Freitag, 23. September 2011

Galerie der Klassiker: Type O Negative – World Coming Down

Subjektive Vorbemerkung: Ein doomiger Fiebertraum, der für mich vor zwölf Jahren zu den wichtigsten Platten überhaupt zählte. Pünktlich zum Herbstanfang wieder ausgegraben bzw. gebraucht gekauft, weil die Orginal-CD damals einem Verkaufsrausch und Wandel des Musikgeschmacks zum Opfer gefallen war. Aber Klassiker holen einen eben wieder ein.

Nein, das hatte keiner kommen sehen. Nach dem geradezu kommerziellen „October Rust“ traf den geneigten Düster-Metaller „World Coming Down“ unvorbereitet wie eine Abrissbirne in die Magengrube. Das lag an sperrigen Songs wie dem Opener „White Slavery“ mit ihren nicht gerade am Airplay orientierten Strukturen und den ausufernden Minutenzahlen. An der Produktion, die die Gitarrenriffs wie säurezerfressene, verrostete Scharfkantsplitter in einem tristen Halbdunkel stehen ließ. Trotzdem – oder gerade deswegen – anvancierte das 1999er Album zum Highlight vieler Fans in der Diskographie der zynischen New Yorker Truppe um Pete Steele, der am 14. April 2010 an Herzversagen starb. Stichwort Tod: Der zieht sich wie ein roter Faden – oder vielleicht eher wie ein schwarzer Trauerflor – durch das Album, die Songtitel sprechen Bände: „Everyone I love is dead“ oder „Everything Dies“ sind da nur die augenscheinlichsten, aber auch in „All Hallows Eve“ oder „Creepy Green Light“ spielt das Thema eine tragende Rolle.

Type O Negative hatten mit ihrer Mischung aus zähen Lava-Riffs, wie sie Black Sabbath schon viel früher geschmiedet hatten, melancholischer Atmosphäre, der kehlig-röhrenden Stimme von Pete Steele und den trotz aller Düsternis gefälligen Melodien ihren eigenen Kreativkanon geboren und daraus bösartige Song-Monumente geschaffen, die einen bis in den Traum verfolgen konnten. Und auch Jahre später tauchten die Lieder wie aus dem Nichts auf und bahnten sich den Weg in die Sphäre des Hirns, wo man wahnsinnig wird, wenn man den Song jetzt nicht gleich in voller Länge und mit maximaler Lautstärke hört. Magische Momente gab es zuhauf. Petes Aufschrei „Goddammit!!“ in „Everyone I love is dead“. Sein beinah schon friedvoll resignierter Gesang in "Everything Dies". Das Wechselspiel von voluminösem Gesang und gedämpften Riffs in „Creepy Green Light“ ab Zählerstand 1:15. Der unwiderstehliche Chorus im Gitarrenkreisel „Pyretta Blaze“ – alles geistige Lesezeichen, die auch Jahre später nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Und auch der krude Humor der Band taucht wieder auf, wenn auch dezenter im Hintergrund der düsteren Songsammlung, etwa im vollkommen ernst gemeinten Beatles-Medley, mit dem das Album endet, oder wenn in den Danksagungen der „Bensonhoist Lesbian Choir“ auftaucht. Und kurios: Wenn man zu diesem Album Bilder im Kopf hatte, waren sie immer Schwarz-Grün, wie das Cover mit der Brooklyn Bridge.

Ich muss zugeben, dass ich nach diesem Album die Band etwas aus den Augen verloren habe. „Life Is Killing Me“ und „Dead Again“ sind an mir vorbeigegangen. Aber wenn diesen Herbst die Nebelschwaden über den Straßen liegen, werde ich mich an der zerrissenen Glut von „World Coming Down“ wärmen. Und die beiden Nachfolger-Alben werden auch noch irgendwann in meinem Regal stehen.
Pete, Du fehlst.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen