molly nicht ganz so pathosschwanger und raubeinig rüber; sie sind eher die romantischen Literaten unter den Folkpunks.

Dave King und Bridget Regan.
Ihre Instrumente schonen sie dabei allerdings keineswegs: Wir befinden uns etwa in der Mitte des Sets, als Dennis Casey mitten im Gitarrensolo schnell mal eben die Klampfe wechseln muss. Beim Solieren mussten ein paar Saiten dran glauben, der Gitarrentech ist gefordert. Es wird nicht die letzte Saite sein, die reißt. Aber der Reihe nach. Mit „The Likes of You“ steigen die sechs Musiker in ihr fulminantes Set ein, gleich „Swagger“ hinterher und dann der Titelsong vom aktuellen Album „Speed of Darkness“. Der Hattrick sitzt. Fronter Dave King (Gesang und Gitarre) und seine Kollegen brauchen keine Aufwärmphase, nope, hier gibt jeder von Anfang an alles. Bassist Nathen Maxwell post wie ein Weltmeister, Matt Hensley schwingt sich zu seinen Akkordeon-Klängen über die Bühne, Dennis Casey gibt den Gitarrenheld und drischt auf sein Instrument ein. Dave King sorgt mit seinen irrwitzigen Tanzeinlagen immer wieder für Lacher, während seine Frau Bridget Regan an der Violine eine Art Ruhepol bildet. Und Drummer George Schwindt hält sich – gezwungenermaßen – im Hintergrund, legt aber mit seinem Beat das Fundamet für den typischen Polka-Punk der Band, den sie auf den beiden jüngsten Alben für neue Einflüsse geöffnet haben. Ob die Musiker jeden Tag auf dem Laufband stehen, um eine derart schweißtreibende Performance über zwei Stunden durchzuhalten? Andererseits: Wer im Jahr 200 Konzerte spielt, trainiert ja allein durch die Bühnenperformance quasi regelmäßig.

Nathen Maxwell.
Das Publikum verliert allerdings auch das ein oder andere Kilo. „It's a fucking sauna, isn't it beautiful!“, ruft Dave King den Fans zu, die im LKA die Temperatur nach oben treiben. Ein Fan hält's irgendwann nicht mehr aus und macht sich bis auf die Boxershorts nackig. Das ist Rock'n'Roll! Aber ist ja auch kein Wunder: Die Konzertgänger stehen dicht gedrängt, der Schweiß fließt in Strömen. Der Club ist ausverkauft. 1500 Besucher fasst das Longhorn. Und wer da ist, singt auch mit. Selten ein Konzert gesehen, wo derart einmütig Hände in der Luft sind – und zwar von vorne bis hinten. Hymnen wie das neue „Revolution“, die obligatorischen „Drunken Lullabies“ oder das rührende „What's left of the Flag“ verlangen den Stimmbändern alles ab. Dazwischen finden sich Songschönheiten wie „Selfish Man“, „Black Friday Rule“ oder das abgefeierte „Rebels of the Sacred Heart“.

Atem holen darf man, wenn die Band getragenere Nummern wie „Float“ intoniert. Im Zugabenteil gibt’s dann unter anderem noch „Tobacco Island“ und den Rausschmeißer „Seven Deadly Sins“ zu hören. Wahnsinn. Und als Schluss ist, sind sie immer noch nicht weg: Da dirigiert Dave King den LKA-Chor, der spontan den eingespielten Monty Pythons-Klassiker „Always look on the bright side of life“ mitsingt, während die anderen Bandmitglieder Setlists, Drumsticks und Gitarrensaiten ins Publikum werfen und Hände schütteln. Wer eventuell am Tage noch in grüblerischer Novemberstimmung war: Nach fast zwei Stunden Pub-Punkrock steht einem das Grinsen felsenfest ins Gesicht gemeißelt. Allerdings: Längst nicht alle Klassiker sind gespielt. Dafür bräuchten Flogging Molly nochmal zwei Stunden.

Überzeugend: The Mighty Stef.
Geschmack haben Flogging Molly übrigens auch bei der Auswahl der Vorbands bewiesen, die beide aus Dave Kings Heimatstadt Dublin kommen. The Minutes gefallen mit ihrem wuchtigen Rock, der mal stoner-mäßig verkifft ausufert, mal hart rockend nach vorne geht. Noch eine Spur überzeugender sind The Mighty Stef: Irgendwo zwischen Murder by Death und Okkervil River, zwischen Seemannsgarn und Folk-Seligkeit machen sich die Iren an diesem Abend sicher viele neue Freunde. Verdientermaßen.

Eine Bildergalerie vom Konzert findet Ihr hier. In den nächsten Tagen gibt es auf Tinnitus Attacks noch ein Interview mit Flogging Molly. Stay tuned!

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