Donnerstag, 20. Oktober 2011

Hörtest: Polar Bear Club – Clash Battle Guilt Pride

Versetzen wir uns kurz in Gedanken in eine Konzerthalle. Wenn Polar Bear Club ein Konzertgänger wären, dann einer von der Sorte, die von ganz hinten nach ganz vorne stürmen, wenn die Band schon spielt. Und weil sie einen dabei unsanft anrempeln, aber eigentlich gut erzogen sind, drehen sie sich noch schnell um und rufen einem ein ernstgemeintes „Sorry!“ zu, bevor sie in der zuckenden, schwitzenden Pogomasse verschwinden.

Allerdings: Ihr Opener „Pawner“ würde es einem auf dem Konzert nicht leicht machen, loszupogen. Cleane Gitarrenakkorde, die ersten Gesangslinien, bei einer Minute der erste verzerrte Riff. Darf ich jetzt ausrasten? Nein, nochmal rausgezögert, und dann wieder angesetzt – ha, nochmal nur angetäuscht. Da lassen sie uns ganz schön zappeln, erst bei Minute zwei kommt dann der lavaartige Groove in die Gänge. Ungewöhnlich für Punkrock, bei zwei Minuten kommt ja meist schon der Schlussakkord in diesem Genre.

Aber Polar Bear Club sind auch nicht so beliebig wie viele andere Punkrocker. Im Gegensatz zu Heerscharen von Drei-Akkorde-Schrubbern schmeißen sich ihre Melodien einem nicht direkt an den Hals, verlangen schon nach ein paar mehr Hördurchgängen. Wer die aber investiert, bekommt mehr zurück als bei den Bands, die auf abgedroschene „Ohohoho“-Gesänge und plakative „Fuck The System“-Parolen setzen. Wenn man Emo so versteht wie das Jimmy Eat World getan haben – ohne Kajal und Heulerei, dafür mit jeder Menge Gefühlen und positiver Power – dann sind PBC irgendwie Emo-fiziert. Aber eben eher auf die Hot Water Music-Art. Apropos: In manchen Momenten klingen die fünf Amis aus Syracuse, New York, als hätten Chuck Ragan & Co. The Gaslight Anthem im Probenraum an die Wand geschrotet: Etwa in der Melo-Abfahrt „Religion on the Radio“. Diese Obertöne, dieser Refrain, diese schiere Wucht. An letzterer dürfte Produzent Brian McTernan nicht ganz unschuldig sein, der – oh Wunder – auch schon für Hot Water Music, aber auch für The Circa Survive die Knöpfchen gedreht hat. Die Gitarren klingen so muskulös wie die Waden des Hulk und sein ganzer Rest, aber auch das Schlagzeug hat schon mal die bezaubernde Anna Bolika kennengelernt.

Hymnisch, aber auch melancholisch klingen die Songs, die sich um weit mehr drehen als die typischen Punkrockthemen und die persönliche Einblicke zulassen. „Diese vier Worte – Clash Battle Guilt Pride – darum dreht sich doch alles. Das ist das Leben. Es ist ein Kampf. Die Leute missbilligen es, wenn Du Dinge tust, die Dich glücklich machen, und Du wirst Dich auch viel hinterfragen. Aber diese Fragen sind die interessanten. Auf die Art wächst man“, sagt Sänger Jimmy Stadt über das dritte Album.

Keine Frage: Dass man sich nicht in sein Leben reinreden lassen sollte, ist eine der Kernbotschaften. Für diese Unbequemheit steht vielleicht auch der Bandname: Normalerweise sind Eisbären Einzelgänger. Die Vorstellung, dass es einen Eisbären-Club geben könnte, ist fast schon märchenhaft, aber zumindest fantastisch. Und diese Band – ein Glücksfall für uns.

„Clash Battle Guilt Pride“ von Polar Bear Club ist am 16. September bei Bridge Nine Records erschienen. Mehr unter http://clashbattleguiltpride.com/ und unter http://www.myspace.com/polarbearclub

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