Sonntag, 23. Oktober 2011

Galerie der Klassiker: Neutral Milk Hotel – In The Aeroplane Over The Sea

Vorbemerkung: Weil diese Platte jede Woche mindestens einmal bei mir läuft und der aktuelle Anlass „Box-Set“ heißt, gibt es heute statt der Sonntags-Matinée einen Klassiker, den ich jedem ernsthaft interessierten Musikliebhaber ans Herz legen möchte.

Der Nachhall ist bis heute hör- und spürbar: Was Sänger und Songwriter Jeff Mangum und seine Band mit ihrem 1998er Album geschafft haben, macht ihnen so schnell keiner nach. Auch wenn der Rolling Stone die Genialität dieser Platte nicht gleich erkannte und beim Erscheinen des Albums nur 3 von 5 Punkten gab: Ein paar Jahre später waren sich alle einig, dass das hier ein Werk für die Ewigkeit ist.

Arcade Fire bezeichnen Neutral Milk Hotel als unglaubliche Inspirationsquelle. Ob The Decemberists auf ihrem aktuellen Album „The King is Dead“ so klängen, ohne diese verstörend-schönen Songs gehört zu haben – man weiß es nicht, aber es ist unwahrscheinlich. Auch The Rural Alberta Advantage klingen inspiriert von Jeff Mangum und Co. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Und sie haben alle Recht. Wir haben es hier mit einer der wichtigsten Platte im Indie-Rock zu tun, einer Platte, die in eine Zeitkapsel gehören würde. Oder in diese verschlüsselten Space-Nachrichten, mit denen wir Außerirdische unter anderem durch Johann Sebastian Bach-Werke davon überzeugen wollen, dass wir eine zivilisierte Spezies sind. 

Ein simples Riff auf der akustischen Gitarre, diese herrlich nasal-nölige Stimme, Melodika-Klänge: „The King of Carrot Flowers Part 1“ kommt noch leichtfüßig daher – man sollte allerdings auf den Text hören, dann weiß man schon, dass das hier kein Durchschnitt ist. Dann wird es kurz verschwurbelt: Zuerst die Stimme, die langgezogen klagend über Jesus singt, dann die völlig übersteuerten Gitarren, Bläser, und dann lärmt der Song sich selber in Grund und Boden. Der Titelsong „In the Aeroplane Over The Sea“ widmet sich dem Sujet des „Memento Mori“. Es ist Erinnerung an die Sterblichkeit, verbunden mit dem Wunsch, das Leben umso intensiver wahrzunehmen. Zu den Gitarren gesellen sich außerirdisch anmutende Klänge einer singenden Säge, die melancholische Atmosphäre bekommt dadurch einen gespenstischen Touch.

Überhaupt, was an Instrumenten auf diesem Album versammelt ist: Neben den Blechbläsern, die mal Totenmarsch-artig („The Fool“), mal feierlich-fröhlich tönen, trifft man auf Banjo, Akkordeon, Uillean Pipes und ein Kurzwellenradio. Ein kleines Orchester war es im Grunde, was hier musizierte, auch wenn der Name Mangum immer in den Vordergrund drängt. Und über dem Fuzz-Teppich der zerschossenen Gitarren thront immer die Stimme von Jeff Mangum, der sich in „Two Headed Boy“ die buchstäbliche Seele aus dem Leib singt. So leidend, so euphorisch, so verzweifelt und so wunderschön. Weil Jeff Mangum vor den Aufnahmen das Tagebuch der Anne Frank gelesen hatte, greifen Songs wie „Holland, 1945“ oder „Communist Daughter“ dieses Thema auf und verleihen dem Album lyrischen Tiefgang. Eindrucksvoll auch „The Penny Arcade in California“ mit seinem wirren Zusammenspiel von Uillean Pipes und seltsamen Sounds.

Glattpoliert ist hier nichts, die Songs sind nicht makellos, und dennoch perfekt. Das kommt alles aus tiefster Seele.

Dann kam der Rückzug, ebenso rätselhaft wie das Album: Es gab kein Auflösungsstatement, Jeff Mangum tritt solo auf, die anderen Musiker sind ebenfalls nicht untätig. Aber vermutlich haben sie sich einfach gefragt, wie sie das noch toppen sollen. Immerhin: Wir dürfen uns bald über unveröffentlichte Songs und ein Boxset freuen.

„In The Aeroplane over the Sea“ Neutral Milk Hotel ist am 10. Februar 1998 bei Merge Records erschienen. 2005 wurde es auf Domino Records wiederveröffentlicht. Erhältlich ist es z.B. bei Flight 13 Records
Und hier noch ein paar Hörbeispiele mit Standbild-Video (Solo-Auftritt von Jeff Mangum im Jahr 2001).

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