Dienstag, 7. Juni 2011

Hörtest: Frank Turner - England Keep My Bones

Eine Platte wie ein Manifest. Wäre das hier Literatur, man müsste es zur Pflichtlektüre in jeder Schule machen. Vorausgesetzt, die Lehrer wollten ihre Schüler zu kritisch denkenden, weltgewandten Individuen erziehen. Frank Turner erfindet sich mit "England Keep My Bones" neu, obwohl er im Grunde nur seine Stärken auf den Punkt bringt - und hat einen hymnischen Meilenstein geschaffen, so rein und roh, dass einem die Tränen kommen. 


Hätten die zynischen Plattenbosse Recht, die überzüchtete Popdackel wie Rihanna oder Lady Gaga als Cash Cows nutzen, dürfte Frank Turner gar nicht existieren. Zu authentisch, zu ungekünstelt, zu reell wirkt der englische Songwriter, der mit seinen Folkpunk-Hymnen jedes Publikum zu willenlosem Klatschfutter machen kann. Aber sie haben eben nicht Recht. Plastik verrottet vielleicht nie, aber Holz ist edler, sinnvoller, schöner. Frank Turner nimmt sich gegen den seelenlosen Pop-Einheitsbrei aus wie eine Woche in einer Blockhütte an einem verlassenen See in den Appalachen gegen einen schmerbäuchigen All-Inclusive-Urlaub in einem zu Tode animierten Ferientempel.

Schon das Intro "Eulogy", das man von den Live-Auftritten aus dem letzten Jahr kennt, ist eine dermaßen wahrhaftige Ansage, dass diese hier in aller Länge zitiert sei:

"Not everyone grows up to be an astronaut,
not everyone was born to be a king,
not everyone can be Freddie Mercury,
but everyone can raise their glass and sing.

I may not be the perfect kind of person,
I may not do what mum and dad dreamed,
but on the day I die, I'll say at least I fucking tried.
That's the only eulogy I need,
thats the only eulogy I need."



Eine Hymne für alle, die verloren haben, sich verloren fühlen, die sich grämen, an sich zweifeln - dieses kurze Stück nimmt sie alle in den Arm. Klar, Frank Turner hat leicht reden. Aber er meint das auch so, ist keiner von denen, die zehn Sportwagen und drei Villen haben wollen. Er glaubt an den Rock'n'Roll, wie er in "I Still believe" (auch das schon live erprobt) bezeugt: "I still believe in the need for guitars and drums and desperate poetry". Auch "Peggy Sang The Blues", die Hommage an seine verstorbene Großmutter, und das nachdenkliche-drängelnde "I Am Disappeared" kennt man bereits. Es sind Highlights, aber die sind ohnehin nicht in der Unterzahl auf "England Keep My Bones".


"Rivers" kommt so folkig daher, dass man sich in einem urigen Pub wähnt, wo Turner ja in der Tat auch bestens in die Live-Ecke passen würde. "English Curse" klingt eher wie ein Traditional als nach Campfire-Punkrock. Die zweite Albumhälfte fällt nicht ab: "If I ever stray" wandelt sich vom catchy Ohrwurm zur Rock-Walze mit Bläsersatz. Bei "Wessex Boy" hagelt es Live-Feeling pur, "Nights Become Days" klingt mit Gitarre und Streichern ganz zahm und zurückgenommen. Frank Turner zeigt sich variabler als je zuvor, noch melodieverliebter als zuletzt und auf dem Zenit seiner Songwriting-Kunst. Die Themen sind vertraut: Unterwegs sein, ankommen, Widerstand, Lebenslügen, Wahrheiten aussprechen, Erwachsen werden - Frank Turner textet ehrlich, unironisch, unwiderstehlich. Wie angekündigt, beschäftigt er sich auch mit Fragen der englischen Identität. Eins ist aber auch klar: Wenn er das Album in "Glory Hallelujah" zu fast schon sakralen Orgelklängen ausklingen lässt und dazu verkündet: "There is no God, no Heaven and no Hell", wird er sich damit nicht gerade die Sympathien der amerikanischen religiösen Rechten zuziehen.
Wobei die dann wohl auch nicht seine Zielgruppe sind.
Eher die eingangs erwähnten kritisch denkenden Individuen.
Und jeder, der eine schäumende Punkrock-Party im Akustik-Gewand feiern will.

"England Keep My Bones" (Epitaph) ist jetzt im gut sortierten Plattenladen zu haben - und man kann es im Stream auf Frank Turners Internetseite hören.

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