Sonntag, 28. August 2011

Sonntags-Matinée: Glen Campbell - Ghost on the Canvas

Was ist los? Werden wir älter und Country deshalb hörbarer? Oder werden die Country-Sänger cooler je älter sie werden? Die Realität spielt sich wohl irgendwo dazwischen ab. Glen Campbells „Ghost on the Canvas“ ist ohnehin ein Ausnahmefall. Um die Songs zu verstehen, muss man die Geschichte dazu kennen.

Dieses Album ist das letzte, das man je von dem 75-Jährigen hören wird. Bei Glen Campbell wurde Alzheimer diagnostiziert, wie im Juni bekannt wurde. Mit dieser Platte und einer Abschiedstour im Herbst (Termine werden noch bekannt gegeben) beendet der Mann seine Karriere. Da wirkt der Titel „Ghost on the Canvas“ („Geist auf dem Gemälde“) und das Plattencover, auf dem alles um ihn herum ins neblig Trübe gleitet, fast wie eine düsterer Blick in die Zukunft. Viele Musiker zollen dem Country-Sänger auf seinem letzten Werk Tribut: So gibt es unter anderem Songs aus der Feder Paul Westerberg (früher Sänger der Replacements) und Jakob Dylan (Sohn von Bob Dylan) zu hören. Viele verschiedene Musiker greifen auf „Ghost on the Canvas“ zum Instrument: Surf-King Dick Dale („Miserlou“), Rockabilly-Held Brian Setzer oder Chris Isaak und gar die komplette Dandy Warhols-Riege sind dabei. Viel Namedropping, aber wer ist dieser Glen Campbell eigentlich?

Nur mal so zur Einordnung: Glen Campbell ist nicht irgendein Redneck mit einer Gitarre. Er ist derjenige, der Songklassiker wie „Wichita Lineman“ (das Jimmy Webb für ihn schrieb und Johnny Cash später covern sollte) oder „Rhinestone Cowboy“ zu verantworten hat. Als Studio-Gitarrist gehörte er zur „Wrecking Crew“, die ihren Sound auf zahlreichen Alben der 60er und 70er Jahre verewigt haben. Für Frank Sinatra, Simon & Garfunkel, Phil Spector und den King höchstpersönlich, Elvis Presley, war die Crew im Studio. 1964 ging Campbell mit den Beach Boys auf Tour, griff für sie zu Mikro und Bass, und spielte Gitarre auf dem heute noch legendären Album „Pet Sounds“. Ach ja: In der Urprungsversion von „True Grit“, dessen Remake die Coen-Brüder ja dieses Jahr als famos inszenierten Western in die Kinos brachten, trat Glen Campbell an der Seite von John Wayne auf. Zugegeben: Wer sich ältere Videos von ihm bei Youtube zu Gemüte führt, wird das möglicherweise zu glatt und schmalzig finden. Ähnlich wie Schnulzensänger Pat Boone hat Glen Campbell eine Platte mit Coverversionen von Songs „angesagter“ Künstler aufgenommen, darunter Tom Petty, die Foo Fighters und Green Day. In seiner Fernsehshow „The Glen Campbell Goodtime Hour“ traten neben Ray Charles auch Johnny Cash, Willie Nelson oder Merle Haggard auf. Unnötig zu erwähnen, dass er zahlreiche Grammys gewann und tonnenweise Alben verkauft hat. Wie die meisten in diesem Business hatte auch er seine Absturz-Phase, als sich Alben nicht mehr verkauften, trösteten die Drogen, aber auch Campbell berappelte sich wieder. Campbell ist so einer, mit dem vielleicht auch Bela B. mal gerne was aufnehmen würde (nachdem er schon mit Lee Hazlewood im Studio war). Soviel zur historischen Legitimation.

Die Aufs und Abs läuten auch das Album ein: „I’ve tried and I have failed Lord/I’ve won and I have lost/I’ve lived and I have loved Lord/some times at such a cost“ heißt es da zu den ersten gezupften Tönen auf der Akustischen in "A better Place", aber es ist kein verbitterter Blick zurück: „One thing I know/the world’s been good to me.“ Das kurze Video dazu gibt es unten zu sehen. Und in den ersten Momenten dieses sentimentalen Openers, der ein Leben auf den Punkt zu bringen scheint, hat Glen Campbells Stimme fast die brüchig-intime Intensität des späten Johnny Cash. So kontemplativ und melancholisch wie auf dessen „American Recordings“ geht es hier allerdings nicht zu. Der Titelsong „Ghost on the Canvas“ versammelt Streicherschmelz und geschmeidige Melodien. Ach ja: Sollte ich jemals in einer Shopping-Mall vor Zombies Zuflucht suchen, soll bitte dieses Lied über die Lautsprecheranlage schallen. Song wie „A Thousand Lifetimes“ oder „It’s Your Amazing Grace“ wirken wie Danksagungen, wie Liebesgrüße eines Menschen, der Angst hat, sich vielleicht schon bald nicht mehr zu erinnern.

Dann das herausragende „In My Arms“: Da bekommt Campbell die schon erwähnte Unterstützung von Chris Isaak, Dick Dale und Brian Setzer. Das hört man dem Song sofort an. Der Anfangsbeat klingt klar nach Dale, der Erfinder des Surfsounds steuert auch ein großartiges Solo bei, Brian Setzer zieht ebenfalls alle Register. Mit Lap Steel Guitar gibt’s stellenweise sogar Hawaii-Feeling. Das müsste eigentlich auch Rockabilly-Afficionados gut reinlaufen. „Strong“ mit den Dandy Warhols fährt wieder geballte Streicher auf und klingt wie eine Kampfansage an die Krankheit. Beim abschließenden „There’s no Me without You“ sind Billy Corgan (Smashing Pumpkins) Rick Nielsen (Cheap Trick) und nochmal Brian Setzer dabei. Orchestraler Bombast trifft auf Gitarrenzaubereien. Der letzte Akkord erklingt in Dur. Trotzdem lässt einen die Platte irgendwie mit einem wehmütigen Gefühl zurück. Abschiede sind niemals einfach.

"Ghost on the Canvas" von Glen Campbell erscheint am 2. September bei Surfdog Records. Mehr unter http://surfdog.com/glencampbellshow/index.html

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