Dienstag, 13. September 2011

Konzertkritik: Justin Sane solo in Stuttgart

Justin Sane.
Support: Hello Piedpiper.
Zwölfzehn, Stuttgart, 11. September 2011.
Text: Daniel Drescher. Fotos: Daniel Drescher/Melanie Braith.



Punk geht auch ohne Stromgitarren:
Justin Sane in Stuttgart.
                            Foto: Daniel Drescher
Wenn er seine Band nicht dabei hat, machen wir's halt selber: Als Justin Sane - Polit-Aktivist, Veganer, Punkrocker und Anti-Flag-Sänger - am Ende seines Sets beim Auftritt im Zwölfzehn die Songs seiner Stammband auspackt und auf der akustischen Gitarre "Turncoat" und "The Press Corpse" schrammelt, bekommt er lautstarke Unterstützung bei den Backing-Vocals. Ein Pärchen aus Kalifornien ist da, sitzt am Rand des Raums und rotzt die Zwischenzeilen raus: "We're tired of lies we want the truth!" Logisch, dass ein Konzert von Justin Sane nicht ohne diese Manifest-Lieder enden kann, wobei: andere Künstler trennen da konsequenter zwischen Solo-Repertoire und Songsammlung der Stammband, fragt nur mal Farin Urlaub oder Bela B. Aber das ist auch eine Frage des Songwritings: So habe er "Turncoat" ursprünglich als Solo-Stück geschrieben, erzählt Justin Sane vor der Show im Interview mit Tinnitus Attacks, das Ihr in den nächsten Tagen hier lesen könnt. Bis seine Bandkollegen das Lied in die Hände bekommen haben - die wollten das Stück unbedingt für die Band und schufen damit einen der größten Hits und einen Klassiker, der neun Jahre später zwar anders klingt, weil der Gegner weg ist, aber nicht weniger relevant ist. Das erklärt übrigens auch, warum Justin es auf der aktuellen Seven Inch "Gas Land Terror" nochmal mit den Worten aus dieser Hymne versucht - und warum dieser Song nicht im Set auftaucht. Redundanz vermieden. 

Ansonsten sind Justin Sanes Songs persönlicher, aber - logo - nicht zwangsweise unpolitischer. Da ergreift Justin in "Thanks for the Letter" Partei für die Unverstandenen und Abgestempelten, die Stimme derart wütend, sich fast schon überschlagend, als wolle er mit seinem puren Stimmvolumen die Hirne durchpusten, um mehr Toleranz einzufordern. "For Pat" greift das Feindbild von den selbstzufriedenen Yuppies auf, denen SUV und Coffee to go über alles gehen. Und "College Avenue" dreht sich um die Kommilitonen - Justin hat Geschichte studiert -, die zwar gute Noten haben, aber trotzdem dumm wie Stockbrot sind. "Ich sah diese Typen und hatte Angst: Die werden mal große Firmen leiten", sinniert Justin in der Ansage, oder noch schlimmer: "Manche werden vielleicht sogar Präsident."

Obwohl Justin Sane 2002 sein Solo-Album "Life, Love, and the Pursuit of Justice" veröffentlicht hat, ist das hier seine erste Solo-Tour. Das Intime dieser Tour spiegelt sich auch darin wieder, dass im Zwölfzehn Wohnzimmer-Atmosphäre herrscht. Da, wo man tanzen könnte, stehen Sofas, Konzertgänger sitzen drauf, der Rest der rund 150 Zuschauer steht weiter hinten oder hockt am Rand des Raumes. Justin Sane ist weniger bombastisch als Frank Turner, weniger folkig als Chuck Ragan - aber euphorisch bei der Sache und so echt, dass man das Gefühl hat, einen ehrlichen Menschen vor sich zu haben. Sein simpel-effektives Gitarrenspiel transportiert Punk-Feeling auf die Akustikgitarre, mit energetischen Downstrokes und beachtlichem Tempo macht Justin Druck, zwischendurch pickt und zupft er kleine Läufe und Licks. Er plaudert viel auf der Bühne, könnte mindestens drei Songs mehr unterbringen, wenn er seine Ansagen kürzer hielte, aber man lernt auch etwas dabei: Dass das "61 c" aus dem Songs "61 c Days turn to Nights" nichts mit 61 Cent, sondern mit einer Straße zu tun hat etwa. Dass George W. Bush der schlechteste Präsident aller Zeiten war, ist hingegen niemandem neu – auch wenn ein Zwischenrufer irgendwas zu dem Thema zu sagen hat. Logisch, dass das Thema 11. September nicht unerwähnt bleibt.

Glücksgriff: Hello Piedpiper.
                  Foto: Melanie Braith
Wie nah Justin an seinen Fans ist und wie wenig er sich sympathischerweise als Rockstar sieht, zeigt eine kleine Szene am Rande des Konzerts: Nach dem Gig geht er auf ein Mädchen im Publikum zu. Er freut sich, dass sie da ist. Bevor er "On The Streets Tonight" spielt, diese Hymne auf die Nacht auf der Straße, erzählt er, dass ihm zwei Mädchen den Song geschrieben und geschickt hätten - sie ist eine von ihnen und sie ist da. Wie schön, dass es eine Szene gibt, in der Musiker ihre Fans Ernst nehmen und nicht nur als Klatschfutter sehen. 

Ein Glücksgriff übrigens auch Fabio Bacchet alias Hello Piedpiper. Mit seinem unaufgeregt-melancholischen Akustik-Sound und nachdenklichen Lyrics lässt er in Stuttgarts stylishstem Club (Leopardenfell! Pailettenvorhänge!! Woher wisst Ihr, wie mein Wohnzimmer aussehen soll, wenn ich groß bin?) Platz für die leisen Zwischentöne. Die Stimme des Kölners dringt in manchen Momenten gar in die intensiven Sphären eines John K. Samson (The Weakerthans) vor. Zwei Mikrofone stehen auf der Bühne, manchmal schnippt Fabio einen Takt mit den Fingern, der Recorder schneidet mit, gibt das wieder, ein andermal begleitet ihn eine Gitarren-Schleife. Bis der letzte Akkord verklungen ist.

Goodbye Piedpiper.

Bis zum nächsten Mal.

Mehr Fotos vom Konzert findet Ihr auf der Facebook-Seite von Tinnitus Attacks

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