Montag, 28. November 2011

Interview: Flogging Molly im Gespräch mit Tinnitus Attacks

Sie haben Geschmack – nicht nur, wenn es um Musik geht: Im Backstage-Raum des LKA Longhorn in Stuttgart lagern Guinness-Dosen im Kühlschrank, die erste Frage stellt nicht der Interviewer, sondern der Gesprächspartner: “Wollt Ihr ein Bier?” Ist der Papst katholisch? Flogging Molly interviewen und dabei Guinness trinken – besser geht’s nicht. Bassist Nathen Maxwell und Robert Schmidt, Banjo- und Mandolinen-Spieler bei Flogging Molly, sitzen auf der Couch und beantworten die Fragen. Auf dem Ledersofa gegenüber hat es sich Matthew Hensley gemütlich gemacht, der Akkordeon und Concertina spielt. Er ist mit seinem iPad beschäftigt, schaltet sich aber später an der ein oder anderen Stelle noch ins Interview ein. Fangen wir also an.

Tinnitus Attacks: Occupy-Proteste, Wirtschaftskrise – es scheint, als hättet Ihr “Speed of Darkness” zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen und veröffentlicht. Wie denkt Ihr darüber? 

Nathen Maxwell (links) und Robert Schmidt (rechts)
im Gespräch mit Tinnitus Attacks-Blogger Daniel
Drescher.                                  Foto: Melanie Braith
Nathen Maxwell: Du hast Recht. Es ist eine Reflektion der aktuellen Situation. Ich persönlich glaube, dass es in unserer Verantwortung als Künstler liegt, darüber nachzudenken, was in der Realität passiert und dadurch vielleicht mehr Menschen dafür zu öffnen. Wenn Du an einer Straßenecke rumstehst und predigst – das interessiert keinen. Aber wenn Du ein Bild malst oder einen Song schreibst, sagen die Leute eher “Oh, ich mag dieses Gemälde. Was bedeutet es?” Oder was denkst Du, Bob?

Robert Schmidt: Es ist eine gute Art, Dinge durch die Hintertür anzusprechen – die Leute fangen unbewusst an, darüber nachzudenken. Die Medien zeichneten ein anderes Bild von dem, was in Amerika und den ganzen anderen Ländern passiert. Da hieß es, die Rezession sei vorüber, der Aufschwung komme. Als wir das Album geschrieben haben, war das nicht unser Eindruck. Wir fanden Menschen vor, die eher das Gegenteil fühlten. Und diese Leute und ihre Geschichten kamen in den Medien überhaupt nicht vor.

Tinnitus Attacks: Wie sind die Reaktionen auf “Speed of Darkness” ausgefallen? Ich hatte den Eindruck, dass es politischer ist als Alben zuvor. Haben die Leute darauf positiv reagiert?

Nathen Maxwell: Meinem Gefühl nach ist das Gegenteil der Fall. Es gibt viele Leute, die wahre Fans von Flogging Molly sind und unsere politischen Ansichten seit Jahren kennen. Die Wahrheit ist: Dieses Album ist nicht politischer als die vorher. Wenn Du Dir zum Beispiel “Drunken Lullabies” anhörst, das ist sehr politisch. Wir versuchen, das mit Musik rüberzubringen. So wie ich die Sache sehe, haben wir viele negative Reaktionen bekommen, weil es auf eine offenere Art politisch ist. Wenn Du an jemandes Version der Realität aneckst, wird er sauer. Wir haben viele Leute gesehen, die sich von uns distanziert, vielleicht sogar (lacht) unsere Platten verbrannt haben. Aber wir haben uns nicht verändert.

Robert Schmidt: Wenn Du Dir die Platte anhörst, stellst Du fest, dass wir Politik nirgendwo direkt erwähnen. Wir sprechen an, was mit den Menschen passiert. Die sozialen Aspekte, die die Politik berührt. Vielleicht ist es eine gesellschaftsorientiertere Platte, denn sie handelt davon, wie Menschen davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber wir sagen nicht “Die Republikaner liegen falsch” oder “Die Demokraten haben Recht”. Das letzte Album war politischer als dieses. “Speed of Darkness” dreht sich um die Auswirkungen, die Wirtschaft auf Menschen hat – mehr als Politik.

