Sonntag, 18. September 2011

Sonntags-Matinée: Blitzen Trapper – American Goldwing

Möglich, dass sie damit nicht alle glücklich machen. Es könnte Leute geben, denen „American Goldwing“ zu sehr Stars and Stripes ist. Andererseits: Das Songwriting ist überzeugend, die Melodien klingen vertraut, aber nicht totgenudelt, und die Texte stecken voller gut beobachteter Details. Man muss ja auch keine Wissenschaft draus machen.

Der Retro-Boom ist in aller Munde. Hier die Rockabillys und -bellas, dort die Indie-Folk-Fraktion, da die C64-Gemeinde. Im Falle von Blitzen Trapper steckt aber möglicherweise auch noch etwas anderes dahinter als pure Nostalgie – auch wenn „American Goldwing“ zu allererst einmal danach klingt. Während Captain America als erster Avenger auf der Kinoleinwand die Nazis vermöbelt, beschwören Blitzen Trapper den musikalischen Geist vergangener Tage. Vielleicht steckt dahinter die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die USA noch eine intakte Wirtschaftsmacht war, noch keine halblegal inhaftierten Häftlinge folterte, noch (scheinbar) auf der guten Seite stand. Wobei diese Sehnsucht auch mit Selbsttäuschung zu tun hat: Gut, als die Amerikaner Nazis vermöbelten, da hatten sie den Ruf der gerechten Krieger noch. Aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging es da deutlich bergab – Korea, Vietnam, man braucht kein Historiker zu sein, um die Reihe fortzuführen.

Dabei holpert der Opener „Might Find It Cheap“ erstmal so kantig daher, als hätte Beck seine Finger im Spiel, lässt die Gitarren flauschig-fuzzig galoppieren und setzt akustische Zupfläufe dagegen. Dann übernimmt „Fletcher“ mit seinem wie von The Whos „Seeker“ entliehenen Intro die Regie, gießt uns in den Lyrics „Whiskey in the Jar“ und klingt nach Lynyrd Skynyrd nach einer dicken Tüte. Beschaulich auch „Love The Way You Walk Away“ mit seinem rührigen Text: „Drinking too much tonight and it ain't right / and a brand new coat of paint on this broke down palace couldn't compensate all the things i never really say to make you stay / cause I love the way walk away.“ Es geht um Bedauern, um den Blick zurück, mit dem Wissen, nichts mehr ändern zu können. Wäre „American Goldwing“ eine Serie, dann wäre es „Wunderbare Jahre“, diese Zeitreise in eine unbeschwerte Jugend, wo alles möglich schien und die Grenzen der eigenen Welt doch am Rand der Vorstadt endeten. Dahin kommt man auch gerne zurück, „I'm goin' back to my hometown“ singt Eric Earley. Mit einem Gefühl, das zwiespältig ist, weil man sich einerseits weiterentwickelt hat, andererseits keine negativen Gefühle gegenüber der Vergangenheit hegt. 

Der Titelsong klingt wie Tom Petty im Weltraum, warme Gitarren treffen auf Tastenklänge, Mundharmonika und dieses fahrlässig lässige Schlagzeug, das klingt wie ein extrem niedriger Ruhepuls eines Farmarbeiters. An mancher Stelle plätschert das Album fast schon dahin, aber warum sich auch hetzen? Zur Nostalgie gehört ja auch die Überzeugung, dass Stress eine Erfindung der Neuzeit ist. Mit „Stranger in a Strange Land“ klingt das Album zu sanften Pianotupfern aus. Man könnte wieder den Bogen zur Sehnsucht spannen: Fühlt sich hier jemand im falschen Film in seinem Land? Das Hauptproblem ist, dass schöne Erinnerungen trotzdem Vergangenheit bleiben – und man sie nur konservieren kann, sie aber nicht wieder lebendig werden.

„American Goldwing“ von Blitzen Trapper ist am 16. September bei Sub Pop erschienen. Offizielle Webpräsenz: www.blitzentrapper.net/home
Das Album im Stream könnt ihr hier hören.


Blitzen Trapper - American Goldwing by subpop

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