Mittwoch, 24. August 2011

Hörtest: Beirut – The Rip Tide

Als ob man einen alten, zugestellten Dachboden aufgeräumt hat: Es ist nicht mehr ganz so voll, aber trotzdem noch so gemütlich wie früher.

Keine Sorge: Wer an Beirut die musikalische Vielfalt liebt, die prachtvollen Blechbläser, die barocke Instrumentierung – der wird auch „The Rip Tide“ in sein Herz schließen. Wenn Mastermind Zach Condon aufräumt, sind eben nur noch sieben Musiker an Bord statt elf. Lassen wir uns vom Opener „A Candle’s Fire“ auf die Tanzfläche ziehen, wiegen wir uns im Takt zur Mariachi-Kapelle, die ihren satten Sound erschallen lässt. Geben wir uns dem lupenreinen Pop in „Santa Fe“ hin, der Ode an Condons Heimatstadt.

Wenn man Alben wie dieses hört, wird einem schlagartig klar, dass es die Musikindustrie einen großen Fehler macht, wenn sie ihr Glück in Singles und Downloads sucht – das Albumformat lebt, weil Künstler wie Zach Condon es mit Relevanz füllen. Da hängt „East Harlem“ direkt am Song davor, nur um vom noch intimeren „Goshen“ geerdet zu werden. Während „East Harlem“ wieder diese Wohlfühl-Bläser hat, kommen sie bei „Goshen“ erst gegen Ende, davor tragen Pinao und Condons Stimme den Song auf einem Samtkissen nach Hause. Apropos nach Hause: Zum ersten Mal ist das Album nicht das Resultat der Eindrücke, die der Maestro von Reisen in Länder wie Frankreich oder Mexiko mitgenommen hat. Die Songs hat Condon in New York, Albuquerque und Santa Fe komponiert, nur auf Ukulele oder Piano. Im Studio hat er sie dann mit der Band und dem instrumentalen Vollklang angereichert.

Und immer wieder diese Stimme. Man meint, jeden Zentimeter, den der junge Visionär gereist ist, in diesen Schwingungen zu hören, so ruhig, so erfahren und dabei so unverbraucht klingt das. Viele handeln „The Rip Tide“ schon jetzt als bisher bestes Album des Folk-Kollektivs. Das spielt im Grunde gar keine Rolle. Man möchte einfach nur in einer Nussschale über den Ozean treiben, wenn man den fernwehmütigen Titelsong hört, man spürt heißen Wüstenwind und kühle Regenschauer. Diese Musik kann das, mit ihrer tänzelnden Ukulele und dem hier und da aufflackernden Harmonium, mit dem manchmal meditativen Wiederholen von Textzeilen wie in „The Peacock“ oder den getupften Walzerrythmen wie in „Cuixmala“.

Bei aller Selbstfindung, die Zach Condon mit diesem Album betreibt: Die schönen Dinge hat er auf dem Dachboden gelassen. Man nimmt immer noch gerne Platz und genießt diese seltsam vertraute und unbeschreiblich anheimelnde Umgebung.

„The Rip Tide“ von Beirut erscheint am Freitag, 26. August, bei Pompeii Records. Wer nicht warten will: Auf NPR kann man das Album derzeit noch im Stream hören. Mehr unter http://beirutband.com/

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