Donnerstag, 15. September 2011

Von Shaolin-Mönchen und Drachen: Mirko Gläser zeigt Bands Wege aus der Krise

Feuer und Flamme: Mirko Gläsers Workshop ist viel mehr
als nur ein Band-Seminar.                Foto: Daniel Drescher

Eigentlich müsste es „Manifest“ heißen, und nicht „Workshop“. Aber da man an einem Manifest nicht teilnehmen kann, an einem Workshop aber schon, muss sich Mirko Gläser diesen Terminus als Oberbegriff für seinen rund zweistündigen Vortrag überlegt haben. Der Labelmanager von Side One Dummy und Mitbegründer der Werbeagentur Cardiac Communication ist mit Justin Sane auf Tour und gibt Musikern Tipps, wie sie sich und ihre Band bekannter machen können. Aber es geht um viel mehr als Popularität und schnöden Mammon. Es geht um die Szene, um DIY, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl, um Aktivismus, darum, den Arsch hochzukriegen und verdammt nochmal etwas zu bewegen. Aber der Reihe nach.

Am Anfang steht die Krise – obwohl die Voraussetzungen so schlecht nicht wären: Immerhin 23 Milliarden Euro haben Jugendliche zwischen 16 und 24 im Jahr 2005 an verfügbarem Einkommen gehabt. Davon geben sie 2,6 Milliarden für Handyschnickschnack aus – aber gerade mal 0,8 Milliarden für Kultur. Und wenn immer weniger Platten gekauft werden, merken das auch die Künstler, die von einer 15-Euro-CD ohnehin nur 70 bis 80 Cent sehen. Den Rest schlucken Mehrwertsteuer, Händler und andere Beteiligte. Die Plattenverkäufe sind rückläufig, das weiß jedes Kind, aber die Zahlen, die Mirko dazu präsentiert, sind doch heftig. In den USA sind steht in den Jahren 2004 bis 2008 ein sattes Minus von 21 Prozent bei den CD-Verkäufen, in Deutschland sind es zwar „nur“ 4,7, aber da Labels gewöhnlich international agieren, ist das noch lange kein Grund zur Freude. In der Vergangenheit waren Plattenverkäufe die Haupteinnahmequelle der Plattenfirmen. Mirko zíeht ein drastisches Fazit: „Die Labels brechen weg“, prophezeit er. Fazit: Die Musiker müssen diese Lücke selber füllen, die Kreativ-Arbeit selbst übernehmen, die die Labels sonst machen.

Und da spielt das Internet eine riesige Rolle, das Musiker und Fan so nah wie nie zuvor zusammenrücken lässt: „Jetzt kann die finnische Death-Metal-Band Fans in Peru haben“, sagt Mirko Gläser. Doch die Kehrseite des Netztes lässt nicht lange auf sich warten: Wenn dank „Cloud Computing“ immer mehr Inhalte ins Netz abwandern, macht das auf lange Sicht CDs und MP3s den garaus, weil man mit Smartphones von überall und jederzeit auf die Wolke zugreifen kann – ohne Geld für die Inhalte auszugeben. Kleiner Trost: Vinyl lebt, weil es ein paar Nerds gibt, die Musik in dieser Form erleben wollen. „Sammler bedienen – Haptik, Baby!“ heißt das dann.

Die Chance für Bands liegt darin, direkt mit ihren Fans zu kommunizieren, sie mit einzubeziehen, ihnen vielleicht auch etwas vorzuleben – Stichwort politische Aktivismus zum Beispiel. Mirko spricht über das RRR-Modell (Respekt, Relevanz, Restriktionen) und über trojanisches Marketing (so auch der Titel des Vortrags „Von RRR bis Troja – Ideen gegen die Krise im Musikbereich“). Es wird auch mal betriebswirtschaftlich, wenn es darum geht, wie viel Geld eine Band zum Überleben braucht, aber nie trocken wie im BWL-Seminar. Warum präsentieren Sie uns an den Hochschulen eigentlich kaum Profs, die so Feuer und Flamme für Ihre Fächer sind?

Es geht noch um so viel mehr, Bands bekommen richtig gute Tipps, Ideen an die Hand, aber die wird nur umsetzen, wer wirklich Musik erschaffen und etwas bewegen will. Wer es auf die Kohle abgesehen hat, der könnte fürchten, dass er zuviel von sich investieren muss. Wer es wissen will, bekommt wichtige Ratschläge mit: Sei ein Shaolin-Mönch! Sei in Drache! Versteht Ihr nicht? Workshop angucken. Oder mindestens die Präsentation herunterladen. Aber nur, wenn Ihr es nicht zum Workshop selbst schafft.

Text und Foto: Daniel Drescher

Bei folgenden Terminen kann man den Workshop noch erleben:

15.09. DE - Hannover – Bei Chez Heinz
16.09. DE - Hamburg – Grüner Jäger
17.09. DE - Münster - Sputnikhalle
18.09. DE - Bonn – Bla
19.09. DE - Trier – Exhaus

Mit einem Ticket für die Justin Sane-Konzert ist man automatisch dabei.
VVK-Infos auf http://www.justinsane.net/

Die 148 Seiten lange Präsentation ist großartig gemacht, liebevoll gestaltet und ideenreich aufbereitet. Das PDF dazu gibt’s unter www.cc-ltd.net/promo/workshop

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen