Montag, 10. Oktober 2011

Konzertkritik: The Movement in Winterthur

Wild Evel & The Trashbones, The Movement, The Monsters.
Sonic Stomp, Gaswerk Winterthur, 7. Oktober.
Text und Fotos: Daniel Drescher

Die Nachricht war die subjektiv eine der besten des Jahres 2010 in Sachen Musik: The Movement sind zurück. Die dänische Mod-Punkrockband um Sänger und Gitarrist Lukas Sherfey hat mich vor Jahren bereits zwei Mal im Lindauer Club Vaudeville völlig umgehauen, die Alben „Move“ und „Revolutionary Sympathies“ sind Göttergaben, die den Geist von The Jam ebenso atmen wie den von Joe Hill und Karl Marx. Auf jeden Revoluzzer-Aufruf kommt bei The Movement allerdings ein Liebeslied – und als Lukas Sherfey von der Anarchie genug hatte, legte er seine Band 2007 auf Eis und machte solo weiter. Ohne dabei allerdings die Klasse und den Drive zu erreichen, den The Movement hatten. Im Mai 2010 gab es ein Update auf der Homepage, dass die Band sich wieder zusammengefunden habe. In Anbetracht der Wirtschaftskrise sei man es den Fans schuldig, Einigkeit, Hoffnung und gute Musik zurückzubringen. Diverse Line-Up-Wechsel folgten und nun stehen sie auf der Bühne: Lukas Sherfeys, am Bass sein Live-Solo-Partner Chandu Chodavarapu und Sherfeys Cousin Kasper Rasmussen am Schlagzeug. Soviel vorab. Mein Headliner des Abends stand im Grunde damit schon vorher fest.

Wild und evil: Wild Evel & The Trashbones.
Aber der Reiz von Veranstaltungen wie dem Sonic Stomp liegt ja darin, dass man meist wegen einer Band hingeht und dann noch ein paar andere gute Bands kennenlernt. Im Gaswerk definitiv der Fall: Wild Evel & The Trashbones entern als erste die Bühne. Das Nebenprojekt des Staggers-Fronters Wild Evel bedient sich aus dem Setzkasten vergangener Musik-Jahrzehnte: Nicht nur der gemeinsame Nachname und die Frisuren deuten in Richtung Ramones. Das Ungewaschene des Garagenrock, die ungestüme Energie des Punk, das Kauzige des Psychobilly, die Hyperaktivität der 60ies – garniert mit einer Prise Wahnsinn und einem Drive, der einem das berüchtigte Honigkuchenpferdgrinsen aufs Gesicht zimmert. Während Wild Evel die durchdringende Heimorgel – es ist eine Farfisa Compact von 1965 – immer wieder umlegt und besteigt, wirkt Bassistin Diana Trashbone wie der ruhende Pol, wirkt kühl und distanziert in der Musik versunken und trotzdem – oder gerade deswegen – der Blickfang für viele Rockabilly-Jungs im Publikum. Songs wie „It's a monster“ oder vor allem „I wanna be your caveman“ bedienen sich ungeniert bei The Who („My Generation“), kommen aber so cool auf den Punkt, dass das kein Manko ist.

Revoluzzerhymnen im Punkrockgewand: The Movement.
Dann The Movement: Das Intro von „Karl Marx“ mit dem legendären Satz „The Revolution Will Not Be Televised“ von Gil Scott-Heron läutet eine Stunde ein, in der sich die Hits der Band die Klinke in die Hand geben. Gleich „How Come“ hinterher, dann den Titelsong vom letzten Album „Revolutionary Sympathies“. Lukas Sherfey und seine Sidekicks machen genau da weiter, wo The Movement vor vier Jahren aufgehört haben. Das ist irgendwie Punkrock, vor allem was die Weltsicht angeht, das ist aber auch Mod, integriert Soul-Einflüsse und zwingt einem Tanzrhythmen auf, dass alles zu spät ist. Die Anzugträger fahren live einen rockigen, von Schnickschnack befreiten Sound auf. Drummer Kasper Rasmussen wirbelt die Drumsticks durch die Gegend und sorgt für den nötigen Arschtritt, der kleine glatzköpfige Bassist Chandu Chodavarapu lässt die tiefen Töne perlen und Lukas Sherfey entlockt seiner Rickenbacker-Gitarre Riffs, Licks und Soli, die den Rock'n'Roll preisen. Auch die neue 4-Song-EP „Still Living the Dream“ kommt zum Zuge, „I Can Hardly Live Without You“ reiht sich in die Riege der twangigen Gassenhauer ein, die The Movement so unersetzlich machen. Die Kommunikation mit dem Publikum beschränkt sich die meiste Zeit auf das Wort „Prost“, wenn Lukas Sherfey mit der ersten Reihe anstößt. Ein Wunder, dass er bei seinen wilden Gitarrenakrobatik nicht ausrutscht, so oft, wie er quer über die Bühne rotzt. Schöner Kontrast zu den Anzügen, diese Geste. Die ungefähre Stunde Spielzeit geht viel zu schnell rum. Trotzdem: Welcome back, The Movement. Was für ein Glück, dass es sie wieder gibt.
Monströse Stimme: Beatman.

Immer noch da statt wieder da heißt es bei The Monsters aus Bern. Seit 1986 toben die Schweizer durch die Musiklandschaft. Auftritte als Support von Dick Dale oder The Ramones haben die Eidgenossen zur Institution gemacht. Live wird schnell klar, warum: Allein Beatmeans Stimme nötigt einem Respekt ab. Als ob jemand die Stimmbänder durch Sandpapier ersetzt hätte. In ihren roten Banduniformen wirken die vier Musiker wie eine Horde durchgeknallter Hotelpagen, die ihre Gäste mit knallhartem Sound vom Saufen an der Bar ablenken wollen. Zwei Drummer hat auch nicht jede Band auf der Bühne. Ein Spektakel, keine Frage. Bis weit nach Mitternacht rumpeln The Monsters durch ihre bissig-rockabillyesken Songs. Die sorgsam gestylten Frisuren von Rockabilly und Rockabellas zeigen Verschleißspuren. Kein Wunder, nach der vollen Packung guter Musik.

Mehr Fotos vom Konzert gibt es hier.

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