Nathen Maxwell: Es ist gewissermaßen fast schon anti-politisch.

Tinnitus Attacks: Vielleicht war meine Wortwahl falsch...

Nathen Maxwell and Robert Schmidt (unisono): Nein nein, nein nein! Viele Leute denken, dass es eine politische Platte ist.

Tinnitus Attacks: Ich glaube, das liegt an der ganzen Geschichte um den Aufnahmeprozess. Ihr wart in Detroit und Dublin und habt die Auswirkungen der Wirtschaftskrise dort direkt mitbekommen.

Nathen Maxwell: Diesen Gedankensprung machen viele. Wir beschäftigen uns mit sozialen Problemen: Menschen, die ihre Häuser verlassen müssen, Menschen, die ums Überleben kämpfen.

Tinnitus Attacks: Ich hab mich immer gefragt: Folk und Punkrock passen so gut zusammen, glaubt Ihr dass es zwischen beiden Stilen musikalische Parallelen gibt?

Nathen Maxwell: Absolut. Es ist Musik für Rebellen. Wir spielen Musik für Rebellen.

Robert Schmidt: Ich denke, Folkmusik ist immer Musik für Rebellen. Überall entstand Folkmusik, weil Menschen wütend waren, wenn sie Dinge nicht aussprechen durften. Die Regierung, die Religion oder was auch immer unterdrückte deren Recht auf freie Meinungsäußerung. Folk-Musik schließt diese Lücke.

Nathen Maxwell: Man muss sich immer daran erinnern, dass das Leben gelebt werden will. Wir feiern das Leben jeden Tag. Darum geht es bei Flogging Molly. Nehmen wir die Welt bewusst wahr? Ja. Dinge berühren uns, wir reden darüber, wir singen darüber. Aber letzten Endes heißt das nicht, dass wir nicht feiern. Wir sind nicht so drauf: “Weh uns! Alles ist furchtbar, schaut Euch die Probleme an.” Es gibt so viele verdammte Probleme, es ist einfach sie zu betonen. Wir versuchen zu zeigen, wie die Lösungen aussehen – nicht nur bei uns, sondern auch mit Freunden, innerhalb der Familie und mit den Menschen um uns herum. Eine dieser Lösungen ist, zu feiern.

Robert Schmidt: Wenn Du Dich umsiehst, schaust Du Dir das Netzwerk an, dass Du Dein ganzes Leben über geknüpft hast, die Menschen, die Dich umgeben und die Dir helfen wollen. Manchmal verschließt Du die Augen so sehr, weil die Probleme so groß sind, dass Du den Mensch neben Dir nicht siehst. Aber Du müsstest sagen “Alter, gehen wir’s an.”

Tinnitus Attacks: Wie stark ist Eure Verbindung zu Irland? Seid Ihr regelmäßig dort, um Euch von der Musik dort inspirieren zu lassen?

Nathen Maxwell: Unser Lead-Singer (Dave King – Anm. d. Autors) ist aus Dublin. Er und seine Frau lebten in Wexford. Matt hat eine Verbindung zu Irland, weil er ein traditioneller Musiker ist. Du hast ihn ja gehört, als wir reinkamen und er gerade Concertina übte.

Matthew schaut hoch und klinkt sich ins Gespräch ein:

Matthew Hensley: Wie Nathen gesagt hat, Dave und Bridget kommen ja aus Dublin. Aber unsere Band besteht auch aus Leuten, die in Amerika leben und zum Großteil dort geboren wurden. Unser Einfluss von Irland besteht darin, dass unsere Musik dort ihren Anfang nahm. Aber ich und Bob sind in Südkalifornien aufgewachsen. Ich finde, unser Sound ist auch deutlich vom südkalifornischen Punkrock geprägt.

Tinnitus Attacks: Und beides passt ja ach bestens zusammen.

Matthew Hensley: Naja, wenn das nicht so wäre, würden wir nicht hier sitzen und miteinander reden. Du würdest fragen: “Wer zur Hölle seid Ihr denn?”

