Donnerstag, 8. September 2011

Hörtest: The Horrible Crowes - Elsie

Kein Album, was gleich explodiert. Aber nach dem fünften Hördurchgang will man es nie wieder hergeben. Brian Fallon fügt seiner ohnehin an Highlights nicht eben armen Musiker-Biografie eine düster schimmernde neue Facette hinzu. Düster, soulvoll, tröstlich.

Gut, dann glaubt er eben nicht an die Evolutionstheorie. Dann hat er sich eben im VISIONS-Interview als gläubiger Christ geoutet. Ja mei. Mal ehrlich, da haben andere Musiker schon größeren Stuss über Religion erzählt. Und gegen etwas harmlosen Satanismus hat ja in der Musikszene auch niemand etwas, also warum hier so ausflippen? Irgendwie ist es ja schon wieder Punkrock, sich in einer zumeist atheistisch geprägten Szene zu so etwas zu bekennen – gerade wenn man weiß, dass das in Europa nicht unbedingt ein Verkaufsargument ist. Lassen wir Randnotiz Randnotiz sein und wenden uns dem Wesentlichen zu: der Musik.

In der Hinsicht überzeugt „Elsie“ auf der ganzen Linie. Und so sehr, wie man nach dem Vorab-Song „Behold The Hurricane“ gedacht hatte, klingt das gar nicht nach Fallons Stammband The Gaslight Anthem. Ok, in „I Witnessed A Crime“ zitiert die cleane Gitarre leicht variiert, aber ganz unverhohlen ein Lick aus „Old Haunts“ vom „American Slang“-Album. Geschenkt. Auch treten die Einflüsse, die ja von Anfang an offen benannt waren, offen hervor. Da schwingt eine latente Grundmelancholie mit, The National lassen grüßen. Da geht es düster wie bei den Afghan Wigs zu. Und Tom Waits wird eh Tribut gezollt: Man höre nur mal das stampfende „Mary Ann“. 

Aber was Brian Fallon und Ian Perkins (von dem es überall nur heißt "der Brite") hier zusammengestellt haben, fühlt sich harmonisch an, ungekünstelt. Mancher Song schmiegt sich so an Dein Herz wie Regen, der an einem kalten Tag anheimelnd an einer Fensterscheibe runterläuft, wie das wunderschöne „Black Betty and The Moon.“ Manches Stück dreht Dein Herz aber auch durch einen Fleischwolf, bis nur noch Fetzen übrigbleiben. „Go Tell Everybody“ ist so eines mit seinem bitteren Text: „I was a man of great sympathy when I loved you, baby / but tonight all my sympathy is gone“. Je öfter er diese Zeile wiederholt, desto verzweifelter klingt sie, desto waidwunder schreit er sie in den dunklen Nachthimmel, man kann ihn sich dabei gut durch das erleuchtete New York streunen vorstellen.

Das abschließende „I Believe Jesus Brought Us Together“ gefällt mit einem der besten Texte, die Brian Fallon je gesungen hat: „Did you say your lovers were liars? All my lovers were liars too. Did you say you were afraid of dying? I ain't lived a single day without you.“ Und weiter: „Do you want to come over? I was just about to call you. Did you say you were lonely? I was just about to miss you.“ Niemand sonst ist derzeit zu solch lyrischen Großtaten fähig. Brian Fallon in der Rolle des sinnierenden Barpianisten, der sich selber Klavierklänge draufgeschafft hat – das ist auch neu.

Doch auch für die Zukunft von Gaslight Anthem könnte das etwas bedeuten: Zum einen sind seine Bandkumpanen Ben Horowitz und Alex Rosamilia auch hier mit von der Partie, zum anderen hat Fallon für das nächste Album ja bereits (noch) gemäßigtere Klänge – a la Dire Straits – angekündigt. Man muss den Weg schon mitgehen, um das noch zu genießen. Wer „Sink or Swim“ als Evangelium sieht, wird mit dem schwarzblauen „Elsie“ seine Schwierigkeiten haben.

„Hymnen für einsame Menschen“ sieht Brian Fallon in diesem Album und sagt: „Es ist ein echter Trip durch einen seelischen Zusammenbruch, der Hang dem Wahnsinn zu verfallen und der erhofften Erlösung.“ Die Erlösung heißt bei Fallon eben Glaube. Wem das nicht passt, der verpasst ein wirklich gutes Album.

„Elsie“ von The Horrible Crowes erscheint am 9. September bei Sideonedummy. Mehr unter http://www.thehorriblecrowes.com/. Die Platte könnt Ihr hier im Stream hören (siehe unten). „Go Tell Everybody“ gibt es auf iTunes gerade als Gratis-Download.

The Horrible Crowes "Elsie" by SideOneDummy

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