Donnerstag, 11. August 2011

Konzertkritik: Hot Water Music in Lindau

Hot Water Music
Support: Car Drive Anthem, Make Do and Mend
Club Vaudeville, Lindau, 10. August. 
Text und Fotos: Daniel Drescher

Chris Wollard.           Foto: Drescher
Für Nostalgie sind Hot Water Music eigentlich noch zu relevant. Trotzdem hängt einem der Gedanke nach: "Dass ich das noch erleben darf." Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Chuck Ragan, Chris Wollard, Jason Black und George Rebelo wieder gemeinsam auf Tour sind. Zwischenzeitlich lagen Hot Water Music auf Eis, Chuck Ragan hatte sein Solo-Projekt, Wollard, Black und Rebelo gründeten mit Todd Rockhill The Draft, Rebelo saß zuletzt noch für Against Me! am Schlagzeug. Wenn Bands Schaffenspausen ankündigen, muss man nicht unbedingt Hoffnung haben, dass nochmal was geht. Und wenn man sieht, dass Punkbands wie Alexisonfire sich trennen, weil der Frontmann solo mehr Spaß hat, gleich zweimal. Aber Hot Water Music sitzen fest im Sattel. Chuck Ragans Solo-Album, das im September erscheint, und die Revival-Tour, auf der sich Reibeisen-Chuck mit Brian Fallon und anderen Kollegen akustisch betätigt, sind Nebenprojekte, die auch am Merch-Stand präsent sind, aber sie rütteln scheinbar nicht an Hot Water Music. Zum Glück.


Chuck Ragan.    Foto: Drescher
Denn spieltechnisch und songschreiberisch sind die vier Männer mit ihrem Gebräu aus Post-Hardcore und Punkrock immer noch über alle Zweifel erhaben. Wuchtig der Einstieg mit "A Flight And A Crash", und dann mit "Giver" groovig nachgelegt. Chuck Ragan erkennt man (also mir ging es zumindest so) auf den ersten Blick gar nicht, so ganz ohne Bart sieht er eher nach Youngster aus als nach gestandenem Frontmann. Was Ragan im Gesicht fehlt, sieht man dafür im Publikum umso häufiger: Der Bart ist tatsächlich die neue Iro, wie die Visions mal vermutete. Gerne kombiniert mit Band-Shirts, die eine gewisse Nähe zu Vorbildern wie Hot Water Music nicht verleugnen: Muff Potter etwa, oder auch Touché Amoré. Aber das ist ja auch ok, bleibt alles in der Familie. Dass die Vorbands genauso gut ins Programm passen, hat man da bereits erlebt: Die Schweizer "Car Drive Anthem" liefern solide gestrickte Songs, handwerklich unantastbare Fähigkeiten und zornige Vocals. Es muss wirklich viele bärtige Männer Ende 20 geben, die eine Menge Aggressionen haben. Cool, wenn Musik daraus wird. "Make Do and Mend" aus Boston dürften schon ein bisschen älter sein, sind aber die Gewinner des Abends. James Carroll ist ein überaus charismatischer Frontmann und kommt sehr sympathisch und grundehrlich rüber. Ein wenig wirkt die Band wie der böse Zwilling von Jimmy Eat World, mehr Krach, weniger Pop, und natürlich klingen auch Hot Water Music etwas durch.

Hot Water Music in Lindau.             Foto: Drescher
Zurück zum Headliner HWM: Melodisch und mitsingbar wird's bei "Trusty Chords", diesem treibenden Energieriegel von "Caution". Die Gainesville-Mucker lärmen sich durch ihren Backkatalog, spielen ihre Stärken - ausgefeilte Gitarrenarbeit und heiser-bellende Vocals - voll aus. Auch die beiden Songs der neuen Seven Inch "The Fire, The Steel, The Tread" und "Up To Nothing" kommen zum Zug und sind keinen Deut schwächer als Klassiker der Marke "Poison" oder das bejubelte "Wayfaerer". Wenn man etwas kritisieren kann, dann, dass Hot Water Music ihr Programm fast eine Spur zu routiniert durchziehen. Song, Song, kurze Ansage, nächster Song. Leute, Ihr habt den geilsten Job der Welt. Sagt das mal Eurem Gesicht. Nichts für ungut, Ihr bleibt großartig. Aber das Publikum - mehrere hundert Fans sind da - sieht es auch in etwa so: "Bisschen lahm", hört man da an einer Ecke, ein Moshpit bildet sich erst im letzten Drittel des Sets. Da, wo einem auch "Remedy" um die Ohren fliegt, das Rezept gegens Stillstehen. Nach einer guten Stunde ist Schluss, für eine Zugabe kommen Ragan und Co. nochmal auf die Bühne: "Hard to know", die Hymne, deren Schlüsselsatz viele tätowierte Unterarme ziert: "Live your heart and never follow".

Was für ein schönes Schlusswort.

Mehr Fotos gibt es hier.




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