Freitag, 21. Oktober 2011

Hörtest: Tom Waits – Bad as me

Zwielichtige Songs zwischen Wahn und Wirklichkeit: Tom Waits macht mit "Bad as me" mal wieder alles richtig. War ja auch nicht anders zu erwarten.

Immer wenn man denkt, gleicht schnappt er komplett über, setzt sich Tom Waits ans Piano und intoniert eine von diesen abgrundtief schönen Balladen, bei denen man trotzdem immer auf den doppelten Boden wartet. Diesmal macht er sogar vor dem im Grunde totgecoverten „Auld Lang Syne“ nicht halt – und verarbeitet es in „New Years Eve“ so unsentimental, dass eine neue Facette rausfällt. Und auch „Pay Me“, dieses tränendrüsenstimulierende Stück Musik, fällt einem in Zeitlupe um den Hals, wenn man nicht weiß wohin mit sich. Wenn man eines über die neue Platte dieses in der Musikwelt so deplatzierten Denkers sagen kann, dann vielleicht: Sie ist hörbarer, fröhlicher? Der breit grinsende Tom Waits auf dem Cover deutet es an. Wobei gut gelaunt in den Dimensionen dieses notorischen Hutträgers einfach nur heißt, dass man ihn nicht schlecht gelaunt erleben will. Wenn man es mit „Real Gone“ vergleicht, dem letzten regulären Studio-Output von 2004, ist „Bad as me“ schon fast easy listening, wie gesagt, immer unter Waits'schen Rahmenbedinungen.

Denn hier klingen selbst die schönen Momente, als erlebe man sie durch einen Äther-Schleier, Spuk und Komik gehen Hand in Hand. Musikalisch bedient sich das an allem, was Rock'n'Roll, Blues und Jazz zu bieten haben, die Ingredienzen sind aber so grandios aufgespalten und vermischt, dass es schwer fällt, Einflüsse zu orten. Waits ist eben Waits, auch wenn er so beschwingt an Little Richard gemahnt wie in „Let's get lost“. Über der Proto-Ursuppe von Klangkörper thront die Stimme, die klingt, als habe eine Dampflok einen Straßenköter verschluckt und dann mit Bourbon nachgespült. Keifen, jaulen, croonen – so klingt wirklich nur einer, auch wenn viele gerne Tom Waits wären. Man wähnt sich im flackernden Licht einer Straßenlaterne bei "Kiss Me Like A Stranger", man sieht einen zähnefletschenden Hund vor sich in "Satisfied". Und dann diese beängstigende Schlachtplatte "Hell Broke Luce" (Teufel auch!), in der einem die MG-Salven um die Ohren fliegen.

Aber im Gegensatz zu manch anderer Platte aus dem Schaffen des Kalifonriers macht „Bad as me“ fast schon Spaß. Und was für eine Geheimniskrämerei um die Platte: Vorab gibt’s für die Medien nur den Stream, fast zeitgleich können Fans die Platte auch auf der offiziellen Internetseite streamen – nachdem man sich den Code dafür hat zumailen lassen. Das ist demokratisch, Fans quasi zeitgleich den Zugang zur Musik zu verschaffen. Auf Medien hat Tom Waits noch nie viel gegeben. Sie feiern ihn trotzdem. Vollkommen zu Recht.

„Bad as me“ von Tom Waits erscheint heute bei Anti Records. Mehr unter www.tomwaits.com
Den Stream des Albums gibt's unter www.badasme.com

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