Sonntag, 31. Juli 2011

Sonntags-Matinée: Karmakanic - In A Perfect World

And now for something completely different: Prog-Rock ist der oft belächelte und als zu verkopft abgetane Zweig der Rockmusik. Dabei finden sich echte Perlen im Genre der instrumentalen Wahnsinnsabfahrten. Karmakanic fühlen sich wohl im Umfeld von Genesis, Fates Warning und Konsorten. Kein Wunder: Hier ist der Bassist der Flower Kings mit seinem vierten Karmakanic-Album am Werk. 


Bassisten sind ja einem gängigen Mucker-Witz zufolge die Typen in der Band, die gern mit Musikern rumhängen (der Gag funktioniert alternativ auch mit Drummern). Jonas Reingold zupft bei den Flower Kings den Viersaiter, bei Karmakanic ist der das Mastermind. Apropops: Es wäre mal interessant, so ein Mastermind miniaturisiert zu betreten und zu sehen, das sich in den Hirnwindungen von Prog-Muckern so tut. Ich tippe darauf, dass sämtliche Synapsen ziemlich miteinander vernetzt sind, also halt, dass die Hirne leistungsfähiger sind als alles, was man sonst so kennt. Wie sonst kann man so eine musikalische Großtat wie den Fast-Fünzehn-Minüter "1969" schreiben, der das Album eröffnet? Das klingt nach den göttlichen Spock's Beard (die ja leider immer noch ohne Aussteiger Neal Morse auskommen müssen), aber klar, denn Spock's Beard klangen immer auch ein bisschen nach den Flower Kings. Ein prägnanter Bass, Pianoklänge und ein paar Streicher machen den Anfang. Das ist ja immer das Gute an Alben von Bassisten: Man hört den Tieftöner wenigstens mal, während er sonst gerne in den Hintergrund gemischt wird. Reingold greift hier tief in die Zitatekiste, streift sämtliche Prog-Charakteristika, spielt augenzwinkernd auf  "We shall overcome" an (es geht ja auch um das Flower-Power-Jahr schlechthin) und hetzt Hammondorgeln und Jazztupfer aufeinander. Hippiesk wirkt auch das Plattencover: In einer perfekten Welt gäbe es Verhütungsmittel contra Bomben, kann man herauslesen.

Zu Melodien wie "The World is caving in" sieht man Astronauten durchs All schweben, während der blaue Planet im Hintergrund funkelt, während auch mal härter in die Saiten gegriffen wird. Bei "Can't take it with you" hagelt es plötzlich Salsa, "Nothing is wrong with the world" gefällt mit gekonnten Solo-Ausflügen. Auch die Texte wirken nicht wie hingeschludert, sondern durchdacht und intelligent. Schön auch, dass die sechs Musiker bei aller instrumentaler Virtuosität niemals den Song aus dem Auge verlieren.

Stilistische Grenzen kennt die Musik von Karmakanic nicht. Das bedeutet aber auch, dass hier jeder fündig werden kann, der mit offenen Ohren durch die Welt geht und sich beim Stichwort Progressive Rock nicht sofort ausklinkt.
Lohnt sich.

"In a perfect world" von Karmakanic ist am 22. Juni bei Inside Out Music erschienen. Mehr: www.reingoldmusic.com

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