Nathen Maxwell: Als wir drei (Nathen, Bob und Matt – Anm. des Autors) uns getroffen haben und 1996 bei Flogging Molly einstiegen, waren The Pogues meine einzige Verbindung zu irischer Musik. Schon klar, ich kenne U2 und Thin Lizzy – aber irische Musik, das waren für mich nur The Pogues. Alle meine Kumpel waren Punks und Skater, und die hörten The Pogues. Rumsitzen, einen Joint rauchen, Bob Marley hören, Dead Kennedys und die Pogues, so war das. Es war einfach Teil der Familie. Matt kennt und liebt traditionelle Musik. Ich nicht. Ich kenne sie nicht und ich liebe sie auch nicht.

Tinnitus Attacks: Gibt es denn schon Pläne für ein neues Album?

Matthew Hensley: Wir feiern immer noch die Tatsache, dass das aktuelle raus ist (alle drei lachen).

Robert Schmidt: Es ist ja erst vor sechs oder sieben Monaten erschienen. Wir haben noch nicht mal aufgehört, Interviews darüber zu geben.

Matthew Hensley: Wir brauchen viel Zeit. Teil des Feierns ist, es auf der Bühne auszutesten. Und das anständig zu begießen. 

Robert Schmidt: Wir spielen ein paar hundert Shows im Jahr...

Nathen Maxwell: Oh ja, vergiss nicht, dass es 200 Shows dieses Jahr sind. Heute spielen wir Konzert Nummer 193 oder so. Vielleicht könnten wir unsere Zeit anders nutzen. Aber auf dieser Bühne, da geben wir 100 verdammte Prozent. Und danach gibt’s kaum was anderes zu tun als zu feiern. Vorher gibt es kaum was anderes zu tun als sich vorzubereiten.

Tinnitus Attacks: Obwohl Ihr ja nach den Konzerten nicht einfach verschwindet. Vor fünf Jahren wart Ihr beim Zeltfestival in Konstanz am Bodensee. Ich musste nach der Show weg, weil ich früh zur Arbeit musste. Am nächsten Tag schickte mir eine Kollegin Fotos von Euch, wie Ihr unplugged für die Fans gerockt habt. Ich dachte mir nur “Verdammt, wär ich bloß nicht so früh gegangen.”

Matthew Hensley: Ja, an diesen Abend erinnere ich mich.

Nathen Maxwell: Lass mich noch etwas umformulieren, was ich über traditionelle Musik gesagt hab.

Matthew Hensley: Ja, tu das. Ich wollte Dir schon in den Arsch treten (lacht).

Nathen Maxwell: Was ich sagen will: Es ist nicht meine Leidenschaft. Ich bin ein verdammter Bassist. Ich höre diese Musik nicht in meiner Freizeit. Aber mit Bob und Matt zu spielen – das liebe ich. In einem Pub traditionellen Musikern zuhören – das liebe ich. Manchmal geh ich mit Worten zu locker um. Versteh mich nicht falsch. Was ich andeuten wollte: Traditionelle Musik ist nicht meine musikalische Heimat. Aber ich liebe sie.

Matthew Hensley: Wenn Du mit Freunden in einer Bar einen trinkst, ist diese Musik magisch. Das ist Folk in Perfektion. 30 Musiker, die miteinander jammen, darin liegt für mich die Stärke.

Tinnitus Attacks: Ok, letzte Frage. Nathen, wenn Du Bassisten nennen müsstest, die Dein Spiel beeinflusst haben – wer wäre das?

Nathen Maxwell: Paul Simenon von The Clash, Aston Barrett, der mit Bob Marley gespielt hat. Sid Vicious, weil er beschissen war...das mag ich. Und dieser Typ von The Cure...ich weiß nicht mehr, wie er heißt, aber auf den frühen Alben gibt es ein paar klasse Bass-Linien. Heute hab ich ein bisschen Joy Division gespielt. Ansonsten Punkrock, Reggae, Musik allgemein (lacht)...Justin von Tool, aber auch Robert Trujillo von Metallica. Das ist ein großartiger Musiker.

Tinnitus Attacks: Danke, dass Ihr Euch die Zeit für dieses Gespräch genommen habt.


Danke an Mirko Gläser von Side One Dummy für das Interview. Mehr Flogging Molly auf dem Blog: Konzertbericht und Bildergalerie aus Stuttgart, die Rezi zum aktuellen Album "Speed of Darkness". Unter dem Label "Flogging Molly" findet Ihr noch mehr. 

Aufgezeichnet von Daniel Drescher. Fotos: Melanie Braith. Copyright: Tinnitus Attacks.

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