Dienstag, 21. Juni 2011

Konzertkritik: Frank Turner in Lindau

Frank Turner
Support: Ghost Of A Chance.
Club Vaudeville, Lindau, 20. Juni 2011 (Ausverkauft).
Text und Fotos: Daniel Drescher

Frank Turner in einem
ruhigeren Moment.   Foto: Drescher
Gäbe es mehr Menschen wie Frank Turner, der Weltfrieden wäre keine Illusion. Der in Bahrain geborene und in England aufgewachsene Musiker kennt keine Scheuklappen, keine Schubladen. Andererseits würde man ihm auch auf die Barrikaden folgen, wenn er zur Revolution rufen würde, weil er politisches Bewusstsein hat. Seine Konzerte sind deswegen so großartig: Weil es zum einen darum geht, etwas zu bewirken, gegen die Lethargie anzustürmen. Aber zum anderen eben auch darum, gemeinsam friedlich zu feiern. Den Soundtrack dazu liefert der "skinny half-arsed English Country Singer" mit seiner Band, den "Sleeping Souls". Und zwar vom ersten bis zum letzten Ton. Die geniale Ansage in "Eulogy", die jedem die Wunden leckt und die Selbstzweifel fortspült. Die wahnwitzige Vorstellung von einer etwas anderen Art des Lebens nach dem Tod in "One Foot Before The Other". Die Verbeugung vor dem Sound, der einen Tempel niederreißen kann in "I Still Believe". Oder natürlich die großartige Analyse von Protest und was davon bleibt in "Love, Ire and Song". Frank Turner schreibt derartig brillante Texte, dass man sich ein Buch von ihm wünschen würde. Die Musik dazu perlt ungeschliffen und charmant schrammelnd aus seiner verschrammten Akustikgitarre. Wenn er dann noch anfängt, ein paar Brocken Deutsch einzuwerfen, ist man dem Charme dieses Dichters und Denkers verfallen: "Isch habe mein Pausenbrot vergessen." Kurz vor seinem Auftritt hat er noch gebloggt, wie er am Lindauer Bodenseeufer entlang läuft und über Geschichte und mehr nachdenkt.

Bevor Turner die Bühne entert, gefällt der Mainzer Singer/Songwriter Tobias Heiland alias Ghost Of A Chance mit wunderbar unprätentiösen Akustikgitarre-Stücken. Mit sympathischen Ansagen und skurrilen Geschichten, etwa über den australischen Straßenräuber Ned Kelly, der bei einem Kampf gegen die Polizei eine Ritterrüstung trug, bekommt Heiland den verdienten Applaus.

Die Songauswahl später bei Frank Turner ist perfekt, die Stücke vom aktuellen "England Keep My Bones" sind nicht weniger umjubelt als älteres Material: Zu "Peggy Sang The Blues" gibt's eine Geschichte über Frank Turners Oma, die ihn mit Whiskey beim Pokern schwächen wollte, als er zehn war. Auch von "Love, Ire and Song" und "Poetry of the Deed" gibt's die Perlen, ob "I knew Prufrock before he got famous" oder "Sons of Liberty". Alles wirkt direkt und intensiv, wohl auch, weil man sich im Club Vaudeville für lauschige Wohnzimmer-Atmosphäre statt großer Halle entschieden hat. 250 Fans rasten kollektiv aus. "I won't sit down/I won't shut up" ist die Parole in "Photosynthesis". Eben: Im Sitzen hat noch niemand eine Revolution begonnen. Hoch mit dem Arsch und etwas bewegen. Frank Turner macht vor, wie es geht.

Mehr Fotos vom Konzert im Club Vaudeville gibt's auf der Facebook-Seite von Tinnitus Attacks, die ihr gerne liken dürft/sollt/könnt: Hier entlang.

Meine Plattenkritik zu "England Keep My Bones" könnt Ihr hier lesen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen