Sonntag, 4. September 2011

Sonntags-Matinée: Richmond Fontaine - The High Country

Darf's ein depressives Hörspiel sein? Richmond Fontaine erzählen uns mit ihrem neuen Album "The High Country" eine Geschichte, in der es wenig Hoffnung, dafür umso mehr Gewalt, Tod und Drogen gibt. Lohnt sich trotzdem - oder gerade deshalb. Als Film würde sich man das ohnehin anschauen. 

Ein Blick auf das Coverartwork: Nebelverhangene Wälder, auf der Rückseite ein Holzlaster - Erinnerungen an die beste Serie der 90er-Jahre, David Lynchs grandios-groteske Meisterleistung Twin Peaks, werden wach. Und Tatsache: Das sind nicht die einzigen Parallelen, die sich hier finden. Dazu muss man wissen: Willy Vlautin, Mastermind der Alternative Country Band Richmond Fontaine aus Portland, Oregon, schreibt auch Bücher, "Motel Life" zum Beispiel. Daraus wird ein Film, den man laut imdb nächstes Jahr im Kino sehen soll. In den Hauptrollen: Dakota Fanning (Krieg der Welten, Twilight, Emile Hirsch (The Girl Next Door, Into The Wild) sowie Stephen Dorff und Country-Recke Kris Kristofferson (beide kennt man aus diversen Blade-Filmen). Der Spiegel schrieb über "Motel Life": "Der Folkrockmusiker Willy Vlautin findet in seinem poetischen wie kraftvollen Debütroman um zwei Verlierer, die sich tapfer bemühen, das Richtige zu tun, genau den richtigen Ton. Er schafft eine große Nähe zu seinen zutiefst menschlichen Figuren, ohne in Sozialkitsch abzugleiten." Womit wir wieder bei den Twin Peaks-Parallelen wären. Auch bei David Lynch ging es um Menschen, die sich in ihrem Handeln völlig verirren und verstricken, aber nie nur schlecht wirken.

Bei Richmond Fontaine gibt es allerdings keine Dämonen, keine Geister - hier kommt das Schlechte aus den Menschen selbst. Dabei will das Mädchen aus dem Laden, wo's die Autoteile gibt, doch nur raus aus ihrer erdrückenden Welt, weg von ihrem cholerischen Ehemann. Als sie sich in einen Mechaniker verliebt, gerät nach und nach alles aus den Fugen. Die Handlung spielt in einer ländlichen Dorfwelt, es gibt ein Sägewerk, es gibt die unheimlichen Wälder - déjà vu, irgendjemand? Mehr zu verraten, wäre unnötiges Spoilern. Der Reiz der Platte liegt darin, sich von den Songs in diese Geschichte ziehen zu lassen, von den langsam zurückgenommenen Instrumentalsprenkeln, den sich aufbäumenden Folkrock-Zupackern, der rauchig-schönen Stimme von Willy Vlautin. Es ist, als ob er uns hier einen Roman erzählt, dabei aber immer wieder zur Gitarre greift. Immer wieder wird das Tempo runtergeschraubt, mal gibt es Spoken Word Parts, mal wird die Handlung in Songs verpackt. Die Musik kommt mal rumpelig-rockig daher ("The Chainsaw Sea"), mal zupft er nur Begleitklänge auf der akustischen Gitarre ("The Meeting on the Logging Road"), mal kommt die Musik fast soundtrack-artig daher (The Eagles Lodge). Die Geschichte wird nicht nur erzählt, man hört die Handlung direkt mit, etwa in "Claude Murrays Breakdown". Durch 17 Songs, 49 Minuten, zieht sich die Plotline, die wenig Hoffnung auf ein Happy End macht.

Produziert hat das Ganze John Askew (The Dodos, Karl Blau). Die weiblichen Vocals steuert Deborah Kelley bei (The Damnations). Ein ambitioniertes Projekt, für dessen Genuss man sich Zeit nehmen sollte und das ziemlich gut zu einer Herbstplatte taugt.

"The High Country" von Richmond Fontaine erscheint am 9. September via Decor Records. Unter http://richmondfontaine.bandcamp.com kann man das Album bereits herunterladen. Mehr zur Band auch unter www.myspace.com/richmondfontaine

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