Mittwoch, 14. September 2011

Interview: Justin Sane im Gespräch mit Tinnitus Attacks

Geschichts-Kenner, Polit-Aktivist, Songwriter: Justin Sane kennt man als Sänger von Anti-Flag, derzeit ist er aber solo unterwegs und kommt ohne Bass und Schlagzeug aus. Zwischen veganem Barbecue und Bühne nahm sich der Musiker vor seinem Auftritt am vergangenen Sonntag in Stuttgart Zeit für ein ausführliches Interview mit Tinnitus Attacks. Im Gespräch mit Daniel Drescher redet er über den 11. September, darüber, was man von Anti-Flag nächstes Jahr erwarten kann - und warum Obama Bush nicht unähnlich ist.

Tinnitus Attacks: Wir sitzen heute - am 11. September - zusammen und da muss die Frage kommen: Erinnerst Du Dich noch, wie Du diesen Tag vor zehn Jahren erlebt hast?

Intelligenter Gesprächspartner:
Justin Sane im Interview.
                             Foto: Melanie Braith
Justin Sane: Das weiß ich noch ganz genau. Wir waren mit Anti-Flag auf dem Weg ins Studio, um Songs für die Mobilize-EP aufzunehmen. Zuerst haben wir nicht kapiert, wie schlimm das war. Ich hörte Sports-Talk und der Moderator sprach über ein Flugzeug, das ins World Trade Center geflogen war. Ich wunderte mich, weil sie sonst ausschließlich über Sport reden. Und im Fernsehen hatte auch noch niemand eine Ahnung, wie schlimm es werden würde. Man ging noch von einem Kleinflugzeug aus, wusste nicht, dass es ein Passagierflugzeug war. Dann kam das zweite Flugzeug und uns wurde klar, dass die Lage ernst war. Wir entschlossen uns, an diesem Tag nicht aufzunehmen. In den USA gab es nahezu unmittelbar den Ruf nach Rache. Ich habe Geschichte studiert und mir ist klar, was die amerikanische Regierung in den vergangenen Jahrzehnten getan hat, besonders seit dem Kalten Krieg. Für mich kam der 11. September nicht überraschend. Chile hatte seinen 11. September 1973.

Tinnitus Attacks: Du meinst den Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende.

Justin Sane: Richtig. Die USA haben an vielen Orten auf der Welt ungerechte Dinge getan. Es gibt viele Menschen, die wütend auf die USA sind. Ich dachte: Das passiert also, wenn eine Regierung andere Menschen niedermacht. Davon handelt auch unser Lied „When You Don’t Control Your Government People Want To Kill You“ auf „The Terror State“. Wir schrieben „911 For Peace“ und brachten es recht schnell raus, weil wir gerade im Studio waren. Ich wollte eine alternative Sicht der Dinge präsentieren, weil viele Menschen nach Vergeltung riefen und Angst hatten. Mir war wichtig, dass die Leute darüber nachdenken, was wir durchs Töten und Krieg führen überhaupt gewinnen. Ich wollte, das die Leute über die Gründe für die Anschläge nachdenken und fragen, warum das passiert ist. Denn das tat keiner.

Tinnitus Attacks: Wie siehst Du das heute?

Justin Sane: Zehn Jahre später habe ich nicht das Gefühl, dass wir etwas gelernt haben. Ganz aktuell: Gaddafi war ein Unterdrücker. Die Nato hat geholfen, ihn zu stürzen und alle tun so, als habe das humanitäre Gründe. Aber Saudi-Arabien zum Beispiel ist einer der größten Verbündeten der USA und sehr repressiv. Bahrain ist sehr repressiv und schlägt demokratische Proteste nieder. Aber die USA haben demokratische Proteste dort nicht unterstützt. Warum? Weil sie eine Flotte dort stationiert haben. Bahrain ist den Firmen und dem Militär der Usa wohlgesinnt. Wenn es um Libyen geht, will die USA vom Öl dort profitieren und seine Unternehmen dort Gewinne machen lassen. Da muss man doch wenigstens konsequent sein: Wenn Du es in Libyen tust, dann musst Du es auch in Bahrain machen. Aber wie schon in Afghanistan und im Irak: Das ist Imperialismus. Es soll gut für die Großkonzerne sein, aber es geht nicht um Gerechtigkeit.

Tinnitus Attacks: Ein anderes Thema: Mir war nicht bewusst, dass Anti-Flag nicht mehr ganz so erfolgreich sind, seitdem Obama Präsident ist.

Justin Sane: Es war kein großes Thema für uns. Aber für jeden Künstler, der wegen George W. Bush politisiert war, war das Ende des Bush-Regimes etwas, wo es einen Schritt zurück ging, um sich davon zu erholen. So ging es im Grunde jedem. Musik kann wie eine Parole für die Leute sein, aber als George W. Bush weg war, brauchte man das nicht mehr so intensiv. Plötzlich hatten alle das Gefühl, eine Pause machen zu können.

Tinnitus Attacks: Bist Du enttäuscht von Obama? Die Erwartungen an ihn waren ja riesig.

Daniel Drescher (links) im Gespräch mit Justin Sane.
Foto: Melanie Braith
Justin Sane: Meine Erwartungen waren anders. Mir war klar, dass er aus dem Mainstream der Demokraten kam, die sehr konservativ sind. In den USA gelten die Demokraten als liberal, aber in Deutschland würde man sie konservativ nennen. Obama hat während seines Wahlkampfs viele Versprechungen gemacht, ich hab nichts davon geglaubt. Und ich bin glücklich...nein, eigentlich bin ich traurig, dass ich richtig lag. Mir war klar, dass er nicht der Messias ist. Klar, es ist schade, dass er das nicht ist. Ich hätte mich gefreut, wenn er diese Erwartungen erfüllt hätte.

Tinnitus Attacks: Was kritisierst Du an Obama?

Justin Sane: Obama ist fast identisch mit Bush. Wenig hat sich verändert. Er hat die Zahl der Truppen in Afghanistan aufgestockt. Gut, er hat die Zahl der Soldaten im Irak reduziert. Aber dafür sind die Zahlen der Söldner dort eben gestiegen, die von der US-Regierung bezahlt werden. Es ist viel Blendwerk dabei.
Sie nennen die Söldner offiziell „Private Contractors“.

Tinnitus Attacks: Du meinst Firmen wie Blackwater, die auch in der deutschen Presse ein Thema waren.

Justin Sane: Exakt. Oder ein anderer Punkt: Bush wollte neue Atomkraftwerke. Obama will auch neue Atomkraftwerke, sogar nach Fukushima. Während Ihr in Deutschland unter dem Eindruck von Fukushima Atomkraft abschafft, will Obama sogar neue. So läuft es in allen Politikfeldern. Ist Guantanamo geschlossen worden, wie Obama angekündigt hat? Nein.

Tinnitus Attacks: Wie siehst Du Obamas politische Bilanz bisher?

Justin Sane: Er hat eine Gesundheitsreform verabschiedet, die komplett wirtschaftsfreundlich ist. Das Gesetz ist für die Konzerne gut, aber nicht für die Menschen. Das gilt auch für andere Dinge: Wenige Monate nach der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko haben andere Ölfirmen schon wieder die Genehmigung, im Ozean zu bohren. Ich könnte noch ewig so weitermachen. So ist es mit Obama, er ist ein sehr wirtschaftsnaher Präsident. Für seine nächste Wahlkampagne wird er eine Milliarde Dollar ausgeben. Wenn er gewinnt, wird er der erste Miliarden-Präsident der USA sein. Man braucht keinen Raketenwissenschaftler, um zu sehen, auf wessen Seite er steht. Schau Dir an, was in Sachen Wall Street passiert ist. Nichts. Es gibt viele, die verantwortlich für diese Misere sind, die im Weißen Haus arbeiten. Es ist einfach armselig und entmutigend. Bush sagte sich „Scheiß drauf, ich mach was ich will“. Obama ist ein Blender. Der Unterschied ist nicht so groß. Wenn die Leute das nicht erkennen, wird es immer schlimmer. Die Lücke zwischen Arm und Reich wächst. Wir befinden uns auf einem zerstörerischen und ungerechten Pfad.

Tinnitus Attacks: Ihr wart ganz vorne mit dabei in der „Rock Against Bush“-Bewegung, Eure Platten wurden dafür aus Läden verbannt, aber Ihr hattet auch Unterstützer wie den Demokraten Jim McDermott. Wie war es für Euch, so gegen den Strom zu schwimmen? Und beeinflusst es Dein tägliches Leben?

Justin Sane: Wir sind in guter Gesellschaft mit Michael Moore, Rage Against The Machine und Rise Against. Wir erhielten auch Todesdrohungen per Mail. Wenn Du ein Konzert spielst, weißt Du nicht, ob jemand Dich dort bedrohen oder Dich töten will. Das ist nervzehrend. Menschen wie Ghandi, die auch in Gefahren für Ihre Überzeugungen eingestanden sind, inspirieren mich. Es ist wichtig, sich nicht einschüchtern zu lassen. Denn darum ging es ja: Rechtsgerichtete Extremisten, die uns das Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen wollten. Interessanterweise kommen jetzt auch viele Menschen zu mir, die sagen: Früher habe ich Dich für ein Arschloch gehalten, aber Du hattest Recht, der Irakkrieg war eine Lüge, sie haben die Tragödie des 11. Septembers missbraucht, um andere Länder anzugreífen. Wenn Du zu dem stehst, was Du glaubst, kann die Zeit beweisen, dass Du Recht hast.

Tinnitus Attacks: Stichwort Musik: Mit Anti-Flag arbeitest Du ja an einem neuen Album. Wann dürfen wir es hören?

Justin Sane: Moment, ich dachte, dieses Interview dreht sich um mich...(lacht). Nein, Spaß. Wir bringen es nächstes Jahr auf Sideonedummy raus. Es hat noch keinen Titel, aber dafür großartige Songs. Theoretisch könnten wir die Platte heute veröffentlichen, aber wir wollen noch ein paar mehr Songs aufnehmen. Speziell mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre gibt es Dinge, über die ich noch etwas schreiben möchte.

Tinnitus Attacks: Wir man Euch nächstes Jahr auch auf Tour sehen oder Dich solo?

Justin Sane: Ich hätte Bock auf beides. Aber man wird mich nicht mit Anti-Flag Solo-Songs spielen sehen. Ich hab die Jungs gefragt, das wollen Sie nicht.

Tinnitus Attacks: Wenn Du einen Song schreibst, woher weißt Du, ob er für Anti-Flag oder Dich als Solo-Künstler ist?

Justin Sane: Gute Frage, ich dachte Du fragst, woher ich weiß, ob er Scheiße ist oder nicht. Nein, im Ernst: Manchmal weiß ich es einfach. Musikalisch klingt es nicht so sehr nach Anti-Flag. „Thanks for the Letter“ oder „Worst Case Scenario Survival Handbook“ klingen nicht wie Songs, die ich mit den Jungs schreibe. Meine Solosachen sind langsamer, ruhiger, das würden die Jungs nicht machen. Normalerweise spiele ich meine Solosachen meinen Bandmates vor. „Turncoat“ habe ich eigentlich für mein Soloalbum geschrieben, aber dann hörten es die Jungs und sagten, Moment, das müssen wir für Anti-Flag nehmen. 

Tinnitus Attacks: Du hast kürzlich gesagt, Dein Solo-Projekt soll Anti-Flag nicht ersetzen. Gilt das weiterhin?

Justin Sane: Ja, mehr denn je. Mit Anti-Flag haben wir uns das klare Ziel gesteckt, politisch aktiv zu sein. Solo will ich machen, was ich will. Es kann politisch sein, ein Liebeslied oder es kann von meiner Katze handeln. Es soll mir einfach freigestellt sein. Und: Wenn man in einer Band ist, macht man Kompromisse. Solo hab ich die Freiheit, einfach zu tun, was ich will.

Tinnitus Attacks: Viele kennen Dein Soloalbum von 2002 gar nicht. Fühlst Du Dich als Trendsetter? Frank Turner oder Chuck Ragan waren später dran...

Justin Sane: Für Chuck war es ein logischer Schritt in seiner musikalischen Entwicklung. Es ist cool, zu wissen, dass ich es vor allen andere gemacht hab. Aber ich hab das nicht getan, um einen Trend zu kreieren. Ich finde es nur schade, dass ich nicht drangeblieben bin damals. Es ist so großartig, das jetzt zu machen. Die Solo-Tour läuft wirklich gut. Es ist einfach toll, wenn 100 Leute kommen – ich wäre schon über 5 froh.

Tinnitus Attacks: Du bist heute in der Landeshauptstadt der Häuslebauer. Du baust selbst gerade ein Haus. Was für Erfahrungen hast Du gemacht?

Justin Sane: Ich baue es tatsächlich selber. Mein Vater war Zimmermann, Pittsburgh ist eine Arbeiterstadt, jeder hat mit seinem Vater gearbeitet. Es ist ein Haufen Arbeit. Eine Band haben und solo unterwegs sein und ein Haus bauen – das ist ein Alptraum. Aber es ist sehr zufriedenstellend. Immerhin ist das Ende der Arbeit in Sicht. Obwohl die Arbeit wohl nie ganz aufhört.


Ihr habt das ganze Interview gelesen? Respekt. Es war lang, aber Justins Antworten waren so ehrlich und wichtig, dass man kaum kürzen konnte. Tinnitus Attacks sagt Danke an Mirko Gläser von Sideonedummy für das Interview. Mehr Justin Sane auf meinem Blog: Der Konzertbericht aus Stuttgart, hier Rezis zu Justin Sanes Solo-Album und seiner neuen Seven Inch

Aufgezeichnet von Daniel Drescher. Fotos: Melanie Braith. Copyright: Tinnitus Attacks. 